Kennen Sie das: Jemand haut Ihnen eine Unverschämtheit um die Ohren, und die passende Antwort fällt Ihnen erst Stunden später ein? Mir passiert das ständig, und jetzt erst wieder. Ich stand auf dem Theaterplatz vor der Dresdner Semperoper, um mich herum etwa tausend Kollegen der sächsischen Theater und Orchesterbetriebe, Schauspieler, Musiker, Techniker, Theatermaler, Inspizienten und Souffleusen, die gemeinsam gegen geplante massive Kürzungen im kommenden Kulturhaushalt Sachsens demonstrierten.
Zum Verständnis: Es geht nicht darum, ob Theater zukünftig ein oder zwei Inszenierungen weniger produzieren oder ob Orchester ein oder zwei Konzerte weniger spielen können. Es geht darum, ob in den nächsten Jahren Theater schließen und ganze Orchester entlassen werden.
Nach einigen Musik- und Redebeiträgen trat Martin Dulig ans Mikro, früher sächsischer Wirtschaftsminister, heute SPD-Landtagsabgeordneter und Mitglied im Ausschuss für Kultur und Tourismus. In einem spontanen Redebeitrag würdigte er die großartige Arbeit sächsischer Theater und Orchester, er wäre jetzt aber in einer „ganz blöden Situation“: Eigentlich stünde er lieber bei den Demonstranten, eben weil er wisse, wie wichtig Kultur sei. Aber er müsse auch um Verständnis werben, leider fehlten zwei Milliarden im Freistaat und jetzt müssten die Abgeordneten schwierige Entscheidungen treffen.
Schließlich gäbe es noch andere Bereiche, Bildung und Gesundheit, dort fehlte das Geld auch, und jetzt müsse man eben abwägen. Eine Demonstrantin rief, was manche dachten und auch auf Transparente geschrieben hatten: „Aber für’s Militär habt Ihr Geld!“ Duligs Antwort an die Zwischenruferin: „Im sächsischen Landtag wird kein einziger Cent für das Militär beschlossen. Insofern ist Ihr Argument ziemlich preiswert!“ Mit „preiswert“ meinte er wohl „billig“, wollte aber freundlich bleiben.
Theater ist Frieden!
Das war dieser Moment. Da haut einem jemand eine Unverschämtheit um die Ohren – und so gern ich in einem spontanen Beitrag geantwortet hätte: Mir fehlten die Worte wie dem Freistaat die Milliarden. Ich verließ die Demo, schloss mein Fahrrad ab und trat wütend in die Pedalen. Entlang der Elbwiesen formulierte ich meine Antwort auf Dulig. Denn selbstverständlich war seine Antwort unverschämt. Vor allem aber hatte er die Wahrheit gesagt.
Der Sächsische Landtag beschließt tatsächlich keinen einzigen Cent für das Militär. Aber gerade diese Tatsache macht den Zwischenruf der Demonstrantin noch wertvoller: Denn gerade weil der Landtag kein Kriegsgerät verhindern kann, sollte er in den Frieden investieren. Theater ist Frieden! Im Theater werden die Probleme und Konflikte einer Gesellschaft durchgespielt, ohne dass einer stirbt. Im Theater stehen die Toten wieder auf. Diese Gedanken von Max Frisch und Heiner Müller kann sicher ein demonstrierender Dramaturg als Originalzitate an Martin Dulig mailen.
Das Theater kann unblutig ergründen, was mit einer Gesellschaft passiert, die nur noch eine Zukunftserzählung hat: Kriegstüchtigkeit! Dieses Zitat ist von mir – und ich schenke es dem Kulturausschuss als Argumentationshilfe.
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Kultur ist Frieden! In Theateraufführungen und Konzerten sitzen alle in einem Saal: Der Handwerker neben dem Geschäftsführer, die Krankenschwester neben dem Chefarzt und – so es überhaupt noch Kartenkontingente für Arme gibt - die Grundsicherungsempfängerin neben dem Deutschlehrer. Und der Kunstgenuss ist für alle gleich groß oder gleich klein. Keiner kann mehr oder weniger genießen, nur weil er mehr oder weniger Geld auf dem Konto hat. Keiner kann mehr begreifen, nur weil der Anzug teurer ist. Bei Mozart findet keiner mehr Trost, nur weil er im Auto eine Heizung unterm Arsch hat.
Das ist fast schon Kommunismus. Zwei Stunden lang können Menschen erleben, wie es sich anfühlt, Gleiche unter Gleichen zu sein. Bei geschlossenen Theatern und Konzertsälen bleibt nur noch der Griff zur Fernbedienung. Natürlich sind auch das Fernsehprogramm, Netflix oder YouTube für alle gleich. Aber: Jeder bleibt eben für sich allein. Der wichtigste Unterschied zum Theaterbesuch: Allein zu Hause vor dem Fernseher kann jeder die Probleme ausschalten. Keine unbequemen Fragen, keine anderen Weltsichten, keine anderen Perspektiven.
Theater und Orchester waren die Initiatoren und Veranstalter der Demonstration in Dresden. Aber es geht um die Zukunft der gesamten Kultur in Sachsen.
© Matthias Wehnert/Imago
Ich hätte Herrn Dulig gern spontan geantwortet. Ich hätte ihm gern sofort erwidert, dass sein Versuch, Bildung, Kultur und Gesundheit gegeneinander abzuwägen, ein Angriff auf unsere Gesellschaft ist. Kultur, Bildung und Gesundheit gehören zu den Grundfesten unserer Gesellschaft! Sie gehören nicht gegeneinander abgewogen, sie gehören alle zusammen gesichert! Kultur braucht Krankenhäuser, denn Kranke können keine Konzerte besuchen. Krankenhäuser brauchen Kultur, denn ohne Kultur werden wir alle krank. Und wir alle brauchen Bildung. Zumindest so viel Bildung, um Wahlprogramme lesen und verstehen zu können.
2029 wird in Sachsen gewählt. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die AfD die nächste sächsische Regierung anführt, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass sich die derzeitige Regierung zu einer nachhaltigen Sicherung der sächsischen Kulturhäuser durchringt. Aber sinnvoll wäre es schon, oder? Schließlich höre ich immer wieder, die AfD würde, einmal an der Macht, die Kultur zerstören. Es wäre doch schon viel erreicht, wenn die AfD bei Machtantritt noch Kultur vorfinden würde, die sie zerstören kann. Also: Lasst noch was übrig!
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Und, Herr Dulig: Es war mutig von Ihnen, spontan vor Demonstranten zu sprechen, in dem Wissen, dass Sie jetzt keinen Blumentopf gewinnen können. Vielleicht war es auch nicht mutig, vielleicht war es auch eine Selbstverständlichkeit für einen vom Volk bezahlten Volksvertreter. Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht, ob es besonders fair von mir ist, Sie hier als alleinigen Adressaten meiner Wut zu wählen.
Was ich aber weiß, und was ich beim Abstellen meines Fahrrades in die Garage endlich formulieren konnte: Einer um ihren Arbeitsplatz kämpfenden Demonstrantin zuzurufen, ihr Argument gegen Militärausgaben sei „preiswert“, ist nicht mutig. Das ist hilflos. Mutig wäre es gewesen, diese Hilflosigkeit vor sich selbst und vor den Demonstranten einzugestehen. Damit hätten Sie zwar auch keinen Blumentopf, aber mein Verständnis gewonnen. Und vielleicht auch das des einen oder anderen Kulturschaffenden in Sachsen.
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