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Wie Iran im Zweiten Weltkrieg zum Zufluchtsort für Zehntausende Europäer wurde

In den Vierzigerjahren suchten zahlreiche Menschen im Iran Schutz vor dem Krieg. Dass unter den Geflüchteten sehr viele Polen waren, hat einen grausamen Grund.

Stefan Piasecki
Stefan Piasecki
8 Min
Ursprünglich wollte sich der Iran aus dem Krieg heraushalten – dann wurde er zum Refugium für Zehntausende Europäer.

Ursprünglich wollte sich der Iran aus dem Krieg heraushalten – dann wurde er zum Refugium für Zehntausende Europäer.

© IMAGO / Cola Images

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Es gibt Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, die sich tief in das europäische Gedächtnis eingebrannt haben: die Trümmer deutscher Städte, die Lager, die Fronten, die endlosen Flüchtlingstrecks. Kaum jemand denkt dabei an den Iran. Und doch war Persien, wie das Land damals im Westen meist noch genannt wurde, für Zehntausende Menschen ein Ort des Überlebens – ein Zwischenreich zwischen Hunger und Hoffnung, zwischen Vernichtung und Neubeginn.

Im Frühjahr 1942 legten am Kaspischen Meer Schiffe an, viele schrottreif, reine Seelenverkäufer. An Bord: ausgemergelte Polen, jüdische Familien, Waisen, Kranke, Soldaten, Frauen mit Kindern auf den Armen. Viele hatten sibirische Lager überlebt, Deportationen, Hunger und Typhus, waren vor der vorrückenden Wehrmacht geflüchtet, von Nazikommandos mit dem Tode bedroht worden und landeten im Reich Stalins umgehend im Elend. Sie kamen aus den Weiten der Sowjetunion über das Meer nach Bandar-e Pahlavi, dem heutigen Bandar Anzali. Als sie iranischen Boden betraten, küssten manche die Erde. Andere brachen schlicht zusammen.

Heute erinnert sich Europa kaum noch an dieses Kapitel. Im Iran dagegen lebt die Erinnerung fort – in Familiengeschichten, vergilbten Fotografien und auf einem stillen Friedhof in Teheran.

Deutsche genossen im Iran hohes Ansehen

Dabei hatte der Iran ursprünglich versucht, sich aus dem Weltkrieg herauszuhalten. Reza Schah Pahlavi, der seit den Zwanzigerjahren mit autoritärer Härte einen modernen Nationalstaat aufzubauen versuchte, erklärte das Land für neutral. Er wollte den Einfluss Großbritanniens und der Sowjetunion zurückdrängen und setzte dafür auch auf deutsche Fachleute, Ingenieure und Unternehmer.

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Die Deutschen genossen im Iran hohes Ansehen. Sie bauten Eisenbahnen, modernisierten Industrieanlagen, arbeiteten als Architekten, Lehrer und Techniker. Die deutsche Firma Junkers Luftverkehr Persien spielte eine zentrale Rolle beim Aufbau der frühen iranischen Zivilluftfahrt, deutsche Fachkräfte wirkten am Aufbau technischer und kaufmännischer Ausbildungsstrukturen mit. Anders als Briten und Russen galten sie vielen Iranern nicht als klassische Kolonialmacht. Das Deutsche Reich erschien als technologisch fortschrittlich und zugleich politisch weniger demütigend als die alten imperialen Mächte. Doch gerade das machte London und Moskau zunehmend nervös.

Der Krieg erreicht Persien

1941 änderte sich die Lage dramatisch. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde der Iran plötzlich strategisch entscheidend. Es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, der deutsche Botschafter in Moskau, dem ihm freundschaftlich verbundenen sowjetischen Außenminister Molotow die Kriegserklärung überreichen musste. Von der Schulenburg war als deutscher Gesandter bis 1931 in Teheran und hatte das bis heute grundsätzlich hohe Ansehen Deutschlands im Iran gefestigt.

