Es dauert nicht lange, schon erscheint der erste Demonstrant. Die FDP-Politiker Eren Güvercin und Karoline Preisler sowie der Rapper Ben Salomo haben sich mit ein paar Begleitern am Montagnachmittag auf dem U-Bahnhof Yorckstraße versammelt, um ein von der Presse begleitetes Gespräch in der U-Bahn zu führen. Güvercin ist Muslim, Preisler Christin und Rapper Salomo Jude. Sie alle setzen sich entschieden gegen Antisemitismus ein. Noch bevor die U-Bahn abfährt, entdecken sie ihn.
Der Demonstrant filmt die Gruppe und hält ein Schild in die Höhe: „Freiheit statt Rassismus #NoFDP“ steht da. Ein weiterer Mann, der sich „Scotty“ nennt, taucht kurze Zeit später mit Beutel in Regenbogenfarben, Sonnenbrille und einem T-Shirt mit der Aufschrift „Another Jew For A Free Palestine“ auf. Fortan wird „Scotty“ nahezu pausenlos in seine Trillerpfeife pusten. Er unterbricht sein Pfeifen nur durch Rufe wie „Die FDP ist keine Stimme gegen Antisemitismus“, „Die FDP unterstützt den Genozid“, „Ben Salomo, you are not the only Jew, you are not the only Israeli in Berlin“ und „Sprecht über die Siedlergewalt“. Der Demonstrant mit dem Schild ruft manchmal noch: „Yallah, yallah Intifada“, was so viel wie ein Aufruf zum Widerstand bedeutet. Ein Gespräch der drei ist faktisch unmöglich. Die übrigen Fahrgäste wirken zudem genervt. Niemand solidarisiert sich – weder mit der einen noch mit der anderen Seite. Als die drei aussteigen, und das Gespräch an der Station Südstern fortsetzen oder besser: neu beginnen wollen, folgen ihnen die Demonstranten. Auch Orang-Utan-Geräusche sind zu vernehmen.
Preisler: „Der größte Verlust, den ich habe“
Karoline Preisler, die als Gegendemonstrantin auf vielen propalästinensischen Versammlungen massiv angefeindet wird, weiß auch von Angriffen oder versuchten Angriffen in der U-Bahn zu berichten. Trotzdem sagt sie: „Im Endeffekt ist eine U-Bahn sicher, denn dort sind Kameras, dort sitzen Leute.“ Sie belaste vor allem, dass manche Männer ein Klima schafften, in dem andere Männer, die gegebenenfalls fitter sind, meinen, sie schlagen oder verfolgen zu dürfen. Diese „Begleitung“ in den öffentlichen Verkehrsmitteln führe dazu, dass sie sich nicht in der Öffentlichkeit mit ihrer Familie bewegen könne. „Das ist der größte Verlust, den ich habe.“
„Mir ist schon vor Jahren vom LKA abgeraten worden, U-Bahn zu fahren“, sagt Rapper Salomo. Und weiter: „Es ist wirklich furchtbar, was aus dieser Stadt geworden ist – wenn man zulässt als Clowns verkleideten Faschisten erlaubt, hier durch die Straßen zu gehen und die Stadt zu dominieren, dann wird das Sicherheitsgefühl immer geringer werden und das Gewaltpotenzial steigen.“ Salomo spielt auch auf den CSD-Anschlag an. Da habe man ja gesehen, wohin „Globalize the intifada“ führe. Das erinnere ihn an „Methoden von Faschisten“.
Karoline Preisler und Ben Salomo – im Hintergrund: „Scotty“
© Carola Tunk/Berliner Zeitung
„Diese U-Bahn-Fahrt hat sehr gut gezeigt, wie die Situation für Jüdinnen und Juden seit dem 7. Oktober ist – hier in Berlin“, ergänzt FDP-Politiker Güvercin. Er selbst vermeide es ebenfalls, mit der U-Bahn zu fahren. Er als Muslim werde als „Verräter“ gebrandmarkt.
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Karoline Preisler: „Selbst wenn einer auf mich einsticht, würde ich nicht aufhören“
Der Termin war öffentlich. Somit ist nicht ganz klar, ob die Demonstranten das Gespräch gestört haben, weil sie von dem Termin wussten. Bei einer reinen Zufallsbegegnung wären sie vielleicht stumm geblieben. Fakt ist in jedem Fall: Diesen drei Menschen wird der Kampf gegen Antisemitismus nicht leicht gemacht.
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