Wahlkampf

„Wenn Herrn Evers die Argumente ausgehen, wird er absurd“: Pantisano kritisiert CDU-Spitzenkandidaten

Neue Mietdaten sorgen kurz vor der Berlin-Wahl für Streit. Linke-Chef Luigi Pantisano greift große Wohnungskonzerne und Stefan Evers an.

5 Min
Linke-Chef Luigi Pantisano verteidigt die Enteignungspläne seiner Partei: Mieter sollen nicht mehr „für die Aktionäre bluten müssen“.

Linke-Chef Luigi Pantisano verteidigt die Enteignungspläne seiner Partei: Mieter sollen nicht mehr „für die Aktionäre bluten müssen“.

© Bernd von Jutrczenka/dpa

CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers wirft der Linken vor, die Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt mit ihren Enteignungsplänen bewusst zu verschärfen. Im Interview mit der Berliner Zeitung antwortete er auf die entsprechende Frage: „Ja, weil es funktioniert.“ Wenig später legte er im „n-tv Salon“ nach und warf Linke und Grünen „Vermieterhetze“ vor. Nun fallen neue Zahlen in diesen Streit – und Linke-Chef Luigi Pantisano kontert gegenüber der Berliner Zeitung.

In 821 vom Verbraucherrechtsportal Allright ausgewerteten Berliner Mietfällen lag die verlangte Nettokaltmiete im Durchschnitt bei 925,59 Euro. Als zulässig ermittelte das Unternehmen durchschnittlich 581,28 Euro. Die Differenz: 344,31 Euro im Monat oder mehr als 4100 Euro im Jahr.

Damit lagen die verlangten Mieten in der untersuchten Stichprobe rund 59 Prozent über dem von Allright ermittelten zulässigen Wert. Auch beim Quadratmeterpreis ist die Differenz erheblich: Tatsächlich zahlten die Betroffenen durchschnittlich 14,31 Euro kalt pro Quadratmeter, als zulässig wurden 8,62 Euro errechnet.

Berlin, Juni 2026: Linke-Chefin Ines Schwerdtner (M.), der damalige Kandidat für den Parteivorsitz Luigi Pantisano (l.) und Berlins Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp (r.) bei einem Protest gegen Sozialabbau.

Berlin, Juni 2026: Linke-Chefin Ines Schwerdtner (M.), der damalige Kandidat für den Parteivorsitz Luigi Pantisano (l.) und Berlins Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp (r.) bei einem Protest gegen Sozialabbau.

© imago

Untersuchung: Nur Fälle von Mietern, die prüfen ließen

Besonders groß fiel die Abweichung in Friedrichshain-Kreuzberg aus. Dort wurden im Schnitt 16,08 Euro pro Quadratmeter verlangt, während Allright 8,51 Euro als zulässigen Wert ermittelte – eine Differenz von 89 Prozent. In Lichtenberg waren es 67 Prozent, in Pankow 58 Prozent.

Die Untersuchung ist allerdings nicht repräsentativ für den gesamten Berliner Mietmarkt. Ausgewertet wurden Kundendaten von Allright, also Fälle von Mietern, die ihre Miethöhe überprüfen ließen. Zudem können Vormiete, Modernisierungen und gesetzliche Ausnahmen beeinflussen, welche Miete im Einzelfall tatsächlich zulässig ist.

Eine deutlich breitere Datengrundlage liefert der Berliner Mietspiegel 2026. Er basiert auf rund 17.000 repräsentativ erhobenen Miet- und Ausstattungsdaten und weist für den mietspiegelrelevanten Wohnungsbestand ein durchschnittliches Mietniveau von 7,71 Euro nettokalt pro Quadratmeter aus. Die Werte sind allerdings nicht direkt mit den 14,31 Euro aus der Allright-Auswertung vergleichbar: Der Mietspiegel bildet die ortsübliche Vergleichsmiete ab, während Allright gezielt Fälle von Kunden untersucht hat, die ihre Miete überprüfen ließen.

Pantisano: „Wir glauben an Vorsatz“

Pantisano sieht sich durch die Zahlen bestätigt. „Um durchschnittlich knapp 60 Prozent liegen die geprüften Mieten über der erlaubten Grenze“, sagt der Linke-Bundesvorsitzende der Berliner Zeitung über die 344 Euro mehr im Monat, rund 4100 Euro im Jahr, die den betroffenen Mietern demnach zu viel abverlangt würden.

