Wie schwierig es ist, eine schlaflose Nacht zu verbringen - wenn man es wie ein Tourist machen muss

Zwischenstopp in Berlin

Marin Majica
5 Min

Das grelle Quietschen der Gleise lässt die Luft vibrieren. 21.55 Uhr, der Regionalexpress aus Cottbus hat den Ostbahnhof erreicht. In der Halle haben die Geschäfte bereits geschlossen, per Lautsprecher wird ein ICE angesagt. Die Verwandlung beginnt. Nach fünf Wochen Übernachtungen in fremden Betten soll die letzte Aufgabe sein, gar nicht zu schlafen. Kein Problem, mache ich doch dauernd. Nur will bestimmt niemand von einer Nacht im Club lesen oder von einer Stehparty in der Küche irgendeines Freundes. Also muss eine Geschichte her zur Schlaflosigkeit.Die geht so: Ich tue einfach so, als machte ich einen Zwischenstopp in Berlin. Am Morgen um 6.15 Uhr ginge ein Flieger von Tegel nach London. Da käme ich her, dorthin wollte ich zurück. Nur noch 15,30 Euro Restgeld in der Hosentasche. Noch mal Geld wechseln lohnt sich nicht. Der TXL-Bus fährt um 4.55 Uhr am Alex ab. Also bleiben ab abends, zehn Uhr, ganze sieben Stunden, die schlaflos in Berlin rumzubringen sind. Zunächst geht es mit der S-Bahn zum Alexanderplatz, um das Gepäck in einem Schließfach zu verstauen. Dann weiter in Richtung Kreuzberg. Jemand hat für die letzte Berliner Currywurst das Curry 36 am Mehringdamm empfohlen. Die Bude hat bis früh morgens geöffnet. In der Nähe wohnt Carla, die im Nichtschlafenspiel zu einer Bekannten von der Love Parade im vergangenen Jahr wird. Und die als Schlafgelegenheit ausfällt. "Das ist nicht so gut", sagt Carla zögerlich am Telefon: "Ich habe jetzt einen neuen Freund, der ist ziemlich eifersüchtig ." Aber sie kommt zum Imbiss.Das Curry 36 ist eine gelbe Lichtinsel in der dunklen Häuserzeile. Bauarbeiter, Polizisten und eine älteres Ehepaar piksen Wurststücke aus Pappschalen. Ich bestelle eine Currywurst mit Pommes und ein Bier, 3,60 Euro, das hält das Budget aus. Bleiben ja noch 11,70 Euro. "Mit Darm oder ohne?", fragt der plauderfreudige Mann im Imbiss. Darm? Der gespielte Berlinbesucher ordert mit und erfährt erst nach dem Essen von seinem Fehler. "Die richtige Berliner Currywurst ist ohne, das andere ist eine gebratene Bockwurst", erzählt die Frau vom Imbiss. Typisch Tourist. Dafür kommt Carla vorbei, spendiert eine zweite Curry - ohne Darm. Einen Abschiedskuss gibt es auch, um der alten Zeiten willen. Nice German Fräulein.Es ist erst halb zwölf, noch eine Menge Strecke zu machen. Also mit der U-Bahn Richtung Prenzlauer Berg, das hat Carla geraten. In der Bahn sitzt eine Gruppe Punker mit Irokesenfrisur, die sich auf den Bänken balgen, ein Feuerzeug an eine Sprühdose halten und sich mit der Stichflamme die Stiefelsohle versengen. Wo die hingehen, muss was los sein. Ihnen nach.Die Gruppe steigt an der Station Eberswalder Straße aus und geht die Straße runter. Nach einigen hundert Metern biegen sie rechts in einen Park. Dort ist es zuerst dunkel, dann entdecke ich den Schein eines Feuers. Auf der Bühne des kleinen Amphitheaters sitzen vielleicht 30 Punker, einer spielt Gitarre, ein anderer singt ein Lied der Ärzte: "Hip Hip Hurra, alles ist super, alles ist wunderbar." Niedlich.Hinter dem Park laufe ich durch stille Straßen und komme schließlich an einem Ladengeschäft vorbei, vor dem ein Freund sitzt. Schwierig, sich in seiner eigenen Stadt zu verstecken. Wir reden, rauchen, gehen ins Schwarz Sauer, trinken zwei Bier und sprechen über Berlin und das schlafende Potenzial der Stadt, die wunderschöne Frau hinter dem Tresen und Bücher von Douglas Coupland und Thomas Pynchon. Worüber Jungs eben so sprechen.Das muss als Auszeit reichen, die Rolle des Besuchers wartet wieder. Um drei Uhr fahre ich mit der Straßenbahn nach Friedrichshain. Und habe eigentlich schon gar keine Lust mehr, ein anderer zu sein. Soll ich etwa dem Wirt in "Paule s Metal Eck" erzählen, ich wäre nur zu Besuch hier? Würde er dann mehr als drei Worte brummeln? Oder würde der Schnauzbartträger beim 24-Stunden-Bäcker am Schlesischen Tor, wo ich Baclava und Brötchen frühstücke, mehr sagen als: "Drei Euro, zehn"? Ich schummle und fahre mit einem Call a Bike zum Alex. Der normale Berlin-Zwischenstopper würde sich wohl kaum für nur eine Fahrt der Registrierungsprozedur unterziehen.Am Alex posiert der Fernsehturm vor dem samtblauen Himmel. Das ist so großartig, dass die Müdigkeit verfliegt. Mir fällt eine Songzeile von Tom Waits ein: "I ve never seen the morning, till I stayed up all night". Und dann noch der Song aus der Kinoreklame für irgendein Bier: "Du bist so wunderbar, Berlin." Das ist der Soundtrack einer Liebe zu dieser Stadt, die so schnell kein Nichtberliner in dieser Situation spüren würde.Die Triebwerke werden laut, als das Flugzeug nach London um kurz nach sechs Uhr auf die Startbahn in Tegel rollt. Die Sonne bestreicht den Asphalt mit goldenem Licht. Der Pilot gibt Gas, und die Maschine, gut vom Treppenhaus des Tegeler Flughafengebäudes aus zu sehen, hebt Richtung Süden ab. Der Auftrag für diese Nacht ist erledigt. Es ist endlich Zeit, nach Hause zu fahren. Zeit zum Schlafen. Fürs Erste doch wieder nur im eigenen Bett.Mit dieser Reportage endet die diesjährige Sommer-Serie "Fremdschlafen" im Lokalteil der Berliner Zeitung. Während der Sommerferien schliefen Redakteure unter anderem im Freien, im Wohn- mobil, im Kloster, im Haus der Deutschen Schreberjugend, im Luxushotel, auf dem Campingplatz, im Backpacker-Hostel und im Monteurszimmer.Fremdschlafen - Redakteure der Berliner Zeitung tauschen in den Ferien ihre Betten gegen Nachtlager, in denen sonst nur Berlin-Besucher schlafen. Die letzte Liegeprobe BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF Der Tourist bestellt in Berlin Currywurst mit Darm. Der Berliner, der eine Nacht den Touristen spielt, auch. Dafür muss er sich belehren lassen.

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