Am Mittag des 14. August fährt ein Mitarbeiter der japanischen Naturparkstiftung eine Präfekturstraße am Berg Daisen ab. Routinekontrolle im Daisen-Oki-Nationalpark. Dann sieht er das Brot.
Rund 30 Laibe Toastbrot liegen an der Leitplanke, verteilt über gut 100 Meter, in gleichmäßigen Abständen. Das Brot war nicht ausgekippt, sondern ausgelegt.
16,7 Kilogramm sammeln die Mitarbeiter an diesem Tag ein. Am nächsten Tag liegt wieder Brot da. Am Tag darauf auch. Und am 20. August erneut. Am Ende sind es 39 Kilogramm an vier Tagen.
Dazu 1,3 Kilo Hühnerfleisch
Die erste Vermutung der Stiftung: Jemand ködert Wildtiere für eine Kamera, wie sie Naturfilmer und Livestreamer im Wald aufstellen. Nur fand sich weit und breit keine Kamera.
Dann tauchte an derselben Stelle Hühnerfleisch auf, 1,3 Kilogramm, nach japanischen Berichten sauber aufgereihte Hühnerleber. Seitdem geht die Stiftung davon aus, dass hier jemand Tiere füttern wollte.
Vergiftet war nichts davon.
Koji Iwaihara, Leiter der Tottori-Niederlassung der Naturparkstiftung, sagte der Nachrichtenagentur Kyodo, als er die ersten Meldungen hörte, sei sein Kopf voller Fragezeichen gewesen.
Der Gouverneur wundert sich über den Ort
Shinji Hirai, Gouverneur der Präfektur Tottori, kann vor allem eines nicht nachvollziehen: warum an der Straße? Wer Tiere füttern wolle, gehe doch in den Berg.
Sollte tatsächlich jemand Bären anlocken wollen, warnte Hirai, könne das ein gefährlicher Präzedenzfall werden. Bären, die sich an den Geschmack von Toastbrot gewöhnen.
Damit ist der Punkt erreicht, an dem die Skurrilität aufhört.
Bären in Japan: Rekord auf Rekord
Japan steckt in einer Bärenkrise. Im Haushaltsjahr 2025, das bis Ende März 2026 lief, zählte das Umweltministerium 216 Zwischenfälle, 238 Betroffene und 13 Tote. Alle drei Werte sind Höchststände seit Beginn der Erhebung. Außerhalb Hokkaidos wurden gut 50.800 Sichtungen gemeldet. In Akita rückten im November 2025 Soldaten an, um die Behörden bei Fallen und Patrouillen zu unterstützen.
Tottori liegt weit weg von diesen Brennpunkten im Norden. Trotzdem registrierte die Präfektur bis Ende Juli 2026 bereits 93 Meldungen zu Kragenbären, darunter 82 Sichtungen und Spurenfunde. Auch auf Wanderwegen am Daisen wurden in diesem Jahr Tiere gesehen.
Futter am Straßenrand zieht Wildtiere an die Fahrbahn. Das erhöht die Zahl der Unfälle und der Begegnungen, die keine Seite überstehen will.
Dann kamen die KI-Videos
Während die Polizei ermittelte, übernahmen die sozialen Netzwerke den Fall. Im Umlauf sind Videos, die einen großen Bären zeigen, wie er die Laibe beschnuppert und frisst.
Erzeugt hat sie eine KI. Einen bestätigten Fall, in dem ein Bär von dem abgelegten Brot gefressen hat, gibt es bislang nicht.
Die Präfektur will die Plattformen zur Löschung auffordern. Der 1.729 Meter hohe Daisen ist der höchste Berg des Chugoku-Gebirges und ein bekanntes Wanderziel. Wer dort im Feed einen fressenden Bären sieht, bucht seinen Sommerurlaub woanders.
Und dann lag auch an der Küste Brot
Etwa 50 Kilometer entfernt, an der Hakuto-Küste bei Tottori-Stadt, fanden Anwohner und Beamte im selben Zeitraum ebenfalls Brot. Am Strand und auf Parkplätzen.
Es handelt sich offenbar um eine andere Marke als im Nationalpark. Ob dieselbe Person dahintersteckt, ist offen.
Bis zu fünf Jahre Haft
Inzwischen hängen Überwachungskameras im Daisen-Oki-Nationalpark, die Kontrollfahrten wurden verdoppelt. Seither wurde kein Brot mehr abgelegt.
Die Polizei prüft einen Verstoß gegen das japanische Abfallgesetz und gegen die Nationalparkregeln. Illegale Müllentsorgung wird in Japan mit bis zu fünf Jahren Haft oder einer Geldstrafe von bis zu zehn Millionen Yen geahndet – ein Strafrahmen, der auch für weggeworfene Zigarettenschachteln gilt.
In Deutschland ist die Sache ähnlich streng geregelt: Wildtiere zu füttern, ist in den meisten Bundesländern verboten oder genehmigungspflichtig, in Berlin gilt das ausdrücklich auch für Wildschweine und Füchse.
Nur weiß in Japan bis heute niemand, wer das Brot ausgelegt hat. Oder wofür.
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