TYRUS. Nach dem letzten verwandelten Elfmeter war die Feier noch lange nicht vorbei. Tyrus am Abend des 9. Juli 2006: Im Corso fahren Dutzende Wagen mit wehenden grün-weiß-roten Fahnen die Uferpromenade der südlibanesischen Hafenstadt entlang. Italien ist Weltmeister! Gemeinsam mit Bekannten und Kollegen genießt auch Frank Masche die ausgelassene Stimmung an der von Palmen gesäumten Corniche. In der im Erdgeschoss seines Wohnhauses gelegenen Gaststätte "Noceans" verfolgen sie die letzten Züge des WM-Spektakels. Anhänger Zinedine Zidanes vergießen Tränen.Weniger als sechzig Stunden später ist den fußballbegeisterten Libanesen die Feierlaune gründlich vergangen. Nur zwanzig Kilometer Luftlinie von Masches Wohnung entfernt haben Kämpfer der schiitischen Hisbollah am Morgen des 12. Juli zwei israelische Soldaten entführt. Israels Armee und Luftwaffe schlagen sofort zurück, noch am selben Tag fliehen Tausende Libanesen Richtung Norden.Auch der aus Biesdorf bei Marzahn stammende Minenräumer ergreift die Flucht - nur sechs Wochen, nachdem er mit seiner Familie im Libanon eingetroffen ist. Was er an diesem Tag noch nicht wissen kann: Es ist der Beginn der größten israelischen Militäroperation gegen den Libanon in mehr als zehn Jahren - die Operation "Früchte des Zorns" im April 1996 endet erst nach 16 Tagen. Nur die 1982 vom damaligen Verteidigungsminister Ariel Sharon geführte Belagerung Beiruts dauerte länger. In dem Sommer wurde Italien auch Weltmeister.An Fußball aber ist nun wirklich nicht mehr zu denken. Statt wie vorgesehen bei der Räumung in den achtziger Jahren gelegter Minen zu helfen, muss Masche mit seiner Frau Anja und der damals dreijährigen Tochter Greta in Beirut im Hotel unterschlüpfen. Aus der Traum vom neuen friedlichen Zuhause. Tagsüber kümmert sich der 38-Jährige um die Papiere für die Ausreise, nachts hallen die Bombeneinschläge aus der nur vier Kilometer südlich vom Stadtzentrum gelegenen Hisbollah-Hochburg Haret Hreik bis ins Hotelzimmer.Den Masches kommt es vor wie eine Ewigkeit. Nach einer Woche schließlich geht es mit Hunderten anderen Deutschen über Damaskus zurück in die Heimat. Erst als sein Chef ihn in der dritten Kriegswoche anruft, fliegt Masche wieder in den Libanon. Kampfmittelräumung lautet der Auftrag.Dabei hatte er sich alles so schön vorgestellt. Der Job im Libanon schien perfekt zu sein. Ein ruhiges Land mit guter Küche und technisch anspruchsvollen Aufgaben. Zum ersten Mal konnte Masche seine Familie auf einen Auftrag mitnehmen. Sie hatten dieses schöne Apartment mit Meerblick in Tyrus. Bis ihn der Krieg einholte. Den Krieg, den er bis dahin nur erlebt hatte, wenn er schon vorbei war. Masche war Soldat bei der Nationalen Volksarmee, bevor er 1992 zum Minenräumer und Bombenexperten ausgebildet wurde. Er war in Angola und Afghanistan, in Guatemala und Kroatien, in Vietnam und Irak. Er hat Minen geräumt und Streubomben beseitigt. Er ist der Mann, der den Dreck weg macht, wenn die Militärs sich ausgetobt haben.Der Libanon war für Masche ein Hoffnungsprojekt. Es schien so, als würde hier alles gut werden. Sechs Jahre nach dem Abzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon breitete sich in Städten wie Tyrus, Nabatija, Khiam und Marjajoun langsam Normalität aus. Frieden und der Aufbau sicherer Existenzen schienen möglich. "Unser Ziel war es, den Leuten ihr Land