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Westend-Verlag wehrt sich gegen Autoren: „Große Worte mit wenig Grundierung“

In einem Offenen Brief werfen Autoren dem Westend-Verlag einen Rechtsruck vor. Der Geschäftsführer Markus J. Karsten sagt: Lasst uns über Argumente reden.

Michael Maier
9 Min
Das Buch „Links–Deutsch / Deutsch–Links“ hat bei den Autoren des Westend-Verlags für Aufregung gesorgt.

Das Buch „Links–Deutsch / Deutsch–Links“ hat bei den Autoren des Westend-Verlags für Aufregung gesorgt.

© Bode/imago

Eine Gruppe von 30 Autoren geht auf Distanz zum traditionell linken Frankfurter Westend-Verlag: Der Verlag sei nach rechts abgedriftet, schreiben unter anderem Gregor Gysi, Christoph Butterwegge, Emran Feroz, Ulrike Herrmann, Kerem Schamberger und Andrea Ypsilanti. Anlass ist Protest ist das von Nius-Chefredakteur Julian Reichelt herausgegebene Buch „Links – Deutsch / Deutsch – Links“. Damit sei eine Grenze überschritten, beklagen die Autoren. Nach dem Brief sah sich der Westend-Verlag einer Welle der Kritik aus anderen Medien gegenüber. So zitierte die Tagesschau den eher wenig bekannten Politikwissenschaftler Daniel Keil, der „unter anderem einen Lehrauftrag an der Universität Marburg hat“. Er behauptet, die Entwicklung des 2004 gegründeten Verlags überrasche ihn nicht: Es habe „von Beginn an eine offene Flanke zu Verschwörungsideologien, etwa mit Veröffentlichungen zu den Angriffen auf das World Trade Center, die als Verschwörung gedeutet wurden“. Die Tagesschau macht dem Verlag auch – wenngleich sehr verklausuliert – seine Corona Kritik zum Vorwurf. Der Geschäftsführer Markus J. Karsten kontert im Interview.

In einem Offenen Brief werfen Ihnen mehrere Autoren vor, den Verlag nach rechts gedreht zu haben. Was sagen Sie dazu?

Das sind große Worte mit wenig Grundierung. Ich kann aber verstehen, dass es auf wenig Gegenliebe stößt, wenn man sich plötzlich anstrengen und überzeugen soll. Wir wollen das Visier hochklappen und uns dezidiert inhaltlich auseinandersetzen, statt wirkungslos Haltung bekunden. Im Übrigen: Wissen Sie, wie es anders gehen soll, wenn man grundsätzlich Andersdenkende überzeugen möchte? Ignorieren, Brandmarken und Haltung zeitigen offensichtlich keine Effekte.

Die Autoren kritisieren, dass der Verlag sich auf seine Homepage nicht mehr als „Plattform für kritische, linke Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit“ bezeichne. Warum wurde die Passage gelöscht?

Linkssein ist ja ganz schön, aber werden andere durch mein Linkssein satt? Wir ringen mit unseren renommierten Autoren sehr um die Verwendung und Bedeutung dieses Wörtchens. Wir haben diese Passage auch nicht gelöscht, wie Sie schreiben, sondern nur diesen Begriff, der mittlerweile vollkommen entleert ist und missbraucht wurde und wird, wie sich ganz offensichtlich immer deutlicher herausgestellt hat, und der der gesellschaftlichen Spaltung dient. Unser Eindruck hat sich zuletzt sehr verstärkt, dass eine selbstgerechte, sich als „links“ bezeichnende Pseudolinke an Mächtige andient, statt sich für die Schwächsten und Schutzlosesten einzusetzen.

Aber wir haben diesen Begriff durch eine konkrete inhaltliche Bestimmung ersetzt, die man so auch auf unserer Webseite findet: „Im Zentrum unseres Programms stehen Autorinnen und Autoren, die soziale Ungleichheit, Fragen von Frieden und Krieg, demokratische Teilhabe und ökologische Krisen kritisch analysieren. Wir verstehen uns ausdrücklich als Plattform für kritische, an sozialer Gerechtigkeit und umfassender Teilhabe orientierter Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit.“

Die Autoren schreiben: „Mit der Veröffentlichung des von Pauline Voss und Julian Reichelt herausgegebenen Bandes ‚Links–Deutsch / Deutsch–Links‘ haben Sie nun das Spektrum Ihrer Veröffentlichungen bis hin zur extremen Rechten erweitert.“ Was sagen Sie dazu?