Besonders große börsennotierte Immobilienkonzerne nimmt Pantisano ins Visier und nennt ausdrücklich Vonovia. Diese Unternehmen nutzten nach seiner Darstellung die Notlage von Menschen aus, die dringend eine Wohnung suchten. „Wuchermieten, illegale Mieterhöhungen und sonstige Tricksereien treten mit solcher Häufigkeit auf, dass wir an Vorsatz glauben“, sagt Pantisano.

Aus den Zahlen leitet er auch eine politische Forderung ab: „Wenn große Wohnungskonzerne systematisch ihre Mieterinnen und Mieter abzocken, ist es höchste Zeit, die Wohnungen zu enteignen.“

Ausgerechnet Vonovia hatte Evers im „n-tv Salon“ wenige Tage zuvor anders dargestellt. Der Konzern habe sich „massiv“ für das geplante Berliner Mietenregister ausgesprochen, sagte der CDU-Spitzenkandidat. Vonovia habe als börsennotiertes Unternehmen mit Compliance-Regeln kein Interesse daran, dass andere Vermieter Regeln verletzten und damit den Wettbewerb verzerrten. „Einen funktionierenden Wohnungsmarkt schaffen wir nicht durch Propaganda und Vermieterhetze, wie man sie insbesondere bei Linken und Grünen beobachtet“, sagte Evers.

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Stefan Evers (CDU, l.) und Bettina Jarasch (Grüne, r.) diskutieren über die Pläne für eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes. Evers sieht das Projekt positiv.

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© Businessfotografie Inga Haar/Markus Stegner

Evers: Linke verschärft Problem bewusst

Noch weiter war Evers zuvor im Interview mit der Berliner Zeitung gegangen. „Massenenteignungen“ würden die Knappheit an bezahlbarem Wohnraum weiter verschärfen, sagte er. Steigende Mieten und weniger neuer Wohnraum wären nach seiner Darstellung die Folge. Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp sei „klug genug“, das zu wissen. Ihr Versprechen eines günstigeren Wohnraums bezeichnete Evers als „zynisch“ und „perfide“.

Auf die Frage, ob er der Linken damit unterstelle, die Situation auf dem Wohnungsmarkt bewusst zu verschärfen und anschließend politisch davon zu profitieren, antwortete Evers: „Ja, weil es funktioniert.“

Pantisano zu Evers: „Wird er eben absurd“

Pantisano weist die Vorwürfe zurück. „Wenn Herrn Evers die Argumente ausgehen, wird er eben absurd“, sagte er der Berliner Zeitung. Warum die Anwendung des Grundgesetzes nicht mit dem Selbstverständnis Berlins vereinbar sein solle, fragt der Linke-Chef. Schließlich hätten die Berliner bereits über die Vergesellschaftung abgestimmt.

Beim Volksentscheid „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ im September 2021 stimmte eine Mehrheit für die Vergesellschaftung der Bestände großer privater Wohnungsunternehmen.

Einen Teil von Evers’ Argumentation bestreitet Pantisano dabei gar nicht: „Natürlich schafft die Enteignung der Mietmafia keine Wohnungen.“ Darum gehe es jedoch nicht allein. „Wenn die Mieterinnen und Mieter nicht mehr für die Aktionäre bluten müssen, können die Mieten sinken“, sagt Pantisano.

Zusätzlich müssten Wohnungen gebaut werden, fordert er – allerdings bezahlbare „in öffentlicher Hand“ statt, wie er es formuliert, „Luxus-Renditeobjekte der CDU-Kumpels“.

Allright-Auswertung zeigt erhebliche finanzielle Folgen

Die Allright-Auswertung zeigt unterdessen, dass eine Überprüfung der Miethöhe für einzelne Mieter erhebliche finanzielle Folgen haben kann. In den von Allright als erfolgreich ausgewiesenen Fällen sank die monatliche Miete im Durchschnitt um rund 25 Prozent. Das entsprach einer Entlastung von 236 Euro im Monat oder mehr als 2800 Euro im Jahr.

Vier Tage vor der Wahl stehen damit zwei gegensätzliche Diagnosen der Berliner Wohnungskrise gegenüber: Evers sieht Enteignungen als Teil des Problems und setzt auf Zusammenarbeit mit privaten Wohnungsunternehmen. Pantisano sieht gerade bei großen börsennotierten Konzernen Anlass für einen härteren Kurs.

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