Stockhausens unglückselige Bemerkungen über den Terror und das Kunstwerk sind in der Öffentlichkeit verurteilt worden, der Komponist verschwand von der Bildfläche. Das ist jetzt eine Woche her, und man ahnt, für einen radikalen Auftritt ist es der falsche Zeitpunkt gewesen. Wenige waren an weiterer Aufregung interessiert, so musste Stockhausens Fundamentalismus der Kunst auf ähnliche Ablehnung treffen wie etwa ein Fundamentalismus des Militärs; auch in der Frage eines Rachefeldzugs setzte sich eine moderate, besonnene Linie durch.Mit dem Abstand wird klarer, dass der Komponist die Grundlage unserer Zivilisation nicht stärker infrage gestellt hat, als das die Kunst des 20. Jahrhunderts immer schon tat. "Wahrnehmen und verändert werden" ist das Programm dieser Kunst gewesen; dass Kunstwerke ihre Betrachter bannen sollen bis zum Umbruch des Lebenswegs, auch das war gewiss, wenngleich die Geldgeber diesen Anspruch in der Realität des "schönen Abends" gerne aufgehen ließen. Es wollte zuletzt ja kaum jemand hören, dass die Kunst mit der Welt der Gesellschaft noch etwas Anderes zu tun haben solle, als sie zu verzieren, und man fragt sich, was die Leitungen der Deutschen Oper Berlin und der Hamburgischen Staatsoper bewogen hat, noch unter heiterem Himmel, Werke an den Beginn dieser Saison zu setzen, die die Welt schlecht nennen und sich für die Befreiung einsetzen. In den vergangenen Jahren hatte man den Eindruck, vor allem Wagner stehe für ein ritualisiertes Verhältnis zwischen der Gesellschaft und dem Anspruch des Hohen in der Kunst. Jetzt brachte die Deutsche Oper mit dem Anstrich des Programmatischen Luigi Nonos azione scenica "Intolleranza" heraus, vor einer guten Woche, und die Hamburgische Staatsoper am vergangenen Sonntag die Antikriegsoper "We come to the River" von Hans Werner Henze und dem englischen Dramatiker Edward Bond.Dass die Ereignisse von New York die Wahrnehmung dieser lange vorbereiteten Produktionen verändert haben, war mit Händen zu greifen. Der vielleicht stärkste Moment in Nonos "Intolleranza" war wohl jener, als ein Darsteller, stellvertretend für alles Darstellen, Mund und Arme im stummer Rede bewegte, und dazu die Schreckensnachrichten des 11. September immer und immer wieder über ein Leuchtband liefen. Man kann wohl finden, die Inszenierung sei naiv, sie habe kein Verhältnis zwischen Musik und Form der Darstellung entwickelt, und damit kein Verhältnis zur Welt. Aber in diesem Moment, der unter Schock noch kurz vor der Premiere eingebaut werden musste, da stellte sich, sehr beklemmend, dieses Verhältnis doch ein.Henzes "We come to the River" ist zielstrebiger auf Wirkung hin angelegt als Nonos 15 Jahre ältere "azione scenica". So wirkten die actions for music auch bei der Premiere am Sonntag in Hamburg, aber die Wirkung ging über das hinaus, was man bei Premieren sonst erlebt: Hier war ein Publikum wirklich gebannt, der Beifall dauerte lang und klang ernst."Jetzt müssen sie alle ihr Gehirn umstellen", hatte Stockhausen seinen skandalisierten Zuhörern gesagt, kaum etwas anderes verlangte auch Henze: "Alle Möglichkeiten, alles Wissen und Können, ja selbst Virtuosität, dienten dazu, ernstes Theater, Musiktheater zu spielen, das in jedem Satz und in jeder Note politisch ist und das die Kunst radikal beim Wort nehmen und sie einen Schritt weiterbringen will in Richtung auf gesellschaftliche Wahrheit und Verbindlichkeit". So hat er es 1975 geschrieben, kurz nachdem er die Oper beendet hatte.Henze wollte auch mit dieser Arbeit nicht über die "Grenzen des überhaupt Denkbaren und Möglichen", wie Stockhausen, hinausgehen, aber doch entschieden über die Grenzen des Üblichen. Schon äußerlich sind die Sektorengrenzen