Ich kann mich nur wiederholen: Allein durch Abgrenzungsarbeit scheint mir niemanden geholfen zu sein. Das erwähnte Buch befasst sich mit Sprachvereinnahmung. Ich kann daran erst einmal nichts Rechtsextremes erkennen. Man könnte es zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, ob die bisherige politische Vorgehensweise nachjustiert werden sollte. Und vor allem: Ob nicht das ein oder andere Sachargument entgegengehalten werden kann. Oder noch schlimmer: Ob vielleicht dem einen oder anderen Punkt zugestimmt werden könnte. Im Übrigen muss man sich als politischer Verlag in der Tat mit Positionen auseinandersetzen, die in der Mitte der Gesellschaft und beileibe nicht nur am rechten Rand diskutiert werden.

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Die Autoren kritisieren, dass in diesem Buch Texte von Autoren abgedruckt seien, „deren Positionen der AfD nahestehen“. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Das mag sein, oder auch nicht. Reicht es zu sagen, dass es so ist? Will man da nicht ein bisschen Unterfütterung hören? In Sachen Corona, Krieg und Aufrüstung, Sozialabbau und anderer scheußlicher Sachen ist zuletzt vieles in den Parlamenten mit entsprechenden Mehrheiten verabschiedet worden. Und vergessen Sie bitte auch nicht den unbestreitbaren Skandal um die Auszählung der Bundestagswahl in Sachen BSW und wie man auf Bundesebene damit umgeht. Ich könnte mir vorstellen, dass in dem inkriminierten Buch auch Texte von Autoren abgedruckt sind, die genau den Parteien nahestehen, die für diese Mehrheiten gesorgt haben. Wir sind derzeit also insgesamt hoffnungslos umzingelt von Alternativlosigkeit.

Kann die AfD als eine „demokratiebedrohende Partei“ bezeichnet werden, wie die Autoren schreiben?

Klar ist, spätestens seit Corona werden Demokratieabbau und -defizite immer eklatanter, und soweit ich es beurteilen kann, kann man die Verantwortung dafür nicht der AfD in die Schuhe schieben. Wie kam es nun also dazu?

Die Autoren werfen Ihnen vor, nicht mit ihnen gesprochen zu haben. Stimmt das?

Nein, das stimmt so nicht. Schon immer sind wir ein offenes Haus und stehen, wenn Sie so wollen, in einem permanenten Austausch mit unseren Autorinnen und Autoren. Wir hatten eigens in unserer Antwort auf die Gepflogenheit der offenen Türen hingewiesen. Wörtlich hieß es in unserer Antwort: „Unsere Türen stehen seit jeher jederzeit offen“.

Die Autoren wollen ihr Recht in Anspruch nehmen, „unsere publizistische Arbeit nicht in dieser ideologischen Nachbarschaft fortzusetzen“. Wie verstehen Sie das – wollen Sie die Bücher weiter verkaufen?

Nun ja, so viele Bücher sind es nicht mehr, die man verkaufen könnte. Das Buch mit Gregor Gysi beispielsweise, also der prominente Frontmann, ist vor elf Jahren erschienen. Er verlegt seine Bücher bei Aufbau. Zwischen Verlag und Autor gibt es für beide Parteien vertraglich vereinbarte Rechte und Pflichten – wir halten uns daran. Autoren wechseln ihre Verlage aus persönlichen, finanziellen oder ideologischen Gründen immer wieder – meistens passiert das im Stillen.

Abgesehen von dem Offenen Brief: Können Sie verstehen, dass es für seriöse Autoren wichtig ist, in welchem Umfeld sie erscheinen?

Bitte definieren Sie „seriöse Autoren“. Autoren, die vor etlichen Jahren ein Buch bei Westend veröffentlicht haben, distanzieren sich nun? Ja, das ist unseriös. Viele Autoren suchen das Umfeld eines konzernunabhängigen Verlages, deswegen sind wir vermutlich so erfolgreich. Einige Unterstützer des Offenen Briefes schätzen den Westend-Verlag wegen seines Programms in Sachen „Krieg und Frieden“. Wie können jene ihren Namen gleichzeitig mit erklärten KriegstreiberInnen und RussenhasserInnen unter diesen Brief setzen?

Für mich ist jemand nicht seriös, der eine Gruppe von Menschen gegen eine andere ausspielt. Müsste nicht statt der Diskussion Rechts-Links eine Qualitätsdebatte starten?

