Am Rande des Nationalparks Sächsische Schweiz liegt die Gemeinde Lohmen. Das „Tor zur Sächsischen Schweiz“ erstreckt sich auf einer Hochfläche nördlich der Elbe. Bekannt ist der Ort vor allem für seine jahrhundertealte Tradition des Sandsteinabbaus, der die Architektur der gesamten Region entscheidend geprägt hat. Künstler wie der Malerfürst Caspar David Friedrich oder der Komponist Carl Maria von Weber ließen sich von dieser spektakulären Landschaft inspirieren und nutzten Lohmen als Ausgangspunkt für ausgedehnte Wanderungen durch die Sächsische Schweiz. Rund 3000 Menschen leben in der Kommune. Doch nun scheint diese Idylle in Gefahr zu sein.
Dichter und Denker und kein Industriepark
Denn was auf den Karten des Regionalen Planungsverbandes Oberes Elbtal/Osterzgebirge schlicht „Vorranggebiet 94“ heißt, würde das Bild dieser Landschaft dauerhaft verändern. Geplant sind Windenergieanlagen mit einer Nabenhöhe von 275 Metern. Rechnet man die Rotorblätter dazu, wären die geplanten Anlagen über 350 Meter hoch – fast so hoch wie der Berliner Fernsehturm. Gegen diese Pläne regt sich Widerstand. Kaum jemand im Ort begrüßt sie.
Denn hinter „Vorranggebiet 94“ verbirgt sich nicht irgendeine beliebige Landschaft: Das Areal grenzt unmittelbar an den Nationalpark Sächsische Schweiz an. Bis zur berühmten Basteiaussicht sind es nur zwei Kilometer Luftlinie, der Uttewalder Grund beginnt ganz in der Nähe. Die Riesenräder wären von überall in der Sächsischen Schweiz zu sehen. Der Schattenwurf würde womöglich ganze Teile von Lohmen zeitweise verdunkeln. Der störende Einfluss auf die Landschaft empört die Anwohner.
Im sächsischen Lohmen kämpft eine Bürgerinitiative gegen einen geplanten Windpark.
© Rene Plaul für Ostdeutsche Allgemeine
Aus Liebe zur Natur sei sie vor Jahren mit ihrem Mann hierhergezogen, schildert etwa Sabine Kühne. Für ihren kleinen Biogarten habe sie passende Bedingungen gefunden. Kühne ist besorgt: „Ich will nicht neben einem Industriepark leben“, sagt sie bestimmt. Wie ihr geht es den meisten im Ort. Auch der gebürtige Lohmener Jens Posthoff kann die Pläne nicht gutheißen. „Dass in einer Landschaft, die Musikern und Malern gehörte, plötzlich eine Industriebebauung entstehen soll – das hat uns zutiefst entsetzt“, sagt der ehemalige Kommunalpolitiker, der für die Grünen lange Zeit im Kreistag saß.
Doch als der Beschluss des Regionalen Planungsverbandes Ende März 2026 bekannt wurde, dauerte es einige Wochen, bis in Lohmen überhaupt jemand begriff, was das für den Ort bedeutet. „Wir sind in dieses Projekt reingestolpert“, sagt Posthoff im Rückblick. Eher durch Zufall habe man davon erfahren. Man habe zunächst geglaubt, nicht betroffen zu sein. „Und plötzlich hieß es: Stopp. Lohmen ist dabei und ist mit ausgewiesen.“ Für Posthoff ein Grund zu großer Sorge. „Dagegen müssen wir uns wehren“, war sein erster Impuls.
Sie habe sich am Anfang sehr allein und isoliert gefühlt, schildert hingegen Sabine Kühne. Der Umweltkreis ihrer Kirchgemeinde habe sich zurückgehalten, der Kirchenvorstand auf Einzelentscheidungen verwiesen. Ihr liege die Natur sehr am Herzen. Insbesondere die Situation des Rotmilans gebe Anlass zur Sorge. Mehrere Brutpaare des eleganten Greifvogels leben auf dem Gebiet der Gemeinde. Sollten die Riesen-Windräder tatsächlich kommen, könnten die Tiere womöglich vertrieben werden.
