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Wie die CDU-Landesregierung Sachsen-Anhalts wirtschaftliche Schätze ignorierte

Die Lutherstädte haben touristisches Potenzial von globaler Bedeutung – doch das Reformationserbe bleibt ungenutzt. Eine Pilgerroute könnte die Region neu beleben.

Alf Eichelbaum
7 Min
Blick auf die Schlosskirche Wittenberg

Blick auf die Schlosskirche Wittenberg

© Steffen Schellhorn/Imago

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Seit der Wende sind 35 Jahre vergangen – Jahre, in denen Sachsen-Anhalt von einer Landesregierung der CDU regiert wurde, die es nicht vermochte, die wirtschaftlichen und kulturellen Potenziale des Bundeslandes zu nutzen. Während in Magdeburg mit großem Tamtam versucht wurde, Intel anzusiedeln und dafür pro Arbeitsplatz eine Million Euro Subvention zu zahlen, blieb das wahre Erbe der Region unbeachtet und ungenutzt.

Sachsen-Anhalt ist gesegnet mit historischen Schätzen, die weltweit einzigartig sind: die Lutherstädte Eisleben, Mansfeld und Wittenberg, in denen Martin Luther geboren wurde, aufwuchs und seine berühmten 95 Thesen anschlug. Ergänzt durch das nahe thüringische Eisenach mit der Wartburg, wo Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte, besitzt das Land ein touristisches Potenzial von globaler Bedeutung. Doch statt dieses Erbe als wirtschaftliche Chance zu begreifen, ließ die CDU-Landesregierung diese „Juwelen“ seit der Wiedervereinigung nahezu vollständig ungenutzt.

Dass eine sozialistische Staatspartei das reformatorische Erbe nicht als identitätsstiftendes Wirtschaftsprojekt nutzte, war konsequent. Dass jedoch eine Partei, die das „C“ im Namen trägt und für sich in Anspruch nimmt, christliche Werte politisch zu vertreten, diese historische Chance ebenfalls nicht ergriff, ja offenbar nicht einmal erkannt hat, ist schwer erklärbar. Wenn sich ausgerechnet eine christdemokratische Landesführung darauf beschränkt, die Orte der Reformation museal zu verwalten, statt sie strategisch zu entwickeln, dann entsteht ein Widerspruch, der nicht ideologisch, sondern politisch begründet ist.

Das Mansfelder Land, einst geprägt vom Bergbau und der Schwerindustrie, ist heute eine der ärmsten Regionen Deutschlands. Bevölkerungsrückgang, verfallende, leerstehende Gebäude und wirtschaftliche Tristesse prägen die Region seit inzwischen 35 Jahren.

Luthers Elternhaus und das dazugehörige Museum in Mansfeld. Die Familie Luthers bezog das Haus 1484 von Eisleben kommend. Hier verbrachte Martin Luther seine Kindheit.

Luthers Elternhaus und das dazugehörige Museum in Mansfeld. Die Familie Luthers bezog das Haus 1484 von Eisleben kommend. Hier verbrachte Martin Luther seine Kindheit.

© imago stock&people

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Bedeutung wie Rom für den Katholizismus

Die DDR hatte ideologische Gründe, dieses Potenzial nicht zu heben. Die Landesregierungen nach 1990 hatten diese Gründe nicht. Dass dennoch kaum mehr geschah als Bewahrung und punktuelle Förderung, ist keine historische Notwendigkeit gewesen. Es war eine politische Entscheidung – oder das Ergebnis fehlender Vorstellungskraft.

Die CDU-geführten Regierungen seit 1990 haben es versäumt, ein strategisches Konzept zu entwickeln, um die Lutherstädte als Pilgerorte für die weltweite evangelische Christenheit zu etablieren – eine Chance, die vergleichbar wäre mit der Pilgerreise nach Mekka für Muslime oder nach Rom für Katholiken.

Gerade im „Bible Belt“ der USA mit über 70 Millionen gläubigen und besonders wohlhabenden evangelikalen Christen, aber auch in Asien, Südkorea, Europa, Afrika und Deutschland selbst, gibt es ein enormes, bislang ungenutztes Besucherpotenzial. Dieses Potenzial ist beeindruckend. Weltweit gibt es Schätzungen zufolge zwischen 600 und 660 Millionen evangelikale Christen, und ihre Zahl steigt in Afrika sowie in Mittel- und Südamerika stark an.

Die Bedeutung dieser Orte für die protestantische Welt ist vergleichbar mit der Rolle Roms für den Katholizismus oder Mekkas für den Islam.
Doch wirtschaftlich genutzt wird dieses Erbe kaum.

Die jüngsten Zahlen der Stiftung Luthergedenkstätten zeigen das Ausmaß der verpassten Chance geradezu brutal. Am 12. Januar 2026 veröffentlichte die Stiftung ihre Besucherstatistik für das Jahr 2025. Demnach haben etwas mehr als 92.000 Menschen die Ausstellungen in den Luthermuseen besucht – verteilt auf die Standorte Eisleben, Mansfeld und Wittenberg mit insgesamt sechs Museen.

Selbst wenn man den Anstieg von mehr als 14 Prozent gegenüber 2024 positiv bewertet, bleibt das Ergebnis ernüchternd: 92.000 Besucher für sechs Museen an drei historischen Kernorten der Reformation. Rechnet man diese Zahl realistisch herunter, ergibt sich ein ernüchterndes Bild. Viele Besucher dürften mehrere Häuser besichtigen. Die tatsächliche Zahl individueller Besucher pro Ort dürfte daher kaum über 15.000 liegen. 15.000 Besucher jährlich an Orten, die zu den symbolischen Ursprüngen einer Weltreligion gehören.