zurückzugeben, so dass sie ihre Felder endlich wieder bestellen können", sagt Masche. Er wollte mit seiner Arbeit dabei helfen, den Menschen hier die Zukunft etwas leichter zu machen.Doch ein Jahr nach Beginn des 34-tägigen Waffengangs, den die Libanesen Juli-Krieg, die Israelis Zweiter Libanon-Krieg nennen, scheint Frieden wieder nur ein Fremdwort zu sein in der Zedernrepublik. Und auf den Krisenhelfer Masche warten schon in den nächsten Wochen neue Aufgaben: Seit Mai sind Kämpfer der islamistischen Fatah al-Islam mit der libanesischen Armee im Palästinenserlager Nahr al-Barid in einen Krieg verwickelt. Häuser und Straßen wurden vermint, Sprengladungen in Kellereingängen und Hauseingängen versteckt. Wenn die Gefechte vorbei sind, werden Masche und seine Kollegen von der Minenräumungstruppe der Vereinten Nationen zu den ersten Zivilisten zählen, die in das Lager gehen. Zerstörung und Gefahr erwarten ihn.Eigentlich hatte man ihn vor einem Jahr in den Libanon geschickt, um die so genannte Area 6 zu säubern, das Gebiet nördlich des Litani-Flusses - vollgestopft mit Landminen, die nach der israelischen Invasion 1982 zurückgelassen wurden. Battle Area Clearance heißt das im Fachjargon, Kampffeldräumung. Mit Minensuchnadeln und Detektoren muss das Feld Meter um Meter abgesucht werden. Nicht zuletzt wegen der hohen Temperaturen verzichtet Masche auf das Tragen der kiloschweren Schutzkleidung. "Das bedeutet nicht, dass ich fahrlässig handele", sagt er. Masche ist kein Draufgänger.Das israelische Dauerbombardement vom vergangenen Sommer hat nun alle Erfolge wieder zunichte gemacht. Schon geräumtes Gebiet ist wieder gefährlich geworden. Neue und alte Blindgänger mischen sich. Allein in den letzten 72 Stunden des Juli-Krieges, als schon längst klar war, dass es eine Waffenruhe geben würde, feuerten die Israelis noch 1800 Raketen über die Grenze. Die Raketen wurden in den siebziger Jahren in den Vereinigten Staaten gefertigt, als noch der Vietnam-Krieg tobte. Und sie waren mit Streumunition bestückt.Die Raketen öffnen sich ein paar hundert Meter über dem Boden und lassen hunderte von sogenannten Bombletten frei. Durch die Drehung im Wind werden die Zünder der Bombletten aktiviert. Sie explodieren beim Aufprall und haben einen Todesradius von zweihunderfünfzig Metern. Etwa vierzig Prozent der Bombletten explodieren nicht, sie bleiben als Blindgänger liegen und können bei der kleinsten Berührung losgehen. Die Unfälle passieren beim Aufräumen, beim Ausfegen, bei der Ernte. Die Krankenhäuser in Tyrus sind voll mit Opfern. Sie haben keine Arme oder keine Beine mehr, ihre Körper sind zerfetzt von kleinen, messerscharfen Metallsplittern, die bei der Explosion der Bombletten entstehen. Sie sind die Opfer des Krieges nach dem Krieg.Als billige Entsorgungsaktion veralteter Waffen haben Experten den Abwurf der Streubomben bezeichnet. "Schockierend und absolut unmoralisch" nannte der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, das israelische Vorgehen. Masche kämpft dagegen, dass es noch mehr Opfer gibt, dass noch mehr Menschen auf diese furchtbare Weise getötet oder verletzt werden. Diese Aufgabe macht ihn stark. Sie gibt ihm die Kraft, jetzt hier weiter zu machen. Ohne seine Familie, ohne den Traum vom neuen Leben im Libanon.Für die Räumung der Bombletten braucht Masche enormes Fingerspitzengefühl. Es gibt keine