Wie die Geheimdienste den Aufstand erlebten

"Wir wurden kalt erwischt"

Andreas Förster Frank Herold
2 Min

Wie Stasi und SED-Führung wurden auch die westlichen Geheimdienste von der Eskalation der Arbeiterproteste am 17. Juni 1953 völlig überrascht. Die "Organisation Gehlen", Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, war sogar ernsthaft der Meinung, die SED habe den Aufstand inszeniert, um die von Ost-Berlin damals angestrebte deutsche Wiedervereinigung "ins Rollen zu bringen".Diese Fehleinschätzung teilte der US-Geheimdienst CIA zwar nicht, aber auch die Agency hatte die Ereignisse nicht kommen sehen. Das bestätigt unter anderem ein Bericht der in der Clayallee ansässigen Berliner CIA-Residentur BOB (Berlin Operations Base), in dem es heißt: "Wir wurden kalt erwischt." Das Gleiche traf auf die deutsche CIA-Mission in Frankfurt am Main zu. Missionschef Lucian Truscott und sein Vize Michael Burke weilten am 17. Juni beim US-Militär in Nürnberg. Beraten wurden dort aber nicht die Unruhen in der DDR, sondern jüngste Grenzverletzungen der CSSR. Von den Ereignissen in Ost-Berlin erfuhr Truscott erst auf der Heimfahrt - aus der Abendzeitung.Die Ahnungs- und Tatenlosigkeit der Amerikaner wird nicht zuletzt vom Protokoll einer "hochrangigen Erörterung der Entwicklungen der letzten 48 Stunden in Deutschland" am 18. Juni 1953 im Nationalen Sicherheitsrat in Washington belegt. CIA-Chef Allen Dulles erklärte dort, dass "die Vereinigten Staaten absolut nichts mit der Anstiftung dieser Unruhen zu tun haben und dass unsere Reaktion bisher darin bestanden hat, uns darauf zu beschränken, . unsere Sympathie und Bewunderung auszudrücken". Kein SchießbefehlDen sowjetischen Geheimdienst KGB überraschte die Entwicklung offenbar weniger. "Wir hatten am Abend des 16. Juni ernst zu nehmende Erkenntnisse, dass es am folgenden Tag zu Unruhen kommen würde", erinnert sich Sergej Kondraschow. Er war in Moskau als stellvertretender Leiter der Aufklärung für die 600 in Karlshorst tätigen KGB-Mitarbeiter zuständig. Zuvor gab es Hinweise: Am 13. Juni hatte Major Wadim Kotschin, der als MfS-Berater in Berlin firmierte, an einer Dampferfahrt von Gewerkschaftsführern teilgenommen und dabei von geplanten Aktionen gegen die Wirtschaftspolitik erfahren. Die DDR-Führung hatte nach Kondraschows Auffassung tatsächlich den Ernst der Lage nicht erkannt. Walter Ulbricht hatte leitende Parteifunktionäre nach Berlin beordert, so dass die SED-Machtorgane in den Regionen praktisch führungslos waren. Nach Darstellung Kondraschows verhängte der sowjetische Oberkommandierende, Marschall Sokolowski, den Kriegszustand über die Besatzungszone erst, als die erste Etage des Regierungsgebäudes in der Leipziger Straße in Brand gesetzt worden war. Der Einsatz sowjetischer Infanterie und einer Panzerbrigade sei nur auf massive Einschüchterung gerichtet gewesen, betont Kondraschow. Es habe keinen Schießbefehl gegeben.

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