Wie ein Sparkassenbus Bankdienstleistungen in dünn besiedelte Gegenden Brandenburgs bringt

Geld auf Rädern

Sebastian Wolff
5 Min

VIERITZ, im Januar. In Vieritz tut sich nicht viel. Ein kleiner Betrieb, der Steinplatten herstellt und zwei Bauernhöfe sind hier angesiedelt. Das war's. In dem rund 350 Einwohner zählenden Ort, im äußersten Westen des Brandenburgischen Landkreises Havelland gelegen, irgendwo zwischen Rathenow, Premnitz und Genthin, gibt es kein Geschäft, keinen Arzt, keine Behörde und keine Schule. Zwei Stunden in der WocheDoch dafür gibt es in Vieritz ein Geldinstitut: Es ist allerdings nur selten da. Genauer gesagt nur einmal die Woche, für zwei Stunden. Jeden Donnerstag zwischen 12 Uhr und 14 Uhr können die Bewohner dort ihre Bankgeschäfte erledigen. Dann fährt die Bankfiliale wieder weg. Das Geldinstitut ist nämlich in einem Bus untergebracht. Er gehört der Mittelbrandenburgischen Sparkasse (MBS), die in den Region Potsdam, Brandenburg, Potsdam-Mittelmark, Havelland, Oberhavel und Teltow-Fläming tätig ist. Und dieser Bus fährt durch die Dörfer - dahin, wo es viele Menschen gibt, die zu alt oder zu schwach sind, um in den nächstgrößeren Ort zu kommen, in dem es eine richtige Bank gibt. "Es ist ein Service für die Kunden", betont eine Sprecherin der Sparkasse. Seit Jahresbeginn hat das Unternehmen zwei dieser fahrenden Filialen.Pünktlich auf die Minute trifft der Bus in Vieritz ein. Am Steuer sitzt Jörn Obermaier. Der 29-Jährige ist nicht nur Fahrer, sondern auch Zweigstellenleiter, Schaltermitarbeiter, Kreditverkäufer und Anlageberater. Die mobile Sparkassen-Filiale ist ein Ein-Mann-Betrieb. An diesem kühlen Tag wartet schon eine Kundin auf Jörn Obermaiers Sparkassen-Bus. Es ist die 78 Jahre alte Ursula Haubold. "Dieser Bus ist für mich ein Segen", sagt sie. "Ich kann alles erledigen, was ich muss." Für Ursula Haubold heißt das in diesem Fall: Geld abheben, Rechnungen bezahlen und gelegentlich etwas auf ihr Sparkassen-Buch einzahlen. Seit 1949 lebt Ursula Haubold in Vieritz. Sie sagt, dass sich der Ort seit der Wende zum Positiven entwickelt hat. Sie meint damit aber lediglich das optische Erscheinungsbild: Die Straßen wurden neu gepflastert, viele Häuserfassaden restauriert. Doch glücklicher seien die Menschen deshalb nicht geworden: "Mit Arbeit", sagt Ursula Haubold "sieht es hier jetzt viel schlechter aus als früher." Zu DDR-Zeiten waren die meisten Menschen noch in einer Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) beschäftigt. Vor der Wende gab es hier auch einen Konsum-Laden, eine Gaststätte, einen Kindergarten und eine Schule, die bis zur achten Klasse reichte. Regelmäßig kam ein Arzt ins Dorf. Und es gab eine Sparkassen-Agentur.Nach der Wende war mit der LPG Schluss, und damit verschwanden auch die Jobs aus Vieritz. Die meisten Menschen, die hier geblieben sind und noch Arbeit haben, nehmen lange Wege in Kauf. Manche fahren bis nach Berlin oder ins niedersächsische Wolfsburg und sind damit täglich vier Stunden oder länger unterwegs.Mobiler Bäcker und FleischerSeit die Schule geschlossen wurde, kommt der Arzt nicht mehr. Denn für ihn standen damit in Vieritz keine Räume mehr zur Verfügung, in denen er seine Patienten hätte empfangen können. Bald war auch mit der Gaststätte, dem Kindergarten und dem