niedergerissen, der Operngraben ist dicht, drei vielfältig besetzte Kammerensembles sitzen an verschiedener Stelle der jetzt bis ins Publikum hinein vergrößerten Bühne.Wie innerhalb der Opernhandlung die Befehlshaber, Soldaten, Honoratioren, Mütter, Kinder und Verrückten, so stehen sich auch die künstlerischen Kollektive des Opernhauses hautnah gegenüber und sind zum Handeln verdammt: Die Choristen sind mit jeweils eigenen Linien und Improvisationsaufgaben betraut und agieren wie Solisten; die Instrumentalmusiker sind innerhalb des Orchesters emanzipiert und stehen ebenfalls solistisch für sich ein, gelegentlich in direkter expressiver Auseinandersetzung mit den neben ih nen Handelnden.Die anschauliche und schön anzusehende Inszenierung Falk Richters weist in einigen Punkten auf das Konventionelle, ja Unterhaltungshafte der Oper hin, es gibt viele Umzüge, Märsche, Polonaisen, gerne auch durch den Zuschauerraum hindurch. Aber so zielsicher Henze dieses Konventionelle, auch das Konventionelle der Ausdruckscharaktere verwendet, so kraftvoll achtet er darauf, dass alles gebrochen erscheint. Keine Befreiung ohne die Umstellung der Gehirne. Emblematisch ist die Stelle, wo den Soldaten mit dem verhafteten Deserteur der Abmarsch befohlen wird; "One two, one two" diktiert der Offizier. Das ist die Logik der Gewalt: Alles ist eins oder zwei, Freund oder Feind, Opposition oder Unterwerfung, tot oder lebendig. Das hat das Publikum in den letzten Tagen oft gehört. Und dagegen arbeitet die Partitur mit ihrer überschäumenden Heterophonie, dagegen arbeitet die Dramaturgie, die am liebsten alles gleichzeitig zeigt und hörbar macht.Henze und Bond haben ihre Oper aus anderen Erfahrungen geschrieben: unter dem Eindruck des Vietnamkriegs vor allem, des Putsches in Griechenland, des Einmarschs in Prag, der Kriege um Israel, des Bürgerkriegs in Nordirland. Als Kunstwerk ist ihre Oper immer noch interessant, keiner, der sich für den Einsatz der Kunstmittel interessiert, wird sich unter der Leitung Ingo Metzmachers in Hamburg langweilen. Aber am beklommensten ist der, der bereits beklommen in die Oper ging. Die Soldaten, die jetzt über die Bühne marschieren, die Erschießungen Unschuldiger, die Schüsse selbst, all das ist wirklicher und geisterhafter als die Aufmarschfilme im Fernsehen. Henzes Musik hat einen Ton für das Gute und einen für das Böse, einen für das Leiden, einen für die Gewalt. Sogar für die Momente der Sprachlosigkeit. Wie das aber gewaltig verschlungen, vermischt, zertrümmert ist, das entzieht sich der unmittelbaren Einsicht. Vielleicht würde man die moralische Dramaturgie dieser Oper, vielleicht die ganze Aufführung in anderen Zeiten kitschig oder albern finden. Aber nun wird das Schwerverständliche zum Ausdruck der öffentlichen Verwirrung, und das Leichtverständliche zum Trost. So ist in vielen Augen die Kunst eine andere geworden, tatsächlich als habe sich die Welt zur Kunst hin bewegt.Besetzung // Musikalische Leitung Ingo Metzmacher Inszenierung Falk Richter Bühne Katrin Hoffmann Kostüme Martin Kraemer Darsteller David Pittman-Jennings (General), Carl Schultz (Adjutant), York Reynolds (Hauptfeldwebel), Dirk Schmitz (Feldwebel), Corby Welch (Deserteur), Jörn Schümann (Arzt), George Fortune (Gouverneur), Yvi Jänicke (Kaiser), Sabine Ritterbusch (junge Frau), Elizabeth Laurence (alte Frau), Inga Kalna (Rachel), Gabriele Rossmanith (Frau des Soldaten 2), Daniel Ciampolini (Trommler), Markus Henn (Orgelpositiv); Chor, Orchester der Hamburgischen Staatsoper.ARNO DECLAIR "Es gibt keinen Sieg", sagt der General. Soldaten beim Feiern in Henzes "We come to the River" in Hamburg.
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