„Schläft ein Lied in allen Dingen ...“, dichtete Joseph von Eichendorff um 1820. Die Kunst seiner Zeit hatte die Seele entdeckt, das tiefe Gefühl für die übermächtige Natur als mythische, allumfassende Einheit, als das Göttliche in allen Dingen. Der Nummer eins unter all den malenden Pantheisten, Caspar David Friedrich, geboren am 5. September 1774 in Greifswald, gestorben am 7. Mai 1840 in Dresden, widmen deutsche Museen große Retrospektiven zum 250. Geburtstag. Allen voran derzeit Hamburg, 2024 folgen Berlin und Dresden.
In Hamburgs Kunsthalle stehen wir vor der „Kunst für eine neue Zeit“. Ikonische Landschaften wie „Das Eismeer“ (1823/24), „Wanderer über dem Nebelmeer“ (1818), „Mönch am Meer“ (1808/1810), auch „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ (1819/20). Auf all diesen Leinwänden erteilte Friedrich jeglichem Überlegenheitsgefühl gegenüber einer vermeintlich beherrschbaren Natur eine Absage. Er zeichnete mit größter Präzision Pflanzen, Bäume, Gebirge und Küsten in freier Natur und Figuren in rätselhafter Rückenansicht, komponierte anschließend alles im Atelier zu märchenhaften Panoramen. Die Stimmung zieht uns in die Bilder, zwingt uns, vor ihnen still werden, nachzudenken, zu träumen. Der Mann war nicht nur der düstere Grübler. In Dresden, wo er sich 1798 niederließ, eignete er sich das Rüstzeug für seine Meisterwerke an. In den Bildern geht es um Melancholie, Einsamkeit, Sehnsucht. Damit dachte er die Landschaftsmalerei neu: präzise Details plus tiefe Sinnbildhaftigkeit.
Caspar David Friedrich: „Kreidefelsen auf Rügen“, Öl, Lw., um 1818/1822
© Leihgabe Kunstmuseum Winterthur
Genau das ist es, was den Romantiker aus der Zeit der Gebrüder Grimm und Brentanos, der Gelehrten wie Schlegel, Fichte, Novalis so aktuell und zum „Maler der Stunde in diesen finsteren Zeiten“ macht. Florian Illies, Autor des Buches „Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten“, bringt es für die Hamburger Schau auf den Punkt. Denn deren zweiter Teil vereint das ungebrochene Nachwirken des Malers bis heute. Typische Aspekte für die Kunst der Romantik: das Gipfelerlebnis, die Einsamkeit, das Verschmelzen mit der Natur. Und das Motiv des Sehens der Landschaft, die den Menschen nicht braucht, der Mensch wohl aber die Natur.
Da wäre „Kreidefelsen auf Rügen“ (um 1818/1822), Leihgabe des Kunstmuseums Winterthur: Der Berliner Fotograf Andreas Mühe paraphrasiert das Motiv einsam an einem Baum vorm Abgrund zwischen den Felsen; wie auch Friedrichs „Wald im Spätherbst“, 1835 aus dem Erfurter Angermuseum, mutiert es zum „Gespensterwald“. Doch diese Inszenierungen dürften für nicht wenige Verehrer Caspar David Friedrichs eine ästhetische Kollision darstellen. Als Gestalt in Rückenansicht in der hehren Landschaft dreht Mühe die Motive doppelbödig nicht nur in kaltes Mondlicht-Blau und brandiges Braungelb der untergehenden Sonne überm Wasser der Ostsee. Er ist es auch selber, der da im Adamskostüm dreist ins Panorama pinkelt. Welch respektlose Störung der (scheinbaren) Harmonie! Möchte das kleine, nackte, verletzliche Menschlein zwischen den Kreidefelsen bei Nacht die Wucht der Natur betonen? Oder will der Fotograf die Erhabenheit des Moments provokant brechen?
„Gespensterwald“ aus Andreas Mühes Foto-Serie „Neue Romantik“
© VG Bild- Kunst, Bonn 2023/Andreas Mühe
Andreas Mühe, geboren 1979 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Kind von Theaterleuten, früh vertraut mit Inszenierung und Verwandlung, schafft mit seinen Foto-Inszenierungen durch präzise Lichtregie irreal-schöne, beklemmende Momente der Verführung. Liefert er so eine Menge Argumente für seine dreiste Inszenierung „des Pathos als Distanz“, ganz nach Nietzsche, der dem Philosophen die Überlegenheit des Distanzierten empfahl? Die Auseinandersetzung mit den Seelen-, Gedanken- oder Trugbildern des Romantikers, so Mühe, hätten ihn an die Natur wieder herangeführt, weil Friedrichs „Trick“, uns mittels seiner zur Betrachtung der Landschaft gezwungenen Figuren von der äußeren gegenwärtigen Welt „abzuschneiden“, so wunderbar zeitlos funktioniere.
