Wie internationale Firmen die Korruption kaschieren - neuer Verdacht gegen Siemens

Kein Schmiergeld, kein Geschäft

Willi Germund
3 Min

SINGAPUR. Wenn Siemens-Mitarbeiter irgendwo in der Welt auf die Korruptionsaffäre bei der Zentrale in der Heimat angesprochen werden, antworten sie mit einem Satz, den die Münchener Zentrale ihnen als Sprachregelung wohl vorgegeben hat: "Wir wissen nur, was in der Presse steht." Dann kugeln sich viele von ihnen vor Lachen. Sie ahnen, dass niemand ihnen diese Antwort abkauft.Gängige MethodenDie Mitarbeiter, die von Lateinamerika bis nach China und Japan vom Umspannwerk bis zum U-Bahnzug ihre Produkte gegen harte internationale Konkurrenz verkaufen, sind schließlich vom 'Fach'. "Sie können natürlich darauf verzichten, Kommissionen oder Schmiergelder anzubieten", sagt ein Mann aus der Stahlbranche in Südostasien, "aber dann werden sie auch sehen, wie schnell der Auftrag an die Konkurrenz geht."In vielen Entwicklungsländern laufen Aufträge über den Staat - und an den Schalthebeln sitzen Beamte, die die Hand aufhalten. Wer das Geschäft machen will, der muss zahlen. Am Wochenende kamen Verdachtsmomente auf, nach denen die Siemens-Telekomsparte Com Zahlungen an einen hochrangigen Regierungsbeamten in Vietnam geleistet hat. Siemens erhielt im November 2005 einen Großauftrag, 400 abgelegene vietnamesische Dörfer mittels Funktechnik an das Festnetz anzubinden.Seit den Untersuchungen bei Siemens und dem konzerninternen Kampf gegen Korruption sehen sich viele Mitarbeiter nun in der Klemme. Denn die Zielvorgaben für den Verkauf von Siemens-Produkten sind unverändert. "Von uns wird erwartet, das ursprünglich angepeilte Wachstum zu erreichen, ohne die bisherigen Methoden zu benutzen", murrt ein Mitarbeiter in Asien. Ohne Extragaben, die in Privattaschen verschwinden, könnten die Geschäfte aber ordentlich abflachen. "Das macht doch jeder," sagt ein Stahlmanager. Beim südkoreanischen Stahlkonzern Posco kennt das Privatgeschäft sogar feste Regeln: Fünf Prozent eines Auftrags müssen an eine Marketingfirma abgetreten werden, die, wie es der Zufall will, vom Sohn des Konzernchefs geleitet wird. Der überweist die Hälfte an seinen Vater. Der Rest wird unter den anderen Konzern-Bossen aufgeteilt.US-Firmen dürfen laut Gesetz bereits seit Jahren keine Schmiergelder einsetzen. Dennoch konnten sie sich im internationalen Geschäft behaupten. Der Elektrokonzern General Electric gründete eine Vertriebsfirma, über die nach Auskunft von Insidern die Kommissionen abgeführt werden. In den USA greifen Firmen zum Mittel einer "Stiftung" - mal wird eine Schule gebaut, mal Geld für einen Kindergarten gestiftet. Mal gibt es auch einen Wochenendtrip auf die Bahamas.Agenten vermitteln"Die meisten US-Firmen setzen Agenten ein," sagt ein Kenner, "die werden bezahlt und verteilen anschließend das Geld." Das boomende Indien ist wohl auch deshalb in diesen modernen Zeiten die "Mittelsmannökonomie" geblieben, die das Land schon immer war. Kein Geschäft, bei dem nicht ein Vermittler eingeschaltet wird.Um nicht in den Verdacht der Untreue zu geraten, kennen Siemens-Mitarbeiter deshalb seit Jahren ein System, mit dem sie sich intern absichern. Es ist immer ein zweiter Mann informiert. Diese spezielle Form von "Kumpelsicherung" wird wohl auch in Zukunft angewendet werden. Denn nach der ersten Aufregung fügte sich Siemens bereits wieder in die harte Realität. "Es lag zwischendurch sogar mal der Vorschlag auf dem Tisch, uns aus allen Ländern zurückzuziehen, in denen Schmiergeld, Kommissionen oder Geschenke verlangt werden", sagt ein Siemens-Mitarbeiter, "aber der war schnell vom Tisch. Denn dann hätten wir überall schließen müssen."------------------------------Foto: Skyline von Schanghai: Schmiergelder und Zuzahlungen sind besonders in der Baubranche üblich.

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