Die Fakten sind längst unbestritten: Von 1945 bis 1950 hat die sowjetische Besatzungsmacht das deutsche Konzentrationslager Sachsenhausen als "Speziallager Nr.7" unverzüglich weiterbenutzt, 60 000 Menschen wurden dort in dieser Zeit festgehalten, jeder Fünfte kam dabei um eine Todesrate, die der des faschistischen Lagers nahekommt. Was aber heißt das? Darf oder muß man Speziallager und KZ gleichsetzen? Die Antwort ist heftig umstritten, entsprechend auch die Frage, wie der beiden Lager an einem Ort gedacht werden sollte. Dieser Tage haben Wolfgang Wippermann, Professor für Neue Geschichte an der FU Berlin, und Günter Morsch, der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, bei einer Podiumsdiskussion in der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten erneut darüber debattiert.Hohe TodesrateSeit 1945, so Wippermann, verbinde sich der Begriff "KZ" allein mit den faschistischen Todeslagern. Daher sei heute bei Vergleichen eine äußerst genaue Differenzierung unabdingbar. Insgesamt, so Wippermann, sehe er mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen KZs und Speziallagern. Letztere hätten nicht in den KZs gewurzelt, sondern in der amerikanischen Entnazifizierungsplanung mit Internierungslagern, vor allem aber im sowjetischen GULag-System, wobei Menschen als "Sklaven in einer lebenden Reparation" dienen sollten. Im Ergebnis aber seien die Internierten der Speziallager weder in Häftlingshierarchien organisiert noch verschickt oder zur Zwangsarbeit verwandt worden. Insbesondere aber habe die sowjetische Besatzungsmacht, anders als die Nazis, niemals massenhafte, systematische Tötungen von Gefangenen durchgeführt. Die hohe Todesrate sei der äußerst schlechten, "typisch sowjetisch" chaotischen Lagerorganisation geschuldet, vor allem Hunger und Krankheiten.Morsch dagegen verwahrt sich vehement dagegen, die zweite "GULag-Wurzel" der Speziallager zu verschweigen, die politische Verfolgung. Im Lager Sachsenhausen hätten sich bestenfalls minderrangige Nazis, daneben aber unzählige zufällig Betroffene befunden. Auch habe die Besatzungsmacht zumindest bei den Verhören massenhaft gefoltert und auch getötet. Die Hungerkatastrophen im Lager wären "bewußt in Kauf genommen" worden, "nach heutigem Rechtsverständnis hieße das Totschlag", meint Morsch. Daß die Sowjetunion nie zur Besatzungsmacht in Deutschland geworden wäre ohne den Angriffskrieg Hitlerdeutschlands, wollen Morsch und Wippermann jedoch immer berücksichtigt wissen. "Freilich hatten die Speziallager wenig mit Rache zu tun, sie waren vielmehr dem sowjetischen System immanent", so Morsch.Beide sprechen sich schließlich für eine durch wissenschaftliche Dokumentation in Museumsform aus, "man muß etwas wissen, Trauerarbeit allein genügt nicht". Doch Wippermann sieht das Gedenken an die Speziallager bislang von revanchistischen Kräften okkupiert, die von Verbänden der Opfer des Stalinismus über die Frankfurter Allgemeine bis zur Bundesregierung reichten. Mit der Gleichsetzung von Stalinismus und Faschismus sowie einer Totalitarismusdoktrin in den Konzentrationslager-Gedenkstätten, in den Bildungseinrichtungen und der öffentlichen Diskussion verfolgten sie, so Wippermann, eine "Reinwaschung der Deutschen von der faschistischen Schuld". Auch die deutsche Kosovo-Politik ordnet Wippermann hier ein. "Es fehlt die Differenzierung, wenn Scharping die Lager der Serben mit Auschwitz vergleicht." Darum fordert Wippermann Zurückhaltung bei der Darstellung des Speziallagers und ihre völlige Abtrennung vom faschistischen Lager. Der geplante Museumsneubau scheint ihm zu groß. Stattdessen hält er ein Holocaustmuseum als einen von der Totalitarismusdebatte freien Ort für notwendig. Freilich geriet Wippermanns Polemik in die Nähe einer Rechtfertigung, daß man gegebenenfalls Fakten schwächer belichtet. Damit aber würde er selbst die von ihm konstatierte Gefahr vergrößern, "Geschichte zu Geschichtspolitik zu machen".Keine ZwangspädagogikMorsch seinerseits beharrt vor allem auf der gewissenhaften Dokumentation des wissenschaftlich Abgesicherten. "Ein Museum eignet sich nicht zur Umsetzung politischer Ideen. Wir werden alle relevanten Aspekte zeigen, aber eine Zwangspädagogik wird es nicht geben." In Sachsenhausen sei es die Hauptaufgabe, "die Mythenbildung zu beenden, die immer auftritt, wenn ein Thema lange tabuisiert wird." Politische Vereinnahmung befürchtet er gerade bei einem Holocaust-Museum. "In dem geplanten Holocaust watching center würden dann auch die serbischen Lager zur Debatte stehen."
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