Kam ein normalgewichtiger Kunde mit einer Süßigkeit in der Hand in ein Geschäft, so wurde er freundlich bedient. Bei einem Fettleibigen jedoch schlugen die Verkäufer einen anderen Ton an. Dieser Mensch konnte ja nur faul sein und natürlich war er selbst an seiner Misere schuld. Entsprechend unfreundlich reagierte das Ladenpersonal auf den Kunden: Es wurde deutlich weniger gelächelt, Gespräche wurden vorzeitig abgebrochen, die Wortwahl war unwirsch und Augenkontakt offensichtlich eine Zumutung. Dies zumindest ermittelten Psychologen um Michelle Hebl von der Rice University im texanischen Houston in 152 Geschäften eines großen Einkaufszentrums der Stadt.Andere Studien aus den USA belegen, dass Menschen, die unter Fettleibigkeit (Adipositas) leiden, in ihrem Beruf weniger verdienen und bei der Wohnungssuche, beim Arzt, in der Schule und weiteren alltäglichen Situationen benachteiligt werden. Selbst Eltern investieren ihr Geld lieber in die Ausbildung ihrer schlankeren Kinder.Anja Hilbert vermutete, dass man nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande Vorurteile gegen übergewichtige und fettleibige Menschen hegt. Doch dass die Daten aus der ersten repräsentativen Befragung der Deutschen derart eindeutig ausfallen, überraschte die Leiterin der vom Bundesforschungsministerium geförderten Elsa-Nachwuchsforschergruppe der Philipps-Universitität Marburg dann doch.So sagten 85 Prozent der tausend telefonisch Interviewten, dass Übergewichtige ihre Situation selbst verschulden, weil sie sich zu wenig bewegen oder falsch ernähren und fast ein Viertel der Befragten bestätigte sogar Stereotype wie "Dicke haben keine Willenskraft" oder "Dicke sind weniger intelligent". Rund 55 Prozent der Befragten wollten solche Vorurteile zumindest nicht ablehnen. "Sehr wahrscheinlich stimmt diese Gruppe den gängigen Urteilen über Dicke zu", sagt Hilbert. Nur 20 Prozent der Befragten wehrten sich gegen die pauschale Verurteilung adipöser Menschen. Sehr viele Interviewte unterschätzen nach Ansicht der Marburger Forscherin, wie schwierig das Abnehmen ist.Dabei war im Laufe der Evolution durchaus sinnvoll, was den Fettleibigen heute auf die Füße fällt. Denn Fettreserven helfen, in kargen Zeiten zu überleben. Forscher vom Monell Chemical Senses Center zum Beispiel gehen davon aus, dass es nicht ein einzelnes Dickmach-Gen gibt, sondern möglicherweise das Zusammenspiel tausender Gene darüber entscheidet, ob Pralinen und Pommes direkt auf der Hüfte landen oder der Figur nicht schaden.Eine Gruppe um Michael Tordoff berichtete kürzlich im Fachjournal BMC Genetics, dass bei Mäusen bis zu sechstausend Gene - das entspricht einem Viertel ihrer Erbanlagen - das Gewicht regulieren. Und nur ein Zehntel davon vermag das Gewicht zu verringern. "Wahrscheinlich gibt es daher auch beim Menschen keine schnelle Lösung, bei der man nur ein Gen manipulieren müsste", schrieb Tordoff.Genauso wenig helfen oft die strengen Diäten - so empfehlenswert sie angesichts schwerer Adipositas-Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden und Diabetes auch sein mögen. "Adipositas ist extrem schwer behandelbar", sagt Hilbert. Das nähmen viele Menschen nicht zur Kenntnis. Dabei zeigten neueste Forschungsergebnisse ganz klar, dass die Krankheit neben Bewegungsmangel und Essgewohnheiten auch durch eine Vielzahl von Faktoren wie der genetischen Prädisposition und dem Lebensumfeld geprägt werde.Es sei höchste Zeit, die stigmatisierenden Einstellungen in der Bevölkerung zu korrigieren, mahnt die Marburger Psychologin. Das Zauberwort heiße Information. Ihre Forschergruppe testete daher bereits an 130 Studenten ein computergestütztes Lernmodul, bei dem die Probanden eine Stunde lang mit einer interaktiven Präsentation über Adipositas informiert wurden. Mit Erfolg: Diese Studenten äußerten anschließend signifikant weniger Vorurteile. Besonders sinnvoll sei es dabei gewesen, über die genetischen Ursachen, die Schwere des Störungsbildes und die begrenzte Behandelbarkeit der Adipositas aufzuklären."Als Nächstes wollen wir das Lernprogramm an einer größeren Gruppe testen und weitere Ansätze entwickeln", berichtet Hilbert. Von der Verbreitung solcher Gedanken hätten sehr viele Deutsche etwas. Schließlich ist nach Angaben der kürzlich vorgestellten Nationalen Verzehrsstudie mehr als Hälfte der Bundesbürger zu dick. Und jeder Fünfte gilt wegen schweren Übergewichts als adipös.------------------------------Foto: Körperliche Fülle kann sehr einsam machen. Studien zeigen, dass Adipositas-Kranke oft erheblichen Vorurteilen ausgesetzt sind.
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