Viele im Ort werfen der Gemeinde vor, zu spät und nicht transparent genug informiert zu haben. Posthoff sieht das nuancierter. Den einstimmigen ablehnenden Beschluss des Gemeinderates würdigt er als wichtiges Signal. „Die waren doch genauso von den Plänen überrumpelt wie wir.“ Erst als sich in den folgenden Wochen mehr Menschen meldeten, sich WhatsApp-Gruppen bildeten und die ersten Treffen zustande kamen, änderte sich die Stimmung. Rund 70 Menschen engagieren sich mittlerweile fest in einer Bürgerinitiative gegen die Windradpläne. Andere unterstützen im Hintergrund, teilen Beiträge und sprechen Nachbarn an. „Das hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet“, betont Kühne. Aus der anfänglichen Verunsicherung wurde damit schrittweise organisierter Widerstand. Die Betroffenen suchten das Gespräch, tauschten Informationen aus und versuchten, die Folgen der Planung für den Ort besser einzuordnen.
Der Widerstand nimmt Fahrt auf
Dabei sei man grundsätzlich nicht gegen erneuerbare Energien, betonen die Lohmener. „Doch es muss halt gut gemacht sein“, sagt Posthoff. Die Menschen im Ort fühlen sich von Bürokratie und Politik überrumpelt. Die Informationspolitik der zuständigen Behörden sei am Anfang miserabel gewesen; mühsam hätten sie sich erst in die Hintergründe eingearbeitet. Im Kreistag würden viele Abgeordnete ihre Bedenken teilen, doch die Entscheidung für die Windenergie haben andere getroffen.
Sabine Kühne (l.) und Jens Posthoff (M.) wollen nicht kleinbeigeben: Die Vertreter der Bürgerinitiative wehren sich.
© Rene Plaul für Ostdeutsche Allgemeine
Im Windenergieflächenbedarfsgesetz, das im Juli 2022 von der Ampelkoalition beschlossen wurde, ist genau festgelegt, wie viel Fläche jedes Bundesland für Windenergie ausweisen muss.
Für Sachsen gilt etwa: Bis zum 31. Dezember 2027 müssen mindestens 1,3 Prozent der Landesfläche als Vorranggebiete ausgewiesen sein. Bis Ende 2032 sollen es mindestens 2,0 Prozent sein. In Thüringen sind für 2027 etwa 1,8 Prozent vorgesehen, bis 2032 sollen es 2,2 Prozent sein. Ähnliche Ziele gelten bis 2032 für Brandenburg (2,2 Prozent), Sachsen-Anhalt (2,2 Prozent) und Brandenburg (2,2 Prozent). In Bayern und Baden-Württemberg, wo besonders viel Strom benötigt wird, sieht das Windenergieflächenbedarfsgesetz jeweils nur 1,8 Prozent als Zielfläche vor. Auch die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg müssen mit 0,5 Prozent weit weniger Fläche zur Verfügung stellen – ausgerechnet dort, wo sich besonders viele Wähler für Parteien entscheiden, die den Ausbau der sogenannten erneuerbaren Energien weiter vorantreiben wollen.
Die sächsische Politik begreift die Windkraftvorgaben aus Berlin jedenfalls als Verwaltungsakt. Die Verpflichtungen gegenüber dem Bund, die sich aus dem Gesetz von 2022 ergeben, hat der Freistaat Sachsen an seine vier regionalen Planungsverbände weiterdelegiert. Für die Region Oberes Elbtal/Osterzgebirge bedeutet das: mindestens 4468 Hektar bis Ende 2027 und mindestens 6875 Hektar bis Ende 2032. Ein Hektar entspricht 10.000 Quadratmetern. Die gesamte Planungsregion umfasst gut 3437 Quadratkilometer. Und damit die Lasten der Windenergie gerecht verteilt werden, werden nun auch Flächen in der Sächsischen Schweiz ausgewiesen. Was für viele Betroffene wie kalte Willkür wirkt, folgt einer klaren bürokratischen Kette.
