Herr Kuhn, was sagt die Korruptions-Affäre bei Siemens über die deutsche Firmenkultur aus?Da liegt vieles im Argen. Wir brauchen in den Unternehmensetagen bei der Korruption eine Null-Toleranz-Politik. Es sollte auch unmöglich sein, dass ein Vorstandsvorsitzender direkt in den Aufsichtsrat wechselt. Herr von Pierer muss jetzt die Aufklärung von etwas beaufsichtigen, das während seiner Zeit als Vorstandschef geschah. Effektive Unternehmenskontrolle sieht anders aus. Deswegen sollten wir auch die Zahl der Aufsichtsräte auf fünf begrenzen. Sonst verkommt der Aufsichtsrat zu einem Abnick-Verein.Gehen Sie davon aus, dass der Fall Siemens ein Einzelfall ist?Es spricht einiges dafür, dass die Korruption weitverbreitet ist, wenn vielleicht auch nicht in der Dimension von Siemens.Kommt ein Konzern international ohne Bestechung überhaupt zum Zug?Das ist ein großes Problem. Deshalb brauchen wir einen internationalen Corporate Governance Kodex, der Geschenke oder Bestechungsgelder verbietet. Man darf die weitverbreitete Praxis jetzt aber nicht als Ausrede benutzen, nichts zu tun. Wer Korruption zulässt, hat großen wirtschaftlichen Schaden. Deswegen darf die große Koalition das Thema nicht mit spitzen Fingern anfassen.Welche Konsequenzen müssen aus der Affäre noch gezogen werden?Der deutsche Unternehmens-Kodex muss um eine Selbstverpflichtung ergänzt werden, aktiv gegen Korruption vorzugehen. Wir brauchen auch ein Korruptionsregister über auffällig gewordene Unternehmen. Diese Firmen müssen von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen werden. Leider hat die Union das im Bund bislang verhindert. In Hamburg hat sie ein solches Register sogar abgeschafft.Haben die Staatsanwaltschaften den Bereich im Griff?Nur 1,3 Prozent der Delikte aber immerhin 57 Prozent der Schadenssummen sind laut Kriminalstatistik durch Korruption verursacht. Wir brauchen also Schwerpunktstaatsanwaltschaften dafür. Die müssen mit genügend hoch qualifiziertem Personal ausgestattet werden.Ist Herr von Pierer als Aufsichtsratschef von Siemens noch tragbar?Nein. Auch als Kanzler-Berater ist er nicht mehr geeignet.Auch unter Rot-Grün hatte Herr von Pierer Beraterfunktionen inne.Herr von Pierer weiß viel über Globalisierung und Innovationen. Aber er war zu einer Zeit Vorstandsvorsitzender von Siemens, als dieser Konzern, nach allem was wir heute wissen, seine Geschäfte kräftig geschmiert hat. Deshalb sollte er die Konsequenzen ziehen und zurücktreten.Das Gespräch führte Jörg Michel.------------------------------Foto: Fritz Kuhn, Grüne
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