Bei einem gewaltsamen Zusammenstoß im nördlichen Westjordanland sind am Freitag ein Israeli und vier Palästinenser getötet worden. Mehrere Menschen wurden verletzt, wie die israelische Armee und palästinensische Gesundheitsbehörden mitteilten. Der Vorfall ereignete sich nahe dem Dorf Tell südwestlich von Nablus, in der Nähe der israelischen Siedlung Havat Gilad.
Nach Angaben der israelischen Armee war eine Gruppe von Dutzenden Israelis, darunter Kinder, ohne Absprache mit dem Militär in die palästinensisch verwalteten Gebiete der Kategorien A und B eingedrungen, die für Israelis normalerweise gesperrt sind. Am Ortsrand von Tell sei es zu einer Auseinandersetzung mit Palästinensern gekommen, in deren Verlauf bewaffnete Siedler in die Luft geschossen hätten.
Ein Palästinenser habe daraufhin einem israelischen Zivilisten das Sturmgewehr entrissen und das Feuer eröffnet. Dabei sei der 32-jährige Benayahu Melet, Mitglied der bewaffneten örtlichen Zivilschutzgruppe des israelischen Siedlungsaußenpostens Havat Gilad, getötet worden. Die israelische Armee erklärte weiter, Soldaten hätten den Palästinenser erschossen, der das Sturmgewehr an sich genommen haben soll. Die Umstände, unter denen die drei weiteren Palästinenser getötet wurden, blieben zunächst ungeklärt.
Essam Saifi, ein örtlicher Vertreter der im Westjordanland regierenden Palästinenserpartei Fatah, schilderte der Nachrichtenagentur Reuters einen anderen Ablauf. Rund 25 bis 30 Siedler hätten zunächst den östlichen Ortsteil angegriffen und versucht, in Häuser einzudringen. Als Bewohner sich entgegenstellten, hätten die Siedler das Feuer eröffnet. Eine halbe Stunde später seien sie in den westlichen Teil zurückgekehrt. Kurz darauf sei das Militär eingetroffen und habe gemeinsam mit den Siedlern geschossen.
Netanjahu beruft Krisensitzung ein
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu berief nach Angaben seines Büros eine Sitzung mit Verteidigungsminister Israel Katz und Generalstabschef Eyal Zamir ein. Man werde „mit Härte gegen Terroristen und ihre Hintermänner vorgehen“, erklärte Netanjahu.
Nablus und Tell wurden vorübergehend abgeriegelt. Nach Angaben der Armee errichteten israelische Soldaten Straßensperren und fahndeten nach Personen, die sie als Angreifer bezeichnete.
Nach dem Vorfall kam es laut Berichten der Times of Israel zu Übergriffen von Siedlern auf palästinensische Orte. Al Jazeera und palästinensische Medien berichteten, Dutzende teils vermummte Siedler seien in das Dorf Jit östlich von Kalkilia eingedrungen und hätten Häuser angegriffen. Die israelische Armee erklärte, sie verstärke ihre Präsenz, um weitere Übergriffe rund um die Beerdigung Melets zu verhindern.
Der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotrich forderte, die Dörfer Tell, Iraq Burin und Beit Furik müssten „aussehen wie die Flüchtlingslager in Nablus und Tulkarem“. Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir verlangte den Einsatz von Luftwaffe und Räumpanzern gegen Häuser mutmaßlicher palästinensischer Angreifer.
Israel hatte im Sechstagekrieg 1967 unter anderem das Westjordanland und Ostjerusalem erobert. Nach internationalem Recht gelten sie als von Israel besetzte Gebiete. Dort leben heute rund 700.000 israelische Siedler inmitten von drei Millionen Palästinensern. Diese beanspruchen die Gebiete für einen eigenen Staat.
Die Vereinten Nationen stufen die israelischen Siedlungen als illegal ein. Nach UN-Angaben waren seit Jahresbeginn bis zum 29. Juni 2026 im Westjordanland bereits 63 Palästinenser von israelischen Soldaten oder Siedlern getötet worden.
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