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„Naza“ über Gaza: Wie antisemitisch ist die gefeierte Whistleblower-Doku wirklich?

Um „Naza“ von Rachel Szor und Yuval Abraham ist eine Debatte zwischen Gut und Böse entbrannt. Bei uns trifft sie die Sehnsucht nach moralischer Eindeutigkeit.

Patricia Hempel
Patricia Hempel
5 Min
Yuval Abraham lässt die 24 Informanten unter dem anonymen Nachthimmel Tel Avivs vom Krieg erzählen.

Yuval Abraham lässt die 24 Informanten unter dem anonymen Nachthimmel Tel Avivs vom Krieg erzählen.

© The Guardian

Großstadtlichter erhellen den Nachthimmel über Tel Aviv. Im Hintergrund das Rauschen belebter Straßen. Hinter den Fenstern einer dicht bewohnten Hochhauslandschaft gehen Menschen ihrem Alltag nach, nur wenige Kilometer von der Welt entfernt, über deren Zerstörung in der von The Guardian mitproduzierten Whistleblower-Doku „Naza“ von Yuval Abraham und Rachel Szor gesprochen wird. Sie kochen, auf ihren Fernsehbildschirmen flackern die Nachrichten, mit ihnen die Gesichter von Benjamin Netanjahu und anderen.

Diese Menschen aus Tel Aviv bleiben so anonym wie die 24 israelischen Militär- und Geheimdienstangehörigen, die Abraham und Szor auf den Dächern über ihren Wohnungen interviewen. Szor hinter der Kamera, Abraham als zurückhaltender Gesprächsführer.

Moderne Kriegsführung als reales Videospiel

Keine Stimme aus dem Off, kein 80-Minuten-Dauerbeschuss mit Bildern toter oder verhungernder Kinder. „Naza“ ist ein stiller Film. Bei den Filmfestspielen von Venedig wurde er mit dem Spezialpreis der Jury und einem 25-Minuten-Applaus gewürdigt, in Israel hat er auf politischer Ebene im Wahlkampf überzogene Reaktionen ausgelöst.

Man drohte den Filmemachern sogar mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft. Zur Premiere beim New-York-Festival kam es zu heftigen Protesten, bei denen Demonstranten Bodycam-Aufnahmen der Hamas-Terroristen vom 7. Oktober 2023 zeigten.  

Die Gesichter der Männer sind unkenntlich und verschwimmen in der Dunkelheit, ihre Stimmen sind verfremdet. Sie sprechen von Daten, Algorithmen, von Zielpersonen und anvisierten Häusern. Davon, wie man Menschen mit mutmaßlichen Verbindungen zur Hamas oder zum Palästinensischem Islamischen Dschihad (PIJ) ausfindig macht und mithilfe KI-gestützter Zielerfassungssysteme wie „Lavender“ oder „Where’s Daddy?“ effizienter als bisher töten kann. „So, als würde man ein Videospiel spielen“, beschreibt es einer.

Die Informanten belegen an Skizzen, wie die KI-unterstützten Systeme operieren.

Die Informanten belegen an Skizzen, wie die KI-unterstützten Systeme operieren.

© The Guardian

Die Männer zeichnen Skizzen, um die Funktionsweise der Systeme zu verdeutlichen, erklären die Farbcodes, die die „Dringlichkeit“ eines Ziels festlegen. Trefferquoten werden analysiert: Einmal musste man sogar 500 Opfer für ein Hamas-Mitglied hinnehmen, sagt einer, doch meistens treffe es sowieso nur Frauen und Kinder. Und die, so ergänzt ein anderer, hört man in seinem Kopfhörer schreien und weinen.

„Naza“ ist ein Akronym für das hebräische „Nezek Agavi Tzafi“: der erwartete Kollateralschaden. Die Zahl ziviler Opfer, mit der vor einem Angriff gerechnet wird. Dass die israelische Kriegsführung aus Menschen Daten und Zahlen macht, darum geht es hauptsächlich in „Naza“.