Ja, genau. Allein: Was ist denn aus Ihrer Sicht eine legitim „rechte“ politische Forderung, die vorgetragen werden darf? Wer entscheidet darüber? In der Tat muss die Politik, statt mit immer mehr Links-Rechts-Nebelkerzen für Ablenkung zu sorgen, qualitativ bessere Entscheidungen treffen, die den Zusammenhalt der Gesellschaft fördern. Dafür braucht es die Debatte über die Qualität der Argumente.

Wie unterscheidet ein Verlag, ob es sich bei einem Buch um kritische Auseinandersetzung oder um „Kulturkampf“ handelt.

Ich halte die Beantwortung dieser Frage nur für bedingt relevant. Texte müssen gut sein, dann haben sie Chancen, verlegt zu werden.

Sie haben auch Jacques Baud in Ihrem Programm. Können Sie dessen Bücher nach den Sanktionen weiter vertreiben?

Ja, das ist möglich. Das mussten wir rechtlich prüfen lassen, die EU kennt nicht nur an dieser Stelle keinen Spaß, aber es geht.

Haben sich irgendwelche Autoren solidarisch mit Baud erklärt?

Von den Unterzeichnern? Nicht, dass wir wüssten. Stammautoren haben das natürlich getan. Immerhin ist Gysi Erstunterzeichner zum jüngst gestarteten Aufruf im Parallelfall Dogru. Ich übrigens auch. So ändern sich die Allianzen.

Der Offene Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir, die Unterzeichnenden dieses Briefes, distanzieren uns hiermit von der Neuausrichtung Ihres Verlagsprogramms. Wir tun dies nun öffentlich, nachdem Sie auf unsere Aufforderung zu einem Gespräch mit keinem Wort eingegangen sind. Wir haben in Ihrem Verlag unterschiedliche Sachbücher vorgelegt.

Wir haben das im Sinne der Positionierung getan, die sich bis vor Kurzem auf Ihrer Homepage fand: „Wir verstehen uns ausdrücklich als Plattform für kritische, linke Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit.“ Wir stellen mit Interesse fest, dass Sie diese Passage inzwischen gestrichen haben.

Wir haben „Westend“ als Ort geschätzt, an dem sehr unterschiedliche Überzeugungen aufeinanderstießen, die allerdings in aller Regel von demokratischem Geist und dem Willen nach Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt waren. Wir haben im Sinne der Meinungsfreiheit selbstverständlich auch akzeptiert, dass Sie das Portfolio Ihres Verlages um Autoren wie Wolfgang Kubicki und Ulf Poschardt erweitert haben.

Mit der Veröffentlichung des von Pauline Voss und Julian Reichelt herausgegebenen Bandes „Links–Deutsch / Deutsch–Links“ haben Sie nun das Spektrum Ihrer Veröffentlichungen bis hin zur extremen Rechten erweitert. Dieses Buch ragt nicht nur dadurch heraus, dass Sie damit Ihren Verlag den Führungspersonen eines Portals zur Verfügung stellen, das Tag für Tag große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpft.

Der Band enthält zudem Texte von Autorinnen und Autoren, deren Positionen der AfD nahestehen, einer aus unserer Sicht demokratiebedrohenden Partei.

Wir erkennen ausdrücklich Ihr selbstverständliches Recht an, zu veröffentlichen, was Sie wollen, auch wenn Sie damit rechten Kulturkämpferinnen und -kämpfern eine weitere Plattform bieten.

Wir nehmen allerdings für uns das Recht in Anspruch, unsere publizistische Arbeit nicht in dieser ideologischen Nachbarschaft fortzusetzen.

Unterzeichnende: Daniel Bax, Nils S. Borchers, Christoph Butterwegge, Giorgos Chondros, Ely Maurice, Conrad Tim Engartner, Emran Feroz, Alexander Glasner-Hummel, Claus-Jürgen Göpfert, Selma Güney, Gregor Gysi Stephan Hebel, Gudrun Hentges, Ulrike Herrmann, Lina Hille, Heike Holdinghausen, Bernd Hontschik, Uwe Krüger, Andreas Meißner, Monika Morres, Laura Porak, Timo Reuter, Kerem Schamberger, Simone Schmollack, Sebastian Sevignani, Klaus-Dieter Stork, Thomas Strohschneider, Hendrik Theine, Gerd Wiegel, Jonas Wollenhaupt, Andrea Ypsilanti.

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