Wie früher, wie immer, wie nett: Nena hat eine neue CD herausgebracht und ist sich treu geblieben

Von zauberhaft schräger Natur

Harald Peters
5 Min

BERLIN, 21. März. Es war eines der erstaunlichsten Comebacks der jüngeren Vergangenheit. Jahrelang hatte Nena versucht, an bessere Zeiten anzuknüpfen, hatte sich mit Werken wie "Bongo Girl", "Jamma Nich!" und "Chokmah" in unbekannte musikalische Regionen vorgewagt. Doch welchen Richtungswechsel sie auch unternahm, zuhören wollte man ihr eigentlich nicht.Und so war es ausgerechnet Westbam, der ihr wieder zu etwas Öffentlichkeit verhalf. Er ließ sie im Sommer 2002 auf seiner Single "Oldschool, Baby" singen, und sie wusste die Gunst der Stunde für sich zu nutzen: Sie veröffentlichte ihr Jubiläumsalbum "20 Jahre Nena - Nena feat. Nena", koppelte all die Hits von früher erneut in leicht modernisierter Form der Reihe nach aus und hatte mit den Stücken noch einmal einen ähnlichen Erfolg wie zwei Jahrzehnte zuvor. Und weil das Geschäft so wunderbar lief, erschien im Folgejahr das gleiche Album in der "2003 Edition", anschließend gab es die DVD "Nena feat. Nena Live" und hinterher noch die CD "Nena Live Nena", auf der ein weiteres Mal die alten Lieder zu hören waren. Damit war allerdings das Ende der Wertschöpfungskette erreicht. Offen blieb jedoch die Frage, ob Nena - neben Sportlern wie Boris Becker und Steffi Graf der dritte deutsche Weltstar der achtziger Jahre - tatsächlich in der Gegenwart angekommen war.Die QuersummeDarauf lässt sich zwar bis heute keine wirklich zufrieden stellende Antwort geben, sicher ist hingegen, dass die deutsche Poplandschaft mittlerweile so offen für Nenas Achtziger-Sound ist, dass sie sich bestens ins Hier und Jetzt einfügt. Man muss inzwischen sogar von einer Nenaisierung der deutschen Popmusik sprechen. Hören sich Wir Sind Helden nicht an wie die Quersumme aus Ideal, Rio Reiser und Nena? Sehen Silbermond nicht genauso aus wie Nenas Band vor 20 Jahren? Und ist Juli mit ihrem Gassenhauer "Geile Zeit" nicht ein Nena-Song gelungen, den selbst Nena nicht nenamäßiger hätte schreiben können?Es trifft sich in diesem Zusammenhang gut, dass auch die Nena von heute mit ihren neuen Stücken wieder exakt wie die Nena von damals klingt. Dafür ist unter anderem auch ihr alter Keyboarder Uwe Fahrenkrog-Petersen mitverantwortlich, der zuletzt als Jurymitglied in der Castingshow "Popstars" zu erleben war. Die erste Single "Liebe ist..." wanderte gleich in der ersten Erscheinungswoche umstandslos an die Spitze der Charts, die neue Doppel-CD "Willst Du mit mir gehn" wird wohl ähnlichen Zuspruch finden und steht seit Montag im Handel. Wenn am Mittwoch die Trendcharts für die kommende Woche veröffentlicht werden, dann kann sie den prognostizierten ersten Platz ganz praktisch zusammen mit ihrem 45. Geburtstag feiern.Es ist eine gute Zeit für Nena. Sie hat Erfolg, und sie muss keine Rolle spielen, die sie nicht beherrscht. Sie ist ein bisschen die deutsche Kylie Minogue. Eine Zeit lang unternahm sie völlig ergebnislos einen Kurswechsel nach dem anderen und kam erst wieder zu Ansehen, als sie dort ansetzte, wo die Karriere einst begann. So wie es Kylies Schicksal ist, sich als ewiges Tingel-Tangel-Disco-Mädchen zu inszenieren, will die Öffentlichkeit in Nena nur den frechen Neue-Deutsche-Welle-Star sehen: jugendlich, hoffnungslos emotional und auch leicht verwirrt.Ihr Gesang ist immer noch so atemlos wie zu Zeiten ihres Debüts, ihre Auftritte sind immer noch ein einziges Haargewuschel, und wie man in dem Video zu "Liebe ist..." schön beobachten kann, fällt es ihr nach all den Jahren immer noch schwer, geradeaus und aufrecht zu gehen. In Interviews beantwortet sie meist Fragen, die niemals gestellt wurden, verliert dabei sofort den Faden und setzt zu rätselhaften Sinnsprüngen an, denen sie offenbar nicht einmal selbst folgen kann.Auch die Songtexte sind heute noch von ganz zauberhaft kopfschräger Natur. In "Fragezeichen" sang sie einst die unschlagbaren Zeilen: "Dein Auto fährt so schnell, weil du auf der Reise bist." In dem neuen Stück "Immer weiter" heißt es jetzt sehr vernünftig: "Denn dieses Leben geht ganz einfach immer weiter / und dieses Leben geht ganz einfach geradeaus / und dieses Leben geht ganz einfach immer weiter / denn wer weiter will, muss weiter geradeaus." So was muss man natürlich mögen.Und da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass zumindest eine Hälfte der Doppel-CD, kurz Album Orange genannt, aus grauenhaften Rock-Improvisationen besteht, die Nena mit ihrer Band auf Mallorca bei einer so genannten Jamsession eingespielt hat. Wer Ja zu Nena sagt, durfte zu gewissen Peinlichkeiten noch nie Nein sagen.------------------------------Träume und Liebe // Nena wurde als Gabriele Susanne Kerner am 24. März 1960 im westfälischen Hagen geboren. Nach der elften Klasse verließ sie das Gymnasium und wurde Goldschmiedin. 1979 schloss sie sich als Sängerin der lokalen Band The Stripes an. Solo debütierte Nena 1982 mit der Single "Nur geträumt". Ihre neue CD heißt "Willst du mit mir gehn" (Warner).Die Sängerin hat vier Kinder und ist seit elf Jahren mit dem Schlagzeuger Philipp Palm zusammen. Über die Liebe philosophierte sie jetzt in der "Gala": "Ich glaube, sobald wir uns an Erwartungen klammern, wird es eng, und man fängt an, sich wehzutun." Der Mittelpunkt ihres Lebens sei sie selbst: "Ja, ich habe angefangen, mich richtig gerne zu haben."------------------------------Foto: Jugendlich, hoffnungslos emotional und immer ein wenig verwirrt: Nena.

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