ROM. Der Finne Petri Pasanen gilt eigentlich nicht als emotionsgeladener Mensch. Genügsam, wie es seine Art ist, hatte er sich in der 67. Minute von Trainer Thomas Schaaf auswechseln lassen und setzte sich in Erwartung der letzten, vermutlich unschönen 23 Spielminuten auf die Auswechselbank. Es war ja auch nichts Neues für den Tabellenelften der Bundesliga, im Rückstand zu sein, diesmal sogar mit 0:2 Toren in einem der berühmtesten Stadien der Welt, im Achtelfinal-Rückspiel des Uefa-Cups, gegen den erfolgreichsten Verein der vergangenen 20 Jahre.Pasanen wusste nicht, welch atemberaubendes Finale ihm noch bevorstand. Zehn Minuten später sollte er wie ein Irrwisch an der Seitenlinie herumspringen, die Fäuste ballen und dabei einem anderen Rumpelstilzchen in die Augen blicken. Als Claudio Pizarro in der 68. Minute den Anschlusstreffer und zehn Minuten später das 2:2 erzielt hatte, war auch der zuletzt so grummelige Thomas Schaaf nicht mehr zu halten. Pasanen gegenüber hüpfte er außer sich in die Höhe und schüttelte krampfartig seine Fäuste in der Luft. "Ich bin sehr glücklich", sagte der Finne: "Mein Gott, das war Milan! Und wir sind weiter!"Ja, das war Milan - und doch ist Werder Bremen nach dem 1:1 aus dem Hinspiel dank der zwei von Pizarro auswärts erzielten Tore ins Achtelfinale eingezogen. Kaum jemand hatte das erwartet, und am wenigsten anscheinend die Bremer selbst, die zuletzt so viel Kritik einstecken mussten wie in fünf Jahren zuvor nicht. "Wir waren zwei Mal klar die bessere Mannschaft. Dieses Gefühl, so ein Ding noch umzubiegen, das haben wir einfach mal gebraucht", stellte Mittelfeldspieler Torsten Frings fest. Seine nachlassenden Leistungen im fortgeschrittenen Alter dürfen als einer der Gründe der Werder-Misere gelten. Am Donnerstagabend in Mailand aber spielten Frings und seine Kollegen gleich in mehrerer Hinsicht verkehrte Welt: Nicht eine verunsicherte, ideenlose Werder-Mannschaft wie in den vergangenen Monaten trat auf den Rasen, sondern ein energisches Team, das von der ersten Minute an nur das Tor von Milan-Torhüter Nelson Dida im Sinn hatte. Nicht Bremen, sondern das mit Paolo Maldini, David Beckham, Andrea Pirlo oder Filippo Inzaghi besetzte Starensemble schien überfordert zu sein. Mesut Özil und vor allem Diego trieben die Bremer Mannschaft geschwind und kombinationssicher nach vorne. Und trotzdem lag der AC Mailand, die von Beginn an deutlich unterlegene Mannschaft, nach zwei Treffern von Andrea Pirlo (26.) und Alexandre Pato (33.) zur Halbzeit vorn.Warum Werder nach der Pause noch überzeugter und entschlossener wirkte als im ersten Durchgang, lässt sich nur mit einem Reflex erklären, der typisch ist für bedrohte Organismen: der Flucht nach vorn. Wie Torhüter Christian Vander später berichtete, forderte Trainer Schaaf in einem verwegenen Appell an das Selbstbewusstsein die Seinen auf, noch mehr Vertrauen in sich zu haben und noch stärker auf das gegnerische Tor zu drängen. Diese Worte zeigten eine wundersame Wirkung. "Danach haben wir den Arsch noch einmal hochbekommen", sagte Vander.Pizarros EigenlobAngreifer Pizarro, der am vergangenen Wochenende noch mit seiner verspäteten Rückkehr von einem Ausflug nach München gestört hatte und von Schaaf aus dem Kader für das Cottbus-Spiel gestrichen wurde, nahm sich die Ansprache in der Halbzeit besonders zu Herzen - und traf. "Heute habe ich gezeigt, dass ich für die Mannschaft da war", sagte er. Pizarro schätzte die Partie realistisch als eines der besten Spiele ein, "seit ich wieder zu Werder zurückgekommen bin".Die Frage ist nun, wohin Werder die nächsten Spiele führen und ob die Mailänder Nacht endlich das Potenzial freisetzt, an das Sportdirektor Klaus Allofs als einer der wenigen noch glauben wollte. "Wir haben immer darüber geklagt, dass uns mal ein richtiges Erfolgserlebnis fehlt, jetzt haben wir eins", sagte Allofs. Schon am Sonntag in der Bundesliga gegen den FC Bayern München und später im Uefa-Cup-Achtelfinale gegen St. Etienne kann die Mannschaft zeigen, ob ihre Auferstehung von Dauer ist.------------------------------Foto: Ist das Dida, der da den Ball durchlässt? Ja, so ist es, und es ist Claudio Pizarro, der ihn mit seinem Kopfball überwindet - zum 2:2 für Werder Bremen.
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