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Kein Aufruhr wie bei Höcke: Wie Ben Berndts Interview mit Russlands Botschafter geghostet wird

Während sein Höcke-Interview noch einen Mediensturm entfachte, herrscht zum Gespräch mit Sergej Netschajew erstaunliche Ruhe. Wo bleibt die Zerlegungslust der Gatekeeper?

5 Min
Der russische Botschafter Sergej Netschajew (l.) sprach mit Ben Berndt.

Der russische Botschafter Sergej Netschajew (l.) sprach mit Ben Berndt.

© Paulus Ponziak/Ostdeutsche Allgemeine, Rolf Vennenbernd/dpa

Erinnern Sie sich noch an den publizistischen Furor, der losbrach, als der Podcaster Ben Berndt die Chuzpe besaß, den AfD-Ultra Björn Höcke in sein Studio einzuladen? Der Tenor ging ungefähr so: Wie konnte dieser Gesprächsunternehmer, der nicht einmal gelernter Journalist ist, einen solchen Mann einfach reden lassen – minutenlang, stundenlang, ohne das rettende Geländer aus Einordnung, Unterbrechung und sofortigem Widerspruch?

Wie konnte er es überhaupt wagen, einen Politiker einzuladen, über den Politik und Medien in den letzten Jahren zwar viel geschrieben hatten, den sie sonst aber nur mit der Kneifzange anfassten? In weiten Teilen der Leitmedien wirkte die Kritik zu diesem Podcast-Coup damals beinahe so, als sei schon das Zuhören eine menschliche und journalistische Verfehlung. Mit dieser Ächtung hatte das Publikum jedoch weniger Probleme: Mehr als sechs Millionen Mal wurde die Folge von „ungescripted“ abgerufen – eine Reichweite, die Redakteure klassischer Medientalkshows nervös am Wasserglas nippen ließ.

Die Zerlegungsgier journalistischer Spitzenkräfte

Umso erstaunlicher die Verdruckstheit nach Berndts neuestem Gespräch, das nach der Höcke-Nummer die zweitmeisten Klicks für den Podcaster generierte: dem Interview mit dem Botschafter der russischen Föderation in Deutschland, Sergej Netschajew. Allein bei Nennung dieses Namens gehen sonst in den Leitmedien alle roten Lichter an und ergeben sich journalistische Spitzenkräfte ihrer Zerlegungsgier.

Warum blieb es ausgerechnet diesmal geradezu unheimlich still? Das Gespann Berndt–Netschajew dürfte sich geradezu geghostet gefühlt haben – sitzen gelassen von einer Medien-Kohorte, die sonst sehr viel Liebe dafür aufbringt, russische Narrative (natürlich zu Recht) zu sezieren, zu faktchecken und schließlich publizistisch zu entsorgen. Doch ausgerechnet bei Netschajew scheint die Debatte darüber, was man Menschen ungefiltert zumuten darf, Betriebsferien zu haben.

Dabei könnte man meinen, unter den im Studio verhandelten Themen wäre auch für Journalisten etwas dabei gewesen. Immerhin redete Netschajew eine gute Stunde über Krieg und Frieden, Deutschland und Russland. Er wies die russische Verantwortung für Leipzig zurück und erklärte, dass Russland keinen Krieg mit Deutschland wolle. Und er erinnerte zugleich an die russische Nukleardoktrin und daran, dass die Geduld seines Landes nicht grenzenlos sei. Eigentlich müsste das ein Festtag für die sogenannte Einordnung gewesen sein.

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Nun stimmt es nicht ganz, dass unisono Komplettschweigen herrschte nach diesem delikaten Besuch in Berndts Erzählzimmer. Die dpa setzte immerhin eine Meldung ab, die von Süddeutscher Zeitung und Zeit Online praktisch unverändert übernommen wurde. Auch das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), die Berliner Morgenpost, der Tagesspiegel und t-online griffen Aussagen Netschajews auf. Aber alles spärlich, beinah überlesbar. Diese Zeitung hier, gern von den Kollegen als besonders russlandfreundlich gezeiht, veröffentlichte einen ausführlichen Kommentar, in welchem sie Netschajews Aussagen auseinandernahm. Aber sonst? Schweigen im Walde.

Sitzt die Kränkung zu tief, dass der Podcaster Berndt quasi aus dem Stand eine Publikumsmenge erreicht, von der klassische Medienformate nur noch träumen können? Oder verfängt der alte Journalistengrundsatz noch immer, dass den Medienkonsumenten nicht heiß macht, was er nicht weiß? Eine Maxime, der man im Digitalzeitalter doch längst abgeschworen haben sollte.

Nicht irgendein Hinterbänkler zu Gast

Schließlich knackte Berndt bereits am Sonntag, also zwei Tage nach der ursprünglichen Ausstrahlung, die Marke von zwei Millionen Klicks. Nach Angaben aus seinem Umfeld liefen die Abrufe in den ersten Stunden sogar schneller auf als bei seinem Interview mit Björn Höcke, jenem viereinhalbstündigen Gespräch, das im Frühjahr ein nervöses Beben evozierte.

Und: Mit Netschajew hatte der Podcaster nicht irgendeinen Hinterbänkler zu Gast, sondern den Botschafter Russlands. Eines Landes also, das Krieg gegen die Ukraine führt und mit dem Deutschland gerade auf einem Tiefpunkt seiner diplomatischen Beziehungen angekommen ist. Netschajew sagte Sätze, über die man sich trefflich hätte empören können.

Man hätte sich auch den Podcast-Host Berndt wieder zur Brust nehmen können. Man hätte untersuchen können, wo Diplomatie endet und Propaganda beginnt. Man hätte sogar zu dem Ergebnis kommen können, dass dieses Interview journalistisch misslungen ist. In epischer Breite hätte man sich ein weiteres Mal an Russland abarbeiten können, denn gerade bei einem russischen Diplomaten gibt es zig Gründe für veritables Misstrauen. Ein Botschafter ist schließlich kein unabhängiger Beobachter seines Landes. Netschajew vertritt russische Interessen, natürlich erzählt er die russische Sicht. Was sollte er sonst erzählen?

Aber genau deshalb war hier der Journalismus gefragt. Vielleicht ist der Netschajew-Talk am Ende viel weniger spannend als das, was dieses Medienschweigen über die Branche selbst erzählt: Deren Macht bestand einmal darin, festzulegen, was zum Ereignis wird. Diese Macht rinnt ihr zusehends durch die Finger. Die Klicks zum Podcast eines Mannes, der kein Journalist ist, beweisen es.

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