Wer gewinnt? Fahrer oder Auto? Vor dem Großen Preis von Spanien wird diese Frage neu gestellt

Zweierbeziehung mit Höhen und Tiefen

Elmar Brümmer
4 Min

BARCELONA. Links und rechts an Fernando Alonso vorbei werden Kartons und Kisten in die Renault-Box getragen. Der sehnsuchtsvolle Blick, mit dem der zweifache Formel-1-Weltmeister den Transport verfolgt, sagt ohne Worte alles: So sinnbildlich hat sich der Gladiator seinen Einzug beim Heimat-Grand-Prix nicht vorgestellt. Fünf WM-Pünktchen in vier Rennen, das ist Mittelmaß. Ein Sechstel der Ausbeute, die WM-Tabellenführer Jenson Button schon hat. Button, der jahrelange Hinterherfahrer. Eine völlig verkehrte Welt(meisterschaft), weshalb die Hoffnung bei Alonso und all den anderen Durchgereichten, den Kistenschleppern am Circuit de Catalunya gilt, die zum Europa-Start der Formel 1 neue Teile für die Rennwagen in die Boxengaragen tragen. Jedes neue Kohlefaserstück beflügelt zumindest eins - die Hoffnung. Die, aus einer Absteiger-Geschichte eine Aufstiegs-Story zu machen. Barcelona als Wende, nicht als Ende.Alle, die nicht so in Form sind, wie es das Papier eigentlich verlangt, ziehen sich auf die Faust-Formel des Grand-Prix-Geschäfts zurück, die auch BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen anwendet, um seine beiden entmutigten Chauffeure Nick Heidfeld und Robert Kubica zu schützen und aufzubauen: "Ein Fahrer kann nur so gut sein wie sein Rennwagen." Das klingt nach intensiver Zweierbeziehung. Vorsicht, Vorsicht - es wirft auch die entscheidende Frage auf in diesem Sport, die Frage der Ehre: Wer ist wichtiger - der Fahrer oder sein Auto?Jenson Button wird nicht zugeben, dass ihn die reine Mechanik seines Brawn-Mercedes an die Spitze gebracht hat. Er bekommt Beistand aus berufenem Mund. "Ich glaube nicht, dass Jenson im letzten Jahr ein schlechterer Fahrer war, er hat auch früher immer schon gekämpft", urteilt Fernando Alonso, "und mit dem richtigen Auto beweist er jetzt, dass er auch um den Titel kämpfen kann." Der Spanier, der im Renault im zweiten Jahr in Serie die Froschperspektive einnehmen muss, erklärt den Erfolgsmechanismus der Formel 1 so: "Das ganze Paket muss stimmen - das Team, das Auto, der Fahrer, die Ingenieure, das Glück. Es gibt viele Faktoren, die einem den Sieg bescheren." Eine Komplexität, an der viele gerade zu verzweifeln drohen - auch Lewis Hamilton und Felipe Massa, die Titelkontrahenten des letzten Jahres. Ruhm ist nicht so leicht zu konservieren in diesem flüchtigen Geschäft.Antreiber des TeamsDie gängige Einschätzung der Verhältnismäßigkeit von Auto und Fahrer liegt bei 60:40 - zu Gunsten der Technik. Natürlich liegt es an jedem Einzelnen selbst, die Einordnung der Kräfte zu verändern. Doch egal, welche Prozentrechnung vorgenommen wird, im Prinzip ist die Trennung unzulässig. Die eigentliche Fähigkeit eines guten Fahrers liegt nicht allein im Wirken auf der Piste, er muss den Instinkt dafür haben, im richtigen Moment von der Ego-Disziplin Rennfahren auf die Mannschaftssportart Formel 1 umschalten zu können. Nur durch diesen Einfluss wird aus einem schlechten Rennwagen ein guter, aus einem guten Piloten ein Ausnahmerennfahrer. Michael Schumacher war in dieser Hinsicht derjenige, der das ganze Berufsbild neu definiert hat. Besonders im Vergleich zu seinem Nachfolger Kimi Räikkönen wird das deutlich - der Finne ist nur dann schnell, wenn er einen schnellen Rennwagen hat. Sebastian Vettel im Red Bull ist so einer, auch Timo Glock im Toyota."Gerade wenn du Probleme hast, musst du hart arbeiten", sagt der 27 Jahre alte Alonso aus Erfahrung. Die Entwicklungsfähigkeit des Menschen ist mindestens so wichtig wie die der Maschine. Im vergangenen Jahr war sein französischer Dienstwagen in weit erbärmlicherer Form, aber der Pilot aus Oviedo schaffte das Kunststück, in der Schlussphase der Saison zweimal in Serie ein Rennen zu gewinnen. "Du als Fahrer bist es, der sein Team antreiben muss, dass es gut genug wird, um zu gewinnen", sagt Alonso über den Teil seiner Arbeit, der im Verborgenen bleibt. Im Rahmen der Diskussion meldet sich auch Giancarlo Fisichella, 36, zu Wort, der durch sein Lamento seine Rolle als gescheitertes Talent verdeutlicht: "Seit ich 1996 in die Formel 1 gekommen bin, ist es doch das gleiche Problem - immer ist das Auto wichtiger."Die wahren Gesetzmäßigkeiten des Formel-1-Sports zu erkennen, dafür scheint es für den Italiener in Diensten von Force-India-Mercedes zu spät zu sein: Ein guter Fahrer wird irgendwann auch in einem guten Auto landen.------------------------------"Ein Fahrer kann nur so gut sein wie sein Rennwagen." Mario Theissen------------------------------Foto: Einzelkämpfer und Teamspieler: Jenson Button hat in dieser Formel-1-Saison bisher das beste Auto zur Verfügung.

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