„Es geht hier wirklich nur um Flächen. Es geht nicht um Energiemenge“, stellt Sabine Kühne fest. Ein Flächenanteil sage nichts über den tatsächlich erzeugten Strom aus. Diese Annahmen legen auch offizielle Daten nahe. Laut Bundesnetzagentur waren 2024 in Sachsen rund 900 Windräder mit einer Leistung von 1400 Megawatt in Betrieb. An der windigen Küste in Mecklenburg-Vorpommern waren es 2024 circa 1900 Anlagen an Land mit einer verbauten Leistung von 4100 Megawatt – das sind 39 Prozent mehr Leistung pro Anlage als in Sachsen. Für diesen Unterschied kann es natürlich unterschiedliche Erklärungen geben. Möglicherweise stehen in Mecklenburg-Vorpommern einfach modernere Windräder. Möglicherweise ist der Bau größerer Anlagen an windstarken Standorten aber auch lukrativer. Vielleicht lassen sich in dünner besiedelten Regionen große Anlagen, also auch solche, die weit über 300 Meter hoch sind, leichter genehmigen.
Laut dem Regionalen Planungsverband Oberes Elbtal/Osterzgebirge spielen diese Überlegungen jedenfalls keine Rolle. Ob Windenergie ausgebaut werde und in welchem flächenmäßigen Umfang, hätten EU, Bund und Land bereits entschieden. Seine Aufgabe sei die räumliche Umsetzung. Aus Sicht der Lohmener bleibt hingegen die entscheidende Frage offen, ob die Vorgaben den Besonderheiten einzelner Landschaften und Gemeinden ausreichend Rechnung tragen.
„In Sachsen gibt es keine Abstandsflächen zu Großschutzgebieten. In fast allen anderen Bundesländern schon, nur hier gibt es keine Mindestabstandsflächen“, ergänzt Posthoff. Die EU-Natura-2000-Regelungen gebieten eigentlich eine Verpflichtung zum Schutz bedrohter Arten. Auch im Bundesnaturschutzgesetz ist in Paragraf 44 geregelt, dass es verboten ist, „besonders geschützte wild lebende Tiere zu töten oder zu verletzen“. Für Sabine Kühne ist dahinter eine Doppelmoral zu erkennen: „Für uns als Bürger gelten diese Paragrafen jederzeit weiter, aber für die Windkraftanlagen werden sie ausgesetzt. Das ist schon bitter und ich finde das schlimm.“
Aus Lohmen wird eine Bewegung
Inzwischen hat sich die Lohmener Bürgerinitiative mit anderen Betroffenen aus der Region vernetzt. Denn was in Lohmen geplant wird, droht auch anderen Gemeinden in der Sächsischen Schweiz. Die Initiative „Windradfrei SOE“ – SOE steht für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge – mobilisiert Tausende Menschen aus der Region. Sie fungiert als zentrale Sammelstelle für Unterschriftenlisten. Die Befürworter fordern ein Moratorium für neue Anlagen in der Region und einen Volksentscheid über die Zukunft des Windradausbaus in Sachsen. Für Letzteres sieht die Verfassung des Freistaates ein dreistufiges System vor.
Mindestens 40.000 Stimmberechtigte müssen einen sogenannten Volksantrag unterschreiben, damit sich der Sächsische Landtag damit befasst. Lehnt der Landtag den Antrag ab, startet das Volksbegehren. Hierfür müssen innerhalb von sechs Monaten rund 450.000 Bürger, also 15 Prozent der Stimmberechtigten, unterschreiben. Ist das Volksbegehren erfolgreich und nimmt der Landtag das Gesetz weiterhin nicht an, kommt es zum Volksentscheid. Das Gesetz ist beschlossen, wenn es die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhält. Für einfache Gesetze gibt es in Sachsen – im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern – keine Mindestbeteiligung. Das Ergebnis der Abstimmung ist gemäß der Landesverfassung rechtlich bindend.
Bislang seien 38.000 Unterschriften aus ganz Sachsen für die erste Stufe zusammengekommen, berichtet Posthoff. Allein in Lohmen hätten sie mehr als 900 Unterschriften sammeln können, das entspricht ungefähr einem Drittel aller Einwohner.