„Die Kreidefelsen auf Rügen, so wie Friedrich sie malte“, sagt Mühe, „gibt es nicht mehr, und es hat sie vielleicht so nie gegeben. Die ständige Erosion, vermehrt ausgelöst durch die Entnahme größerer Findlinge in den letzten 200 Jahren zum Ausbau von Häfen, beschleunigte die Veränderung der Landschaft. Aber was jetzt an der Küste passiert, wird für unser Leben noch einschneidender sein als jeder Kreidefelsenabbruch. Fucking-Fracking-Gas aus den USA, kurz LNG-Gas, wird in kürzester Zeit in großen Mengen vor Rügen abgeladen, umgewandelt, transportiert und in Lubmin in die Pipeline gedrückt werden. Caspar David Friedrichs Bilder gibt es nicht mehr. Der Zusammenschluss von Mensch und Natur in den Bildern des Romantikers wird gerade endgültig zerstört. Seine Sonne geht in einem toten Meer unter. Rügen, die Insel, die ich aus meiner Kindheit kenne.“
Caspar David Friedrich: „Wald im Spätherbst“, 1835, die Vorlage für Andreas Mühe für „Gespensterwald“
© Leihgabe aus dem Erfurter Angermuseum für Kunsthalle Hamburg
Die Dopplung in Friedrichs Bildern hätten es ihm angetan, fügt der Fotograf hinzu: „Die Rückenansicht der Biedermeiermänner und Biedermeierfrauen bestimmen bei der Betrachtung des Bildes das, was vor ihren Augen von der Landschaft übrig bleibt. Bevor ich gucken kann, hat schon jemand anderes alles gesehen. Aber was hat er gesehen? Meine Neugierde verschiebt sich auf den vermeintlichen Betrachter, den ich nicht orten kann und der mich fest im Griff hat. Das ist der deutsche Blick. Wir können nichts unvoreingenommen sehen. Wir sind nicht naiv und spielerisch. Wir sind immer unserer Geschichte verhaftet, angespannt und kontrolliert.“
Diese Verehrung der Natur ist für Mühe „ein Trugschluss“. Also durchbricht er das „Scheinbild“ und löst es auf. Friedrichs Abendstimmung verwandelte er in einen Sonnenaufgang. Dann stellte er sich tief ins Bild, machte sich nackt, um aus der biedermeierlichen und viel zu mächtigen Situation des Betrachters herauszukommen. „Ich wollte Teil der Natur werden. Insofern ist sie mir nah. Aber in meiner Nacktheit werde ich als Störung wahrgenommen. Ich bin nämlich nicht der friedliche Wilde, ein in die Natur Eingeborener, sondern ihr Zerstörer. Ein Musterbeispiel des Anthropozäns.“
Der Maler Caspar David Friedrich (1774-1840), porträtiert von seinem Zeitgenossen Gerhard von Kügelgen im Jahr 1806
© epd
Andreas Mühe, Fotograf in Berlin
© Paulus Ponizak/Berliner Zeitung
Was für Caspar David Friedrich „... der innere Blick aus dem gefährdeten Jetzt ins Unendliche“ war, kehrt Andreas Mühe also um in eine desillusionierte Interpretation im 21. Jahrhundert, in die Weltanschauung des Agnostikers. Mühe pflanzt uns den Ausnahmezustand in den Kopf, darin besteht die Subversion, die Provokation. Er resümiert: „Ich möchte Geschichten erzählen. Die Betrachtenden sollen zweimal hinschauen, dann beginnt die Erzählung.“
Caspar David Friedrich: Kunst für eine neue Zeit. Hamburger Kunsthalle, bis 1. April 2024. Andreas Mühes Paraphrasen zu CDF sind bald danach in der Berliner Galerie Bastian, Taylorstraße 1, zu sehen.
Die Alte Nationalgalerie Berlin widmet Caspar David Friedrich ab 19. April eine Retrospektive, das Dresdner Albertinum/Kupferstichkabinett ab 5. September.
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