Wie Kerner und Biolek vor ihren Top-Gästen Britney Spears und Helmut Kohl kapitulieren

Doppelte Enttäuschung

Helge Hopp
4 Min

Drei Gründe, sagte Anne Will zum Ende der "Tagesthemen", hätte das Management von Britney Spears für den Auftritt in "Boulevard Bio" genannt: dies sei die beste Talkshow Europas, der Gastgeber der seriöseste Vertreter seiner Zunft und schließlich wolle der gerade 20 Jahre alt gewordene Popstar die Gelegenheit nutzen, sich den Eltern seiner Fans vorzustellen. Im Publikum, glaubte man den Kameraschwenks, saßen eher deren Großeltern, aber der erstrebte Nutzen des viertelstündigen Auftritts beruhte auf Gegenseitigkeit: Routinier Biolek wollte demonstrieren, dass er auch die Helden der Teens nicht ignoriert - und das ausgerechnet an dem Abend, als parallel ein sehr alter Mann beim Kollegen Kerner im ZDF auftrat: Helmut Kohl. Für den hatte der "Ich kann vier Mal die Woche"-Mann, wie bei Verona Feldbuschs erstklassig vermarktetem Heulanfall, auf weitere Gäste und Studiopublikum verzichtet.Ob der beim Mainzer Sender als jugendlicher Hoffnungsträger geltende Gesprächssimulator Kerner sich damit einen Gefallen tat, einem Mann, der so rasch wie kaum ein anderer zum Repräsentanten eines unseligen Gestern wurde, Raum zur Selbstdarstellung zu geben, muss bezweifelt werden: welche Zielgruppe sieht gerne Opas langatmig schwafeln? In der Parallelschau, hin und her oder auch nacheinander, wurde hier wie dort Ratlosigkeit sichtbar: Ein hibbeliger Biolek wusste mit dem inszenierten Produkt Spears nur wenig anzufangen. Der Stolz - Britney Spears! Hier! Bei mir! - ließ ihn beinahe platzen, und in solch aufgepumptem Zustand ist leichter Stammeln als Fragen. "Können Sie unerkannt einkaufen?", wollte er wissen und ob sie zuletzt mehr Einfluss auf die Songs genommen habe, seit wann sie ihren Boyfriend kenne und ob ihre Eltern sie immer unterstützt hätten.Biolek - platzend vor Stolz Britney sagte wie ein ins Grinsekoma gefallener Roboter alles, was man erwarten durfte: Oh ja, ich werde erwachsen, oh ja, sie möchte eine Filmkarriere starten. Zu manchem Thema hatte man schon anderes gehört, aber wer wird denn nachfragen, wenn er einen sexy Weltstar zu Besuch hat, den Biolek mit den Worten "So schlank, wunderbar . " zu würdigen meinte. Gebracht hat es der ARD wenig: Nur 1,44 Millionen Zuschauer (Marktanteil 10,5 Prozent) sahen Britney bei Bio, Kerner erreichte mehr als doppelt so viele. Selbst doppelt so viele der begehrten 14-49-Jährigen wollten lieber sehen, wie der alte Mann den Fragen des jungen ausweicht.Kohl, wie ein altes Krokodil bei aller Tranigkeit plötzlich hellwach, korrigierte jeden Hauch einer nicht genehmen Formulierung, schlug Kerner andere Fragen vor als die, welche der gestellt hatte und beantwortete weder die einen noch die anderen. Der Interviewer wird nicht mehr kommen, der diesen satten selbstgerechten Mann vom Referieren abhält. Kerner hielt sich wacker, kreiste sensible Themen wie die Spendenaffäre und den Selbstmord Hannelore Kohls geschickt ein und entlockte Kohl doch ein paar Rührseligkeiten, um die ihn die "Bunte" beneiden dürfte. Unnötig, beinahe stillos war es aber, Walter Scheel im rüden Patriarchenton aufzufordern, er möge seine Gattin (die hatte es gewagt, Kohl nach dem Tod seiner Frau zu kritisieren) gefälligst zum Schweigen bringen, geschmacklos wirkte Kohl, als er Details eines letzten Besuchs bei Willy Brandt kurz vor dessen Tod ausplauderte.Kerner - wacker geschlagen So geriet der Abend trotz vermeintlicher Top-Gäste zu einer doppelten Enttäuschung: der eine Talker kapitulierte ohne erkennbaren Widerstand vor der PR-Maschinerie der Plattenfirma, der andere trug zum schleichenden Comeback eines Mannes bei, der nichts Anderes betreibt als die eigene Reinwaschung und dabei auch vor der unappetitlichen Vermischung von privaten Schicksalsschlägen mit politischen sowie juristischen Kämpfen nicht zurückschreckt, dem kaum weniger zu glauben ist als der Satz "Ich mache mir keine Gedanken über meinen Platz in der Geschichte. " Da Kohl vor einigen Jahren bereits in den Genuss eines devoten Gastgebers Biolek kam, bleibt jetzt nur noch der Besuch von Spears bei Kerner. Ob der sie wohl fragen würde, warum ihre PR-Berater beschlossen haben, das vordem so beharrlich propagierte Image der vorehelichen Jungfräulichkeit aufzugeben?

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