Man kann kaum behaupten, dass in Berlin wenig zeitgenössische Musik betrieben würde. Vielfach aber versteckt sie sich, einem lichtscheuen Grottenolm gleich, an Orten, wo sie dem Druck öffentlicher Diskussion von vornherein entzogen ist. Die wöchentliche Reihe "Unerhörte Musik" in der BKA am Mehringdamm, die "Randspiele" in der Annen-Kirche in Zepernick, auch die jährlich im November stattfindende "Klangwerkstatt" wirken eher familiär. Andere Festivals wie die Kryptonale im Prenzlauer Berg oder das Urban + Aboriginal am Podewil gefallen sich in einer munteren Unübersichtlichkeit und präsentieren zudem mit Klangkunst, Video- und Computerinstallationen häufig Gegenstände, deren Identität fragil ist. Darüber verantwortlich zu reden, ist weitaus schwieriger als bei komponierter Musik. Dieser Schwierigkeit stellen sich die Festivalmacher nur ungern. Man schreckt allenthalben davor zurück, Gründe für die Auswahl vorgestellter Arbeiten offen zu legen, in der Annahme, die eigene Position gewinne durch den Mangel an Kontur auch schon Legitimität. Das ist besonders das Problem der "maerzmusik", die vor drei Jahren mit zweifelhaften Argumenten an die Stelle der Berliner Biennale für neue Musik gesetzt wurde. Was hier, in der Scheu vor dem Repräsentativen, an "aktueller" Musik vorgestellt wurde, erwies sich oft als solche Peinlichkeit, dass kundige Zuhörer sich während der Konzerte gegenseitig den Vogel zeigten. Immer schön undogmatisch Beim UltraSchall-Festival, das in diesem Jahr vom Rundfunk Berlin Brandenburg und dem Deutschlandradio veranstaltet wird, erlebt man solche Pleiten kaum. Denn obwohl die Festivalmacher Martin Demmler und Rainer Pöllmann sich ebenfalls "undogmatisch" geben, sich also auf ästhetische Rechtfertigungsdebatten nicht einlassen wollen, enthalten die Programme überwiegend Werke, denen man eine grundsätzliche Solidität nicht absprechen kann. Jedoch grenzt die Metiersicherheit der hier vorgestellten Komponisten zuweilen ans Kunstgewerbliche. Beim Eröffnungskonzert der siebten Festivalsaison am Freitag im großen Sendesaal des RBB hat der Dirigent George Benjamin zusammen mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin britische Musik der letzten zehn Jahre aufgeführt, die durch den Gehörgang gleitet wie ein warmes Messer durch die Butter.Da traten zwei Komponisten auf, James Olsen und Martin Suckling, beide Anfang zwanzig, sympathisch, gesprächig, noch ein wenig wie Gymnasiasten wirkend, und sie komponieren, als wären sie hundertzwanzig Jahre alt. Man fühlte sich bei Olsens "Quiet enjoyment" und Sucklings "Play" ins Paris des Jahres 1913 zurückversetzt, an den Beginn einer anti-deutschen Moderne, aus russisch-französischen Quellen gespeist, mit luzide und virtuos instrumentierten Klangfarbenstudien, hedonistisch und verspielt. Alle Traumata des 20. Jahrhunderts sind hier ausgetilgt. Diese Musik fängt, geschichtsvergessen und unbeschwert, dort an, wo eine zukunftsfröhliche Musik vor dem Ersten Weltkrieg schon einmal stand. Die Idee eines authentischen Sprechens scheint sich für sie völlig erledigt zu haben, auch dies eine Parallele zur Abkehr vom expressiven Pathos der Spätromantik bei Strawinsky oder Ravel - mit dem Unterschied, dass die jungen Briten auch das Bedürfnis, Neues zu sagen, offenbar nicht mehr kennen. Es ist schwer zu entscheiden, ob diese Musik für das gegenwärtige Großbritannien repräsentativ ist oder nur den Geschmack des dirigierenden Komponisten George Benjamin widerspiegelt. Die in Berlin von Simon Rattle gepflegte "neue" britische Musik weist allerdings in eine ähnliche Richtung, und auch Martin Demmler behauptet im Programmheft, dass die britische Komponierkultur für Orchester sich von der deutschen gegenwärtig stark unterscheide. In Zeiten hoher Mobilität von Komponisten sind solche nationalstilistischen Differenzen auf jeden Fall bemerkenswert. Ob sich die Globalisierung auf das Komponieren neuer Musik überhaupt auswirke, versuchte am Sonnabend eine Diskussion in den Sophiensælen zu klären, die einen beklemmenden Verlauf nahm. Der deutsche Komponist Oliver Schneller, der sich auch mit japanischer Musik befasst, sagte, ihn interessiere nur "die Musik selbst". Auch der Palästinenser Samir Odeh-Tamimi hört "nur Musik" und will nicht verstehen, "welches Leben dahinter steckt". Und für den Deutsch-Inder Sandeep Bhagwati ist Musik etwas "Geistiges", das unabhängig von Rechtssystem und Sozialstruktur existiere.Dieses Gerede von "der Musik selbst" aber ist unglaublich naiv. Was Musik ist und was Musik sein kann, hat der Musiksoziologe Christian Kaden kürzlich in seinem Buch "Das Unerhörte und das Unhörbare" eindrucksvoll dargelegt. Es gibt Kulturen, die keinen Oberbegriff für "Musik" haben, sowenig wie die Inuit einen für "Schnee" kennen. Das, was wir "Musik" nennen, ist stets eingebettet in soziale Handlungskontexte, durch die das "rein Klangliche" sich mit jeweils anderer Bedeutung füllt. Das Nachdenken darüber, wie Musik in Zusammenhang steht mit der Frage, wie wir leben sollen, spielte in der Diskussion allerdings gar keine Rolle, bis sie am Ende mit Tränen aus der jungen chinesischen Komponistin Yueyang Wang hervorbrach.------------------------------Die Idee eines authentischen Sprechens scheint sich für die jungen Briten völlig erledigt zu haben.
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