Ortungsgeräte. Er muss die Bombletten mit den Augen erkennen. Sie sind anthrazitfarben, klein wie eine Taschenlampenbatterie. An ihrem spitz zulaufenden Ende hängt ein Band aus weißem Nylon. Aus Bäumen, Betten, Wohnzimmern und Garagen holen Masche und seine Mitarbeiter die tödlichen Sprengsätze. Bis zu 150 am Tag.Sechs Wochen lang war Masche mit der Beseitigung der Kriegsschäden beschäftigt, zwölf Stunden täglich, und das bei Temperaturen von weit über dreißig Grad - ein nervenaufreibender Job, bei dem nur ein Fehlgriff tödlich sein kann. Hinzu kommt, was Masche das "Problem überlappender Granaten" nennt: Weil die israelische Armee gegen Ende des Krieges wahllos bombardierte, lassen sich die Zentren der einzelnen Granatabwürfe nicht mehr feststellen. Das macht das Aufspüren der Bombletten so schwierig. Mit der Zeit sorgen Wind und Wetter dafür, dass die Sprengkapseln unter der Erde verschwinden. "Aber nur weil die Spuren weg sind, heißt das nicht, dass auch die Gefahr weg ist", sagt Masche. Über 900 Abwurfstellen haben die Aufräumer der Vereinten Nationen in Tyrus seit Ende des Krieges registriert. Knapp 35 Quadratkilometer sind mit Streubomben belastet.Frank Masche hat keine Illusionen mehr. "Wenn Menschen lange genug manipuliert werden, lassen sie alles mit sich machen - und werden zu allem bereit sein", sagt er. Masche meint nicht nur diejenigen, die solche Bomben herstellen und abwerfen, sondern auch die, die ihr Leben riskieren, um sich bei der Minenräumung ein paar Dollar zu verdienen. Fünf Dollar pro Blindgänger nahm etwa im vergangenen Herbst ein Palästinenser, der schon nach dem Bürgerkrieg als Self-Made-Minenräumer seinen Unterhalt verdient hatte. "Schrotthändler haben sich sofort auf die verseuchten Gebiete gestürzt und alles Metallene weggeschleppt, was nicht niet- und nagelfest war", erzählt Masche und schüttelt den Kopf. Solchen sich selbst gefährdenden Einzelkämpfern setzt er sein in Nachkriegsgebieten in Lateinamerika ebenso wie in Afrika und Asien erprobtes Konzept von "Hilfe zur Selbsthilfe" entgegen. "Richtig erfolgreich arbeiten wir dann, wenn Leute, die Hilfe wollen, unsere Vorschläge akzeptieren - und uns dann in der Arbeit unterstützen."In südlibanesischen Gemeinden wie Johmor und Sautar klappt das. Dort sind Masche und sein Team nun schon seit über einem Jahr präsent. Man kennt sich. Und Karten liegen vor, die die Arbeit berechenbar machen: Israelische Militärs übergaben nach dem Abzug im Jahr 2000 Pläne der Minenfelder. Im Palästinenserlager Nahr al-Barid aber erwartet Masche wieder unbekanntes Terrain: "In der Theorie und auf dem Übungsplatz ist der Einsatz einfach", sagt er. "Doch die Wirklichkeit sieht anders aus."Und wenn sie hier irgendwann fertig sind, dann wird es irgendwo anders neue Einsätze geben. Masche sagt, dass die Ausputzer nie so schnell sein werden wie die Krieger. Es ist ein Wettlauf, bei dem es nur Verlierer gibt. Masches Frau ist jetzt wieder in Berlin. Sie erwartet noch ein Kind. Vielleicht kann der Vater bei der Geburt dabei sein. Wenn es die Weltlage erlaubt.------------------------------"Unser Ziel ist es, den Leuten ihr Land zurückzugeben."Frank Masche------------------------------Foto : Frank Masche bei der Entschärfung einer Bomblette im Südlibanon. Die kleinste Berührung kann zur Explosion führen.
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