Es fehlte nicht viel, und ich hätte dem deutschen Film einen unwiederbringlichen Schaden zugefügt. In flottem Tempo radelte ich auf der Brunnenstraße von Wedding kommend Richtung Rosenthaler Platz, es ging bergab. Die eine Hand hatte ich am Lenker, die andere gewohnheitsmäßig vornehm vor dem Mund. Ich musste gähnen.
Im Augenwinkel erkannte ich einen Haarschopf zwischen parkenden Autos, der sich dem Radweg gefährlich näherte. Bereits auf gleicher Höhe, sah ich in ein Gesicht, das Gesicht von Wim Wenders. Er stoppte. Andernfalls hätte ich den Regisseur womöglich über den Haufen gefahren.
Was musste Wim Wenders in dem Moment gedacht haben, als dieser Typ – also ich – mit weit aufgerissenen Augen unter einem weißen Fahrradhelm, mit der Hand – wie vor Entsetzen – den Mund verdeckt, die Straße herabgeschossen kam? Dass es jetzt vorbei war, letzter Vorhang, finale Klappe? Warum sah er dann so gelassen aus? Wie weit waren wir voneinander entfernt? Und: War das überhaupt Wim Wenders?
Kolumne
Wie ich in Berlin beinahe Wim Wenders über den Haufen gefahren hätte
Ein Radfahrer, ein Gähnen, ein berühmtes Gesicht: Warum wir Fremde für Bekannte halten – und was die Forschung über Doppelgänger weiß.
3 Min
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Original oder Fälschung? Wim Wenders, Regisseur mit Wohnsitz Berlin.
© Jordan Strauss
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