JAN BRACHMANN über Ingmar Bergmans Lieblingsfilm, den schwedischen Stummfilm "Der Fuhrmann des Todes"Vor einhundert Jahren, 1909 also, erhielt die Schwedin Selma Lagerlöf als erste Frau den Nobelpreis für Literatur. Im vergangenen Herbst erinnerte der gedächtnisbegabte Teil der literarischen Welt an ihren 150. Geburtstag. Genau zwischen beiden Jubiläen brachte absolut medien in der arte edition einen großartigen Stummfilm von 1921 heraus, dem eine Erzählung Lagerlöfs als Vorlage diente: "Der Fuhrmann des Todes". Die Regie und die Hauptrolle des David Holm übernahm eine der Monumentalgestalten des schwedischen Kinos: Victor Sjöström.Wie man dem Begleitheft der DVD entnehmen kann, entstand Lagerlöfs Buch im Auftrag der Schwedischen Vereinigung zur Bekämpfung der Tuberkulose. Erzählt wird darin die Geschichte des Handwerkers David Holm, der durch Trunksucht und Gewalttäterei im Gefängnis landet, von seiner Frau verlassen wird, kein Heim mehr hat und sich mit Tuberkulose infiziert. Schwester Edith von der Heilsarmee versucht, ihn zu retten, steckt sich aber bei ihm an, ohne ihn zur Umkehr bewegen zu können. Da kommt eine schaurige Legende ins Spiel: Wer zu Silvester als Letzter um Mitternacht stirbt, muss ein Jahr lang den Totenwagen fahren und die Seelen abholen.Filmisch ist das ein unerhört dankbarer Stoff. Man sieht Bilder des sozialen Elends, wie man sie nur kurz zuvor in den naturalistischen Dramen bei Gerhart Hauptmann oder Maxim Gorki entdeckt hatte. Doch dann eröffnet sich mit der Fuhrmannslegende eine symbolistische Ebene: Der Kapuzenmann sitzt mit seiner Sense auf dem Kutschbock des Planwagens, und ein gerippiges Pferd zieht ihn durch Nacht und Feld, ja sogar durch die schwarze Brandung des nordischen Meeres. Die alten Tricks der Mehrfachbelichtung sind stimmungsvoller und überwältigender als die Spezialeffekte der digitalen Revolution. Ingmar Bergman erklärte den "Fuhrmann des Todes" später zu seinem Lieblingsfilm, und wer "Das siebente Siegel" kennt, merkt sofort, wie viel Bergman dem "Fuhrmann" verdankt. Bergman ließ Sjöström auch noch in "Wilde Erdbeeren" den alten Professor Isak Borg spielen. Es war Sjöströms letzte Filmrolle.Auf der neuen DVD gibt es noch das Fragment von Sjöströms 1916 gedrehtem Krimi "Der Todeskuss": ein Schauerstück über doppelte Identität, Wirtschaftsspionage und vergifteten Kakao. Nach dieser DVD wünscht man sich, dass auch die Bjørnson-Verfilmung "Synnøve Solbakken" von 1934 neu herauskäme, mit Victor Sjöström in der Hauptrolle und der hinreißenden Filmmusik von Hugo Alfvén.Der Fuhrmann des Todes/Der Todeskuss erschienen bei absolut medien, ca. 20 Euro.
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