Hat „Naza“ ein Authentizitätsproblem?

Hier beginnt das Authentizitätsproblem des Films oder die Frage, ob man dem Film antisemitische Narrative vorwerfen muss.

Schwer lässt sich einschätzen, wie zuverlässig die Quellen der Filmemacher sind, denn weder erfährt man, wer diese Informanten auf den Dächern tatsächlich sind, noch welchen Dienstgrad sie besitzen oder in welcher Einheit sie dienen. Je härter die Vorwürfe gegen das Militär, desto unkenntlicher die Person.

Die Aussagen lassen sich nicht unabhängig überprüfen, an anderen Stellen fehlen der konkrete Kontext und die Gegenrede der israelischen Armee. Hinzu kommt: Was geht durch die Übersetzung aus dem Hebräischen verloren und welches Israel-Bild bestimmt die Biografie und das Aufwachsen der Informanten?

Ihre Anonymität aus Zeugenschutzgründen ist verständlich, aber gleichzeitig eine große Schwachstelle des Films und der Türöffner für die Stimmen, die „Naza“ Anti-Israel-Propaganda unterstellen. Szor und Abraham ging es wohl nicht nur um die Sammlung von Aussagen, sondern um die Aufdeckung eines operativen Systems. Da bleibt die Frage, ob 24 Menschen dieses überhaupt abbilden können.

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Gaza mit NS-Verbrechen zu vergleichen, ist schwierig

Noch schwieriger wird es, wenn „Naza“ die Gegenwart mit der deutschen Vergangenheit kurzschließt. Einer der Informanten zieht eine Verbindung zwischen den Verbrechen der NS-Zeit und den Operationen, an denen er selbst beteiligt gewesen sei. Abraham und Szor forcieren diesen Holocaust-Vergleich zwar nicht, doch sie lassen ihn im Raum stehen und geben ihm durch filmische Montage Gewicht. Gerade ein Film, der auf die moralische Kraft von Zeugenschaft vertraut, müsste an dieser Stelle genauer sein.

Und dann ist am Film ausgerechnet noch Jonathan Glazer als Executive Producer beteiligt. Er hat im Rahmen der Oscarverleihung an den Auschwitz-Film „The Zone of Interest“ die dort geschilderten Entmenschlichungen mit Gaza grob gesagt kurzgeschlossen.

Dennoch ist „Naza“ per se kein antisemitischer Film. Der Film wagt keine Behauptungen über Juden an sich, noch dazu aus jüdischer Perspektive. Er spricht Israel nicht das Existenzrecht ab. Die Anklage richtet sich gegen die israelische Militärpraxis und die Außenpolitik Israels.

Reaktionen auf „Naza“ müssen erlaubt sein

Bei aller Kritik an dem Film muss es möglich bleiben, die israelische Kriegsführung zu bewerten. Man kann die Aussagen der Informanten ernst nehmen und trotzdem nach Belegen fragen. Man darf hinterfragen, in welchem Kontext der Mann steht, der am Ende des Films zwischen den Trümmern seines Hauses verzweifelt nach seinem Kind sucht. Es ist erlaubt, die Reaktionen auf „Naza“ seitens der politischen Reihen überzogen zu halten und den Film selbst für angreifbar.

Vielleicht ist das die eigentliche Stärke des Films: Man kommt nicht beruhigt und mit weniger Halbwissen aus dem Kino. Er zwingt zur Auseinandersetzung damit, wie moderne Kriege gerade geführt werden und ob sie zu rechtfertigen sind. Das gilt mitnichten nur für den Krieg in Gaza. Aber was Abraham und Szor sicherlich nicht leisten können: unsere eurozentrische Sehnsucht nach Weltfrieden zu befriedigen. Sie bedienen diesen verzerrten Blickwinkel eher.

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