Es ist mein erstes Mal, deswegen ist mein Urteil fragwürdig. Aber die Frankfurter Buchmesse kommt mir vor wie literarischer Straßenkarneval. Viele gutgelaunte Menschen, die am Tag über das Feiern reden und am Abend dann so sehr feiern, dass sie den ganzen nächsten Tag darüber reden können.Zuerst war es mir nur angenehm. Dann fiel mir auch auf, warum. Hier sind viele Lesende unter sich. Diejenigen, die sich von dieser Kulturtechnik verabschiedet haben, fehlen. Also keine Solariumshähnchen, keine vom Tätowierer vollgekritzelten Muskeltrottel, keine Bier-to-go-Heinis von der Danziger Straße, überhaupt kein RTL2-Publikum. Auch keine ausgemergelten Seifenopernsternchen, keine Trash-Prominenz wie bei mancher Fernsehsause, sondern Stil und Geschmack, alles weit weg von Franjo Pooth.Riviera an der SpreeBei der Rotweinbestellung stehe ich neben einer strahlend schönen Frau, die sich durch eine Art Ikea-Gurren in ihrem ansonsten perfekten Englisch als Skandinavierin zu erkennen gibt. Als sie mir erzählt, was sie beruflich tut, komme ich mir vor wie ein 14-jähriges Mädchen, das im Tourbus von Tokio Hotel mitfahren darf. Mir ist nach Kreischen zumute, weil sie als Verlagsfrau Jo Nesbö, den Autor meines derzeitigen Lieblingskrimis "Der Schneemann", persönlich kennt. Als die Norwegerin fragt, ob es in Berlin Schnee gibt, lüge ich. Nein, nein, Berlin sei ein Winterparadies, in dem selbst im Dezember Riviera-Bedingungen herrschen. Sie müsse unbedingt aus der Dunkelheit Oslos an den Tropenstrom Spree reisen. Kurz danach springe ich in eine Aufzugtür, damit die legendäre US-Sexualtherapeutin Dr. Ruth Westheimer nicht gequetscht wird. Ich wurde auch noch von einer Bestsellerautorin geküsst.Die Parties bleiben selbstverständlich nicht folgenlos. Am nächsten Morgen tritt eine übermüdete Pressefrau vor eine Gruppe total fertiger Journalisten und fasst die Handlung eines Romans zusammen: "Am Ende flieht die Heldin mit ihrem Polenleger nach Fliesen." Dahin muss ich bald auch zurück.------------------------------Jörg Thadeusz moderiert dienstags die Gesprächssendung "Thadeusz" im RBB- Fernsehen und sonnabends die Wissensshow "Die Profis" auf Radio Eins.
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