Als Amerikaner, der in Berlin lebt, hat man sich daran längst gewöhnt: dass die Amerikaner, die in Amerika leben, für Deutschland - und Europa im allgemeinen - oft nur Hohn und Spott übrighaben; Zerrbilder und billige Klischees. Dass in den USA sich irgendjemand Europa in irgendeiner Weise zum Vorbild erwählen könnte, war in den letzten Jahren schier unvorstellbar geworden. Umso größer ist jetzt das Erstaunen: Immer stärker wird Präsident Barack Obama gedrängt, den überfälligen Wandel in der amerikanischen Kulturpolitik einzuleiten - und sich dabei die europäische Kulturpolitik zum Vorbild zu nehmen. Immer lauter werden sogar die Stimmen, die das Amt eines Kulturministers einführen wollen - auf Kabinettsebene, ganz nach europäischem Vorbild. In vielen Ohren klingt das bizarr. Aber wenn man sich einmal ansieht, wer das fordert und wie viel Einfluss diese Leute auf Obama haben, dann scheint ein amerikanischer Kulturminister gar nicht mehr so weit entfernt zu sein.Anders als die JapanerZu den einflussreichsten Befürwortern gehört Quincy Jones, der legendäre Musik- und Filmproduzent: Er hat eine eigene Kampagne für einen Kulturminister initiiert. "Neulich hab ich in meiner alten High School mit ein paar von den jungen Schülern gesprochen", sagte Jones gerade auf CNN. "Ich hab sie gefragt: Wisst ihr, wer Louis Armstrong ist? - Ja, haben sie gesagt, den Namen haben wir schon mal gehört. - Kennt ihr John Coltrane, Duke Ellington, Charlie Parker? - Nein, keine Ahnung, wer das ist." Das habe ihn ungeheuer geschmerzt, sagte Jones: "Sie kennen nicht mal die kulturellen Giganten - anders als die Deutschen, die ihre eigenen Dichter und Denker und Komponisten kennen und die amerikanischen auch noch dazu. anders als die Russen oder Franzosen oder, was weiß ich, die Japaner. Das tut verdammt weh."Quincy Delight Jones, Jr., ist selber so ein "kultureller Gigant": Q - wie man ihn nennt - war schon ein erfolgreicher Musikproduzent, als Obama noch gar nicht geboren war. Er hat mit allen Größen des Showgeschäfts gearbeitet, von Frank Sinatra bis zu Michael Jackson, für den er "Thriller" produziert hat: eine Platte, die weltweit mehr als 100 Millionen Mal verkauft wurde. Er hat 27 Grammy Awards gewonnen, und mit all dem ist seine wahre Bedeutung noch