BERLIN. Was hat ein Blatt Briefpapier mit einem Fahrrad gemeinsam? Ganz einfach: Beide lassen sich falten. Zwar passt das gefaltete Fahrrad danach nicht in einen Briefumschlag, doch zumindest in eine halbwegs handliche Tasche, die auch dort als Handgepäck durchgeht, wo Fahrräder gemeinhin nicht mitgenommen werden: im Bus, im Taxi oder im ICE. Meist kostet es so nicht mal was extra. Man kann es aber genauso gut im Kofferraum des eigenen Autos platzieren und ist so stets gerüstet für eine Fahrradtour, wenn einen die Lust darauf überkommt. Und nachts oder auch den Winter über, wenn man das gute Stück nicht braucht, lässt es sich problemlos im Kleiderschrank oder unter der Flurgarderobe deponieren. Das verringert die Aussicht, dass es geklaut wird, erheblich.Das Faltrad ist nicht zu verwechseln mit dem Klapprad unseligen Angedenkens, das sich mit einem trivialen Scharnier im Rahmenrohr gewissermaßen halbieren ließ - was im schlimmsten Fall auch mal während der Fahrt geschah. Und schwer waren die Dinger auch noch. So ist allein das Wort Klapprad eine mittlere Beleidigung für jeden ernsthaften Faltradfahrer, denn dessen Gerät lässt sich mit ausgeklügelten und dennoch auch von technischen Laien beherrschbaren Mechanismen zu einem Paket zusammenlegen, das sich nur anhand der Räder überhaupt noch als Fahrrad identifizieren lässt.Für ein gewöhnliches Birdy-Faltrad zum Beispiel sind dazu neun Arbeitsschritte erforderlich, danach hat es die Maße von 79 x 59 x 39 Zentimetern. Nur leichter ist es nicht geworden. Doch ein solches Birdy wiegt sowieso nur gut zehn Kilo. Selbst Tandems oder Liegeräder sind nach diesem System faltbar. Und Werkzeug braucht man dabei nie.Ein Liegestuhl auf RädernChristoph Beck kann die Technik des Zusammenfaltens an jedem einschlägigen Modell quasi in Sekundenschnelle demonstrieren. Er nennt sich "Faltrad-Direktor" von Berlin, wobei Direktor nur ein bescheideneres Wort für König ist. In seinem kleinen Laden in der Goethestraße ist auch das Flaggschiff seiner eigenen Flotte zu besichtigen, ein faltbares Sesselrad namens Trilite, eine Art Liegestuhl auf drei Rädern, gern auch als Zweisitzer. Das kostet so um die 3 500 Euro, dafür kriegt man dann aber auch alle individuellen Wünsche erfüllt. Eine Maßanfertigung gewissermaßen. Ein Tandem gibt es hier ebenfalls zum Zusammenlegen, dem eine Nabenschaltung mit 14 Gängen zu Tempo verhilft, oder ein Liegerad für jene Fahrer, die die Autos gern auf Auspuffhöhe neben sich haben.Christoph Beck hat vor knapp 20 Jahren in seiner Wohnung angefangen, ein faltbares Dreirad zu bauen; eine Krankheit drohte ihn damals in den Rollstuhl zu zwingen, aber er wollte es etwas sportlicher. Inzwischen läuft er immer noch, das Faltrad ist jedoch seine Leidenschaft geblieben. Beck berät Hersteller und Importeure, entwickelt und baut mit seiner Firma aiolos, benannt nach dem Gott des Windes, eigene Konstruktionen, verleiht und verkauft Falträder. Kunden kommen selbst aus Hamburg, Freiburg oder der Schweiz.Und Faltrad-Fahrer gibt es inzwischen mehr als man denkt. So viele, dass sie sich, säuberlich nach Herstellern sortiert, organisieren mussten - wenn auch nur virtuell im Internet. Die rund 20 000 Anhänger der britischen Firma Brompton etwa, die sich schlicht Bromptonauten nennen, tauschen sich auf ihrer Internetseite über Rekorde, Umbauten, Tricks und Erlebnisse aus.Wie im normalen LebenAus der Liste der deutschen Bromptonauten kann man zum Beispiel ersehen, welche Vielfalt von Extras es für die Falt-Velos gibt - die jeder stolz vermeldet. Da ist von Biogrips, Schlumpf-Speeddrive und Topeak-Trägern mit Tasche die Rede, Begriffe, die Bromptonautenherzen höher schlagen lassen. Die Birdy-Freunde wiederum vermelden stolz Rekorde: 50 Stundenkilometer auf ebener Straße auf dem Birdy green mit 7-Gang-Nabenschaltung, mit dem Birdy im Rucksack auf 5 400 Meter im Himalaya und dann downhill auf zwei Rädern, mit dem Faltrad über den berüchtigten Tour-de-France-Pass Alpe d'Huez. Man will uns sagen: Mit dem Faltrad kann man alles tun, was man auch mit einem normalen Fahrrad tun kann. Mindestens. Längst ist es nicht mehr nur eine Krücke mit winzigen Rädern, die den Yacht-Besitzer vom Hafen zur nächsten Bar bringt.Selbst Rennen kann man mit dem Faltrad bestreiten. Obwohl sich Faltrad-Rennen von gewöhnlichen Rennen sehr unterscheiden. Sie sind mehr so eine Art Triathlon: Die Radler müssen ihr Rad nach dem Start entfalten, eine Runde radeln, das Rad zusammenfalten, in einer "Gepäckaufbewahrung" abgeben und auf der anderen Seite wieder abholen, noch eine Runde radeln, das Rad erneut zusammenfalten und mit dem gefalteten Rad ins Ziel rennen. Ganz wie im normalen Leben eben. Empfohlen wird, dabei nicht nur den Ersten zu feiern, sondern auch eine B-Note zu vergeben - für Eleganz.------------------------------Zum MitnehmenFoto: (3) Zusammenfalten lässt sich nicht nur ein Brompton-Rad (siehe oben): Für die Radtour gibt es auch das Falt-Werkzeug oder das Falt-Fahrradschloss. Selbst auf einen faltbaren Fahrradhelm muss man nicht verzichten. Für die Pause halten Outdoor-Ausrüster wie Globetrotter u.a. Falteimer, Faltstühle, Faltzahnbürsten und selbst einen Faltschaukelstuhl bereit. Für Faltfahrradfeinde empfiehlt sich das Faltboot oder im Winter ein Faltschlitten.
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