Konsum-Laden Schluss. Auch die Sparkassen-Agentur verschwand. Eine feste Geschäftsstelle rechnete sich für das Geldinstitut nicht mehr.Jetzt kommen gelegentlich noch ein mobiler Bäcker und ein mobiler Fleischer vorbei - und die Sparkasse. Der Bus wurde schon kurz nach der Wiedervereinigung eingesetzt. Seit nunmehr fünf Jahren steuert ihn Jörn Obermaier. Seine Kunden empfängt er hinter dickem Panzerglas. "Ich bin hermetisch abgeriegelt", sagt er. "Wahrscheinlich bin ich hier sicherer als in einer normalen Filiale." Damit er während seines Einsatzes nicht aussteigen muss, ist der Bus ist mit einer Toilette ausgestattet. Obermaiers Schalterraum ist eng und bietet nur einem einzigen Kunden Platz. Die anderen müssen im hinteren Teil des Busses warten. Dort stehen zwei Sitzbänke. Die Wartenden werden mit Radiomusik berieselt. Es läuft Antenne Brandenburg. Insgesamt kommen an diesem Donnerstag zwei Dutzend Kunden in die mobile Sparkasse.Bis zu 5 000 Euro pro Kunde zahlt Obermaier aus - wenn ein höherer Betrag vorher angemeldet wurde, geht auch entsprechend mehr. Doch mit Bargeldauszahlungen erschöpft sich Obermaiers Tätigkeit noch lange nicht: "Ich mache hier fast alles, was auch in einer normalen Zweigstelle angeboten wird", sagt er. Er nimmt auch Einzahlungen, Scheckeinreichungen und Überweisungsaufträge entgegen. Das ist für ihn Standard. Des Öfteren verkauft er auch einmal einen Fondssparplan oder eine Lebensversicherung - selbst die komplizierten Verträge zur Riester-Rente hat Obermaier im Sortiment. Und auch Kreditanträge füllt er für die Kunden aus und nimmt sie entgegen. "In der Regel wird die Entscheidung, ob der Kredit bewilligt wird, innerhalb von 24 Stunden getroffen", sagt Obermaier. Meist kann er dann gleich in der Folgewoche, wenn er mit seinem Bus wieder ins Dorf kommt, die Kreditsumme an den Kunden auszahlen. 500 Kilometer pro WocheDer Bus kommt das ganze Jahr über jede Woche nach Vieritz, außer an Feiertagen. Wenn Obermaier Urlaub hat oder einmal krank ist, dann springt für ihn eine Kollegin ein. Sie ist die Einzige, die sich neben Obermaier mit dem Bus auskennt. Schließlich hat sie ihn früher selbst hauptamtlich geführt, bevor Obermaier den Job übernahm. "Das hat bislang immer geklappt", sagt Obermaier. "Der Bus ist noch nie ausgefallen".Obermaier hat eine feste Route und legt dabei rund 500 Kilometer jede Woche zurück. Etwas größere oder verkehrstechnisch günstiger gelegene Orte wie Großwudicke, Zollchow oder Päwesin steuert er zwei Mal pro Woche an. Der kleine Ort Vieritz muss mit einem Besuch pro Woche auskommen. Denn schließlich muss sich das Ganze unter dem Strich auch für die Sparkasse rechnen: "Ich bin nicht die Caritas", sagt Obermaier. "Meine mobile Geschäftsstelle ist rentabel". Solange sie das bleibt, dürfte ihre Existenz auch gesichert sein. "Eine Abschaffung dieses Services ist nicht geplant", betont die MBS-Sprecherin. Würde der Sparkassen-Bus irgendwann doch abgeschafft, wäre das für Kunden wie Ursula Haubold eine Katastrophe: "Ohne ihn", sagt sie "wäre ich völlig aufgeschmissen".------------------------------Foto: Der Sparkassenbus unterwegs in Vieritz: Busfahrer und Filialleiter Jörn Obermaier bringt Bares, Kredit und Sparverträge in abgelegene Orte.

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