Für die Bürgerinitiative ein wichtiges Signal. „Wir stehen mit unseren Sorgen nicht allein da“, betont Sabine Kühne. Die Vernetzung soll den Protest über einzelne Orte hinaus sichtbar machen und den Forderungen der Initiativen mehr Gewicht verleihen.
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Denn was in Lohmen droht, ist wenige Kilometer entfernt bereits Realität. Im Ortsteil Maxen der Gemeinde Müglitztal wurde vor wenigen Wochen der bestehende Windpark Hausdorf komplett umgebaut. Die fünf alten Anlagen aus den Jahren 1997 und 2001 – jeweils rund 90 Meter hoch – wurden zurückgebaut. An ihre Stelle treten drei neue Anlagen der Multimegawatt-Klasse mit Nabenhöhen von bis zu 166 Metern. Mit Rotorblättern kommen sie auf eine Gesamthöhe von knapp 250 Metern.
Im rund 500 Einwohner zählenden Ort hatten die Menschen erst nach Erteilung der Baugenehmigung von den Plänen erfahren. Sie wurden innerhalb weniger Tage vor vollendete Tatsachen gestellt. Für die Lohmener ist dieses Beispiel ein Hinweis darauf, wie schnell aus abstrakten Planungen konkrete Veränderungen werden können.
Wie aus Protest Gemeinschaft wird
Trotz all des Ärgers, den sie mit den Windkraftplänen haben, wollen die Vertreter der Bürgerinitiative dem Ganzen auch etwas Positives abgewinnen. Wenn Posthoff über die Wirkung des Widerstands im Dorf spricht, kommt er unweigerlich auf die Entbehrungen der Corona-Pandemie zu sprechen, die er als eine Zeit der Spaltung und Teilung für den Ort empfand. Der Konflikt um die Windkraft habe nun etwas Gegenteiliges ausgelöst: „Wir wachsen als Dorfgemeinschaft wieder zusammen“, stellt er fest. Was damals getrennt habe, werde nach seiner Wahrnehmung durch den gemeinsamen Widerstand teilweise überbrückt.
Aus den Nachrichten, die sie anfangs per WhatsApp ausgetauscht hatten, sei ein Netz persönlicher Kontakte entstanden, pflichtet ihm Sabine Kühne bei. Dann kamen Treffen, eine Filmveranstaltung und die Organisation der Unterschriftensammlung hinzu. Gerade die Hausbesuche scheinen dieses Gefühl gestärkt zu haben. Nach Posthoffs Schilderung mussten sich manche Sammler zunächst überwinden, an den Türen zu klingeln. Hinterher erzählten sie einander von freundlichen Reaktionen und von Bewohnern, die ihre Fragen loswerden wollten. Die Sammlung brachte damit nicht nur Namen auf Papier. Sie schuf Anlässe für Gespräche. „Die Menschen rücken wieder zusammen“, ergänzt Kühne. Von einer vollständig geeinten Gemeinde zu sprechen, ginge dennoch über die Aussagen hinaus. Einige im Dorf befürworten den Ausbau der Windkraft.
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Ob und wann die Windräder kommen, ist noch unklar. Die für die Windräder vorgesehene Fläche ist in Streubesitz. Viele der Miteigentümer leben selbst im Dorf, nur die wenigsten dürften den Wunsch haben, ihre Flächen zu verkaufen oder zu verpachten. Derweil wurden einzelne Eigentümer von möglichen Investoren bereits kontaktiert – noch bevor diese überhaupt von offizieller Seite informiert wurden, schildern die Vertreter der Bürgerinitiative. Dies müsse zu denken geben und illustriere den Zustand eines ausgehebelten Bauplanungsrechts sehr gut, so die Initiative. Dazu kommt die unmittelbare Nähe zum Nationalpark. „Hier leben viele seltene Fledermausarten“, sagt Jens Posthoff vielsagend.
Wie der Konflikt letztendlich ausgehen wird, ist derzeit noch offen. Für die Initiative steht jedoch schon jetzt fest, dass die Diskussion um das Vorranggebiet 94 die Gemeinde nachhaltig beschäftigt.
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