Kunst

Wie queer sind diese Schläfenlocken? Die Malerei von Navot Miller

Der 30-jährige Wahlberliner versucht in seiner Malerei, seine orthodox-jüdische mit seiner säkular-schwulen Identität zu versöhnen. Ein Porträt.

Michele Fossi
5 Min
Navot Miller in seinem Studio in Berlin-Tempelhof

Navot Miller in seinem Studio in Berlin-Tempelhof

© Augustin Farias

Miller wurde 1991 in der Kleinstadt Shadmot Mehola geboren, einer national-religiösen israelischen Siedlung in der Westbank, als Sohn einer US-amerikanischen Mutter und eines algerisch-französischen Vaters. „Als Kind wuchs ich in einer konservativ-orthodoxen Gemeinde auf, die strenge Regeln befolgte. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich als Homosexueller wirklich akzeptiert werden könnte“, erinnert er sich. Von klein auf sagte er sich, dass er, sobald er könne, woanders leben würde. In einem Kunst-Magazin, das neben autobiografischen Kurztexten auch bunte Zeichnungen enthält, widmet er sich seiner Heimatstadt. Er wählt infantile Sprache, ganz so als spräche hier ein inneres Kind: „In shadmot mehola ist das licht zu hell, weiß. In shadmot mehola sind alle heterosexuelle, in shadmot mehola leben alle, die nicht hetero sind, nicht in shadmot mehola.“

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„Berlin war für mich der Schauplatz schwuler Renaissance – ein Tsunami. So wie es Patti Smith über New York sagte, war Berlin für mich die Stadt, die mich ‚de- und reformiert‘ hat.“ Seinen Schaffensdrang in den vergangenen drei Jahren führt er auf das Bedürfnis zurück, die schizophrenen Enden seiner Biografie zusammenzuschweißen: also eine orthodoxe Vergangenheit voller Tabus und eine säkulare, schwule Gegenwart. „Meine Faszination für Symmetrie wich einem künstlerischen Drang, Sexualität zu erforschen. Ich ertappte mich, wie ich Collagen aus Zeitschriftschnipseln anfertigte und dabei etwa Bilder des Lebensstils orthodoxer Juden mit Schwulenpornos vermischte.“

Navot Miller in seinem Berliner Studio. 

Navot Miller in seinem Berliner Studio. 

© Agustin Farias

Ein weiterer Wendepunkt war ein Besuch der Abguss-Sammlung Antiker Plastik in Charlottenburg: „Die muskulösen Skulpturen griechischer Gottheiten und Helden in der Sammlung des Museums haben meinen homoerotischen Geschmack sofort angesprochen“, sagt Miller. „In den Tagen danach begann ich, diese mythologischen Figuren zu zeichnen, wobei ich sie oft als orthodoxe Juden charakterisierte.“ Am besten habe das ‚Apollo als Jude‘ verkörpert: eine Wachspastellzeichnung, die den griechischen Gott mit Schläfenlocken (auch „Pejes“ genannt) geschmückt zeigt, im Kampf gegen ein mythisches Schlangenungeheuer. 

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„Etwa zur gleichen Zeit“, sagt er, „begann ich, Bilder aus meiner Kindheit mit Szenen meines Alltags zu kombinieren, um so eine kathartische Versöhnung meiner Identität zu versuchen.“ In ‚Die Millers und Zach‘ taucht etwa sein ehemaliger Partner, beim Urinieren abgebildet, auf einem Familienausflug in einem Naturpark in Israel auf. In ‚Der Hamsterclub‘ porträtiert Miller eine Gruppe Kinder aus Shadmot Mehola vor Hamsterkäfigen, darunter sich selbst. Allerdings nicht in Nahost, sondern in einer modernen Metropole: im Hintergrund sind Frank Gehrys IAC-Gebäude und der Hudson River erkennbar.

Etwa zur gleichen Zeit begann er mit der Dokumentation – oder, wie er es nennt, „Verjudung“ – seiner Liebhaber. Meist beginnt das mit einem Schnappschuss, den er nach dem Sex mit dem Handy macht und dann in eine Zeichnung verwandelt. Wie etwa in dem homoerotisch aufgeladenen Bild ‚Willi im Wedding vor dem Bett‘, das die Reflexion eines nackten Liebhabers im Spiegel zeigt, als orthodoxen Juden porträtiert. 

Leuchtende Farben, blondierte Schläfenlocken

Die leuchtenden, pastellartigen Neonfarben, die wohl zum markantesten Merkmal von Millers Malstil gehören, haben auch eine versöhnliche Funktion. „Ich sehe die hellen Farben als Möglichkeit, meiner religiösen Vergangenheit einen queeren Touch zu verleihen“, sagt er, während er mit dem Zeigefinder durch eine seiner blonden Peyes fährt. Die Peyes hätten einen ähnlichen „Queering-Prozess“ durchgemacht. Andere orthodoxe Juden, die einen säkularen, schwulen Lebensstil annehmen, würden sie normalerweise abschneiden. „Ich habe sie blondiert.“

Es wäre zu kurz gegriffen, Millers extravaganten Einsatz von Farbe bloß als queeren Signifikanten zu verstehen. Bewusst abstrakt eingesetzt – in Millers Gemälden kann Haut blau sein, ein Baum rosa, eine Windmühle lila –, aber dennoch auf harmonisches Zusammenspiel getrimmt, signalisieren Farben in Millers Praxis auch: eine subjektive Überprüfung der Realität, durch eine Linse von Erinnerungen und Gefühlen. Wie eine Tiefenexkursion ins Unterbewusste. Eine Form freier, oft paradoxer Assoziationen, deren Konstellation in der Realität so nicht möglich wären. So wirken Millers Werke teils wie luzide Träume. Die schwebenden Atmosphären in ihnen lassen Betrachtende ratlos und doch neugierig zurück.

Besonders faszinierend sind seine Gemälde sorgfältig gestalteter Innenräume. Der Blick des Künstlers für Architektur erinnert an David Hockney, den Miller wenig überraschend als seine größte Referenz angibt. Wie auch in Hockneys Arbeiten eröffnet sich in seinen Werken ein Blickwinkel, von dem aus wir queeres Leben beobachten, an ihm teilhaben. Millers Bilder machen uns, ob wir wollen oder nicht, zu Voyeuren dessen.

Millers Darstellung queeren Lebens ist letztlich weder dokumentarisch noch pornografisch, sondern immer ein vielschichtiges Prisma von Emotionen: Insbesondere die Porträts seiner Freunde und Liebhaber durchwirkt das Zusammenspiel von Nähe und Distanz, von Menschen und den Räumen, die sie bewohnen. „Der Begriff queer space ist heute ja fast eine Selbstverständlichkeit“, sagt Miller, „dabei es ist etwas, das sich viele Schwule erst selbst erarbeiten müssen, eine spannende und beängstigende Aufgabe. Daher ist der queer space oft ein emotional sehr aufgeladener Raum.“ Aus Millers Perspektive ist das ein extrem bunter Raum.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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