Besonders in Eisleben fehlt es an allem

Ein Vergleich macht deutlich, wie gering diese Zahlen sind. Die brandenburgische Kleinstadt Rheinsberg, deren wichtigste Attraktion ihr Schloss ist – jenes Schloss, in dem Friedrich der Große nach eigener Aussage die glücklichste Zeit seines Lebens verbrachte –, verzeichnete im Jahr 2024 rund 690.000 Übernachtungen. Und das ohne eine groß angelegte internationale Tourismusstrategie des Landes.

Der Unterschied spricht für sich. Er zeigt nicht nur ein schwaches Marketing. Er zeigt das nahezu vollständige Fehlen eines strategischen Konzepts.

Ein solches Konzept erfordert ein kluges und generalstabsmäßig geplantes Vorgehen: Investoren sollten die vielen heruntergekommenen Plattenbauten in Eisleben kaufen und zu modernen Hotels umbauen. Gleichzeitig muss der gastronomische Rahmen in Eisleben, Mansfeld und Wittenberg geschaffen werden. Besonders Eisleben, das mit seiner schönen Altbausubstanz, dem Marktplatz und den liebevoll restaurierten Luthergeburtshaus- und Luthersterbehaus-Museen glänzt, fehlt es an allem.

Es braucht eine zeitgleiche Verbesserung des Stadtbildes, eine ansprechende Gastro-Szene, die klassische deutsche Gerichte auf Spitzenniveau anbietet, und einen Service, der Freundlichkeit, Weltoffenheit und Toleranz gegenüber internationalen christlichen Touristen ausstrahlt. Souvenirläden und weitere touristische Dienstleistungen sind ebenso notwendig.

Statue auf dem Marktplatz von Eisleben, dem Geburtsort des Reformators

Statue auf dem Marktplatz von Eisleben, dem Geburtsort des Reformators

© Schöning/Imago

Es braucht ein kluges Marketingkonzept

Darüber hinaus können Reisebusunternehmen entstehen, die Touristen vom Berliner Flughafen BER oder Leipzig abholen und in Hotels in Eisleben, Mansfeld oder Wittenberg unterbringen. Von dort aus starten Tagesausflüge zu den Lutherstädten Eisleben, Wittenberg, Mansfeld und Eisenach sowie nach Freyburg an der Unstrut, einer besonders schönen Gegend, die Spitzenweingüter aufweist. Dort können Besucher die Rotkäppchen-Sektkellerei besichtigen und im Weinberghotel Edelacker hoch über der Stadt mit einem unglaublich schönen Ausblick auf die Weinberge und das Unstruttal oder in einer Winzerschänke in der Altstadt eine Weinprobe genießen.

Die Investitionen und die neu entstehenden Unternehmen würden Umsatz für lokale Handwerker schaffen und neue Arbeitsplätze im Tourismus bringen – zukunftsfähige, sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze, die dringend gebraucht werden.

Begleitet werden muss all dies von einem klugen Marketing- und Werbekonzept, das gezielt die evangelikale Christenheit in den USA (besonders jene mindestens 70 Millionen gläubigen Evangelikalen im „Bible Belt“), Asien (besonders China und Südkorea), Afrika sowie Süd- und Mittelamerika anspricht. Prominente evangelikale Fernsehprediger sollten als Markenbotschafter gewonnen werden, um die Botschaft zu verbreiten, den Trend des Pilgerns zur „Wiege des Protestantismus“ in Gang zu setzen und ihn als zukünftige Tradition dauerhaft zu etablieren.

Die Zeit der Ausreden ist vorbei

Die Landesregierung hat diese Chance bislang nicht genutzt. War es Ministerpräsident Haseloffs katholische Konfession, die ihn blockierte? Wohl kaum. Vielmehr offenbart sich hier die absolute Unfähigkeit und Ideenlosigkeit einer politischen Führung, die nie außerhalb der Parteienpolitik Sachsen-Anhalts gearbeitet hat und deshalb die Schätze ihres Landes nicht erkennt, ja, aufgrund des engen Horizonts nicht sehen und erkennen kann.

Die Verantwortung liegt bei der eigenen politischen Führung und den Wählern. Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Sachsen-Anhalt muss aus seinem Dornröschenschlaf erwachen und die Luther-Pilgerroute zum Leuchtturmprojekt machen, das die Region wirtschaftlich und kulturell neu belebt.

Die Landesregierung ist gefordert, endlich ein ressortübergreifendes Projektteam einzusetzen, Investoren zu gewinnen und ein mehrjähriges Werbebudget bereitzustellen. Nur so kann Eisleben zu einem weltweit anerkannten Pilgerort werden – zu einem Ort, der Protestanten aus aller Welt anzieht und Sachsen-Anhalt eine neue wirtschaftliche Zukunft schenkt.

Alf Eichelbaum arbeitet als Rechtsanwalt in Berlin, lebt hier, aber auch in Sachsen-Anhalt, im Landkreis Mansfeld-Südharz. Seine Partnerin stammt aus der Region, wodurch er das Leben hier nicht nur aus der Perspektive eines Besuchers kenne, sondern aus dem Alltag heraus.

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