Wenn es andersrum gekommen wäre - die Distel spielt den etwas anderen Verlauf der Geschichte durch

Feiern zum 60. Jahrestag der DDR

Monika Konigorski
3 Min

Mal abgesehen davon, dass die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht wirklich gegeben waren - das Gedankenexperiment lohnt: Wie würden wir denn heute den 20. Jahrestag des Mauerfalls feiern, wenn es anders rum gekommen wäre, wenn die DDR die Bundesrepublik übernommen hätte? Das Kabarett Distel, die in den 55 Jahren ihrer Existenz alles erlebt hat - die offene Grenze, den Mauerbau, den Mauerfall und das vereinigte Deutschland, spielt diese Idee in Martin Maier-Bödes Stück "Staatsratsvorsitzende küsst man nicht" mit viel Wortwitz durch.Das Publikum findet sich unversehens in der Rolle der Claqueure wieder: Auserwählt, bei der großen Parade zum DDR-Geburtstag ganz nah beim Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz zu stehen, am Erich-Honecker-Denkmal auf dem Breitscheidplatz. Jubel-Training tut Not, denn ein Teil der Claqueure kommt aus den elf neuen Bezirken im Westen Deutschlands.Der Darsteller Michael Nitzel als hochmotivierter Parteifunktionär hat im Publikum "Wink-Elemente" in Form roter Papierservietten austeilen lassen. Aber das Winken gerät ihm zu westlich, zu unkoordiniert. Auch 19 Jahre nach der Wiedervereinigung, stellt er fest, hat sich das sozialistische Denken in den Köpfen der Westler noch nicht ganz durchgesetzt.Alte DDR-Klischees und Witze werden vom Autor Martin Maier-Bode intelligent in das fiktive Szenario übertragen. Michael Nitzel überzeugt vor allem in der Kommunikation mit dem Publikum. Dagmar Jaeger spielt die leicht frustrierte West-Genossin, die sich vor den Ostlern für ihr altes Leben im Westen rechtfertigen muss: Ob sie denn nicht gemerkt habe, in was für einem System sie damals lebte?Manchen Szenen merkt man leider an, dass sie für frühere Distel-Programme geschrieben worden waren. Und auch wenn der ältere Teil des Publikums sich von den umgetexteten Medleys mit West- und Ostliedgut sehr angetan zeigte - ihre Aufführung war eher pointenreich als gesanglich schön. Der Reiz des Programms liegt woanders: Es setzt die geschichtliche Fiktion so geschickt um, dass das Publikum gedanklich um zahlreiche Ecken folgen kann, ohne mit einem Knoten im Gehirn zu enden.Zum Beispiel, wenn sich das Trio in der DDR-Fiktion einer völlig absurden Vorstellung hingibt: "Stellt euch vor, heute würden alle im BRD-System leben und die DDR wäre damals untergegangen!" Ossis wären als Deutsche zweiter Klasse behandelt worden - nicht nur modisch, sondern auch noch politisch unterlegen. Und spätestens 20 Jahre nach so einer Vereinigung, meinen die Ostler, würden sämtliche kapitalistische Finanzmärkte schlicht zusammenbrechen. Das war hellsichtig, Genossen.Staatsratsvorsitzende küsst man nicht: bis 22. 8. täglich 20 Uhr, dann wieder im September. Karten: 20 44 704------------------------------Foto: Martin Maier-Böde, Michael Nitzel und Claudia Jäger in den blauen Hemden der FDJ bei der Vorbereitung des 60. Jahrestages der DDR.

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