Die Alliierten brauchten eine sichere Versorgungsroute, um Waffen und Material in die Sowjetunion zu transportieren – den sogenannten „Persian Corridor“. Gleichzeitig fürchteten sie deutschen Einfluss in Teheran. Im August 1941 marschierten britische und sowjetische Truppen deshalb von Süden und Norden in den Iran ein. Für das Land war dies ein Schock. Die iranische Armee brach schnell zusammen. Der Marineoffizier Gholamali Bayandor fiel bei dem Versuch, die Invasionstruppen aufzuhalten, und wurde später im Iran zu einer Symbolfigur nationalen Widerstands.

Reza Schah Pahlavi musste abdanken. Die Briten zwangen ihn ins Exil nach Mauritius und später nach Südafrika, wo er 1944 starb. Sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi bestieg den Thron – jener Schah, der Jahrzehnte später durch die Islamische Revolution 1979 gestürzt werden sollte. Die alliierte Besetzung von 1941 veränderte damit die Geschichte des Iran nachhaltig.

Im Jahr 1941 sollten alle Deutschen aus dem Iran ausgewiesen werden.

Im Jahr 1941 sollten alle Deutschen aus dem Iran ausgewiesen werden.

© Sammlung Piasecki

Die Deutschen verschwinden

Mit der Besetzung begann auch das Ende der deutschen Präsenz im Iran. Die Alliierten verlangten die Ausweisung aller Deutschen und deutschstämmigen Bewohner. Viele hatten zuvor jahrelang oder jahrzehntelang im Land gelebt und wichtige Funktionen ausgeübt. Der kurzzeitige Außenminister der Weimarer Republik, Friedrich Rosen, seinerseits Orientalist, hatte dort gelebt und geforscht. Während des Ersten Weltkrieges hatte der damalige deutsche Konsul in Buschehr, Wilhelm Waßmuß, eine persische Freischärlertruppe aufgebaut und die britische Besatzungsmacht unter Druck gesetzt. Das wollten die Alliierten nicht noch einmal erleben. Ingenieure, Kaufleute, Lehrer und Diplomaten wurden plötzlich zu Verdächtigen. Manche konnten über die Türkei fliehen. Andere wurden interniert oder an die Briten beziehungsweise Sowjets ausgeliefert.

Für viele bedeutete dies das Ende ihrer beruflichen Existenz. Familien wurden auseinandergerissen. Die deutsche Gemeinde, einst angesehen und einflussreich, verschwand beinahe über Nacht aus dem öffentlichen Leben Persiens. Der Iran wurde nun vollständig Teil der alliierten Kriegslogistik.

Warum ausgerechnet Polen?

Dass ausgerechnet Polen in so großer Zahl im Iran landeten, hatte mit einem der grausamsten Kapitel des Krieges zu tun. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 war Polen zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt worden. Hunderttausende Polen wurden von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD deportiert – nach Sibirien, Kasachstan oder in Arbeitslager. Tausende Offiziere der polnischen Armee wurden in den Wäldern von Katyn erschossen.

Als Adolf Hitler 1941 die Sowjetunion angriff, brauchte Stalin plötzlich Verbündete. Die in Lagern festgehaltenen Polen wurden freigelassen, um eine polnische Armee unter General Władysław Anders aufzustellen. Doch die Versorgungslage in der Sowjetunion war katastrophal. Hunger und Krankheiten breiteten sich aus. Die Lösung war eine gigantische Evakuierung Richtung Süden.

Über Zentralasien gelangten Soldaten und Zivilisten ans Kaspische Meer. Von dort wurden sie nach Iran verschifft. Zwischen 1942 und 1943 erreichten mehr als 110.000 polnische Flüchtlinge den Iran, darunter 40.000 Soldaten und 75.000 Zivilisten, von diesen waren Zehntausende Kinder. Etwa 5000 bis 6000 von ihnen waren Juden. Teheran wurde damals von vielen „Stadt der polnischen Kinder“ genannt.

US-Amerikaner und Sowjets inspizieren einen von Deutschen gefertigten Motor im Iran, März 1943.

US-Amerikaner und Sowjets inspizieren einen von Deutschen gefertigten Motor im Iran, März 1943.

© Stocktrek Images

Ein Land im Hunger – und dennoch offen

Dabei litt der Iran selbst schwer unter der Besatzung. Lebensmittel wurden knapp, die Inflation explodierte, Transportwege standen unter alliierter Kontrolle. In manchen Regionen herrschte Hunger. Und dennoch reagierten viele Iraner mit bemerkenswerter Offenheit auf die Ankommenden.

Zeitzeugen berichten von Frauen, die erschöpften Kindern Brot reichten, von Familien, die Fremde aufnahmen, von iranischen Ärzten und Helfern, die versuchten, Typhus und Ruhr einzudämmen. Die Polen gründeten Schulen, Bäckereien, Zeitungen und Theatergruppen. In Isfahan entstanden Heime für polnische Waisenkinder. Die Stadt wurde zeitweise fast zu einer kleinen polnischen Enklave.

Viele Kinder blieben jahrelang dort. Einige erinnerten sich später daran, zum ersten Mal seit Jahren wieder satt geworden zu sein. Nicht wenige der Flüchtlinge verließen den Iran später weiter Richtung Indien, Ostafrika, Australien oder Neuseeland. Andere gingen nach Kriegsende nach Europa zurück – sofern dort überhaupt noch eine Heimat existierte. Manche blieben.

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Der Friedhof von Teheran

Wer heute den christlichen Friedhof von Doulab im Osten Teherans besucht, findet dort eine stille Spur dieser Geschichte. Zwischen Zypressen und verwitterten Grabsteinen liegt der polnische Friedhof von Teheran. Mehr als zweitausend polnische Flüchtlinge sind dort begraben – viele Kinder, viele Frauen, viele Menschen, die den langen Weg aus sowjetischen Lagern zwar überlebt hatten, aber zu geschwächt waren, um noch gerettet zu werden.

Auf den Grabsteinen stehen polnische Namen, Geburtsorte aus Lemberg oder Warschau, manchmal nur ein Alter: sieben Jahre, elf Jahre, drei Jahre. Der Friedhof wirkt wie ein vergessenes Stück Europa mitten im Iran. Bis heute pflegen iranische Behörden und die polnische Botschaft die Anlage. Für viele Polen ist sie ein symbolischer Ort nationaler Erinnerung geworden – und zugleich ein Zeichen dafür, dass ihre Landsleute einst fern der Heimat Zuflucht fanden.

Eine verdrängte Erinnerung

In der europäischen Erinnerungskultur spielt diese Geschichte bis heute nur eine kleine Rolle. Der Iran erscheint im westlichen Blick meist als Schauplatz geopolitischer Krisen, religiöser Konflikte oder atomarer Spannungen. Dass das Land während des Zweiten Weltkrieges Zehntausende Europäer aufnahm, passt kaum in die vertrauten Erzählungen. Dabei erzählt gerade diese Episode viel über die Widersprüche des 20. Jahrhunderts.

Der Iran war zugleich besetztes Land und Zufluchtsort. Er war Opfer imperialer Interessen – und dennoch für viele Menschen ein Ort des Überlebens. Während Europa brannte, entstand zwischen Teheran, Isfahan und Bandar Anzali eine ungewöhnliche Begegnung von Kulturen: persische Gastfreundschaft und europäische Verzweiflung. Viele der polnischen Kinder, die damals im Iran Schutz fanden, sprachen Jahrzehnte später noch einige Worte Persisch. Manche nannten das Land zeitlebens ihre „zweite Heimat“.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche historische Bedeutung dieser fast vergessenen Geschichte: Sie erinnert daran, dass Flucht und Hilfe nie nur europäische Erfahrungen waren. Und dass mitten im dunkelsten Krieg des Jahrhunderts Orte existierten, an denen Menschen einander trotz allem Menschlichkeit entgegenbrachten.

Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule. Er promovierte in Politik- sowie Medienwissenschaften und wurde habilitiert in Religionspädagogik. In seinem Roman „Himmelsleiter“ schildert er die Situation europäischer Auswanderer und insbesondere deutscher Unternehmen wie Junkers in Persien, die unter anderem die zivile Luftfahrt im Iran stark geprägt haben.

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