Wie Bild an einen Exklusiv-Bericht über Barack Obama kam

Sie hat ihn übers Ohr gehauen

Eva Schweitzer Ralf Mielke
4 Min

Da hatte die Bild-Zeitung wieder einmal einen Coup gelandet: Während sich die übrige Berliner Journalistenmeute am vergangenen Donnerstag vor Kanzleramt, Hotel Adlon und Siegessäule drängte, um Barack Obama vor Linse und Mikrofon zu bekommen, traf das Springer-Blatt den US-Präsidentschaftsbewerber vermeintlich ganz exklusiv, sozusagen unter vier Augen. "Bild-Reporterin mit Obama im Fitness-Studio", titelte die Zeitung am Freitag, und es klang, als hätten sich der Politiker und die Boulevardjournalistin zuvor zu einer gemeinsamen Trainingseinheit verabredet.Im Innenteil berichtet die Reporterin Judith Bonesky immer noch ganz atemlos von dem Treffen. "16.37. Die Tür geht auf. ER ist es wirklich!" Der Rest: in Worte gefasste Mädchenträume. "Ich sehe seine muskulösen Arme", ist dort zu lesen, "und seine knackige Rückansicht ...". An anderer Stelle verrät die Bild-Journalistin: "Mir wird heiß. Und das nicht nur vom Training ..."Auch gesprochen habe Obama mit ihr. "Hallo, wie geht's?", habe er gefragt. Natürlich auf Englisch. Eine politische Botschaft - exklusiv für die Bild-Leser - übermittelte der Kandidat nicht. Immerhin wurde in dem Erlebnisbericht deutlich, dass das Treffen an der Hantelbank doch eher zufällig zustande kam. Im US-Wahlkampf hat das Tète à Tète dennoch eine gewisse mediale Erregung erzeugt. Barack Obama sah sich sogar genötigt, in der New York Times die Zusammenkunft mit der deutschen Klatschreporterin zu erklären. Und siehe da: Er habe gar nicht gewusst, dass es sich bei der Frau um eine Reporterin gehandelt hat. "Ich bin in dem Sportstudio gelinkt worden", sagte er. "Sie hat uns übers Ohr gehauen." In seinen Augen habe es sich bei der Reporterin um ein normales Mädchen gehandelt, das ein Erinnerungsfoto haben wollte. Ganz schüchtern sei sie zunächst gewesen, und erst, als er das Fitness-Studio verlassen wollte, habe sie um eine gemeinsame Aufnahme gebeten.Vor Obamas Erklärung war unter US-Bloggern eine große Aufregung um den Vorfall ausgebrochen. Das Washingtoner Blog Wonkette ließ die Meldung sogar unter "Pornographie" laufen und schrieb von "sexytime memories". Einige Blogger fragten vorsichtig an, ob der Bild-Beitrag vielleicht Satire sei. Völlig ernst nahm den Bericht allerdings das konservative News-Buster-Blog: Die Bild-Reporterin habe sich wie ein 14-jähriger Hannah-Montana-Fan benommen, das mache ihn krank, erregt sich dort Warner Todd Huston. Das Hillary-freundliche Blog Change and Resistance schimpfte, Obama habe die Truppen nicht besucht, dafür habe er Sport mit einer 14-Jährigen getrieben. Bonesky ist 27. Und das Newsweek-Blog Stumper machte sich darüber lustig, dass Obama bei seinem Training nicht schwitzte. Vielleicht schwitzt er ja jetzt.Zwar spricht auch viel Prüderie aus diesen Reaktionen - eine Zeitung wie Bild, mit blanken Busen vorne drauf, wäre in den USA undenkbar. Aber dass sich Bonesky bei Obama nicht vorgestellt hat, wird auch kritisiert. Allerdings: Journalismus aus dem Hinterhalt wird in den USA populär, schon durch die Bloggerszene. So hat es Mayhill Fowler geschafft, sowohl Clinton als auch Obama zu Äußerungen zu provozieren, die sie an die Website Huffingtonpost weitergab - beide Politiker dachten, sie hätten eine Anhängerin vor sich. Newsweek-Politreporter Jonathan Alter fand, das sei "Betrug", einige Blogger aber verteidigten Fowler: Das sei die einzige Möglichkeit, kontrollierten Politikern etwas zu entlocken.Judith Bosetzky hat Barack Obama außer einem freundlichen Lächeln nichts entlockt. Dass er damit trotzdem auf Seite 1 der Bild-Zeitung landete, musste der Präsidentschaftsbewerber noch am selben Abend erfahren. Im Restaurant Borchardt, wo er nach seiner Rede ein spätes Abendessen einnahm, zeigte ihm Bild-Chef Kai Diekmann die frischgedruckte Bild-Zeitung mit dem Aufmacher aus dem Fitness-Studio. Ein Foto davon hat es noch in eine spätere Ausgabe von Bild geschafft.------------------------------"Ich bin in dem Sportstudio gelinkt worden." Barack Obama über sein Treffen mit einer Bild-Reporterin------------------------------Foto: Ein Date mit dem künftigen US-Präsidenten? Nein, eher eine zufällige Begegnung. Barack Obama wusste nicht einmal, dass die Frau eine Reporterin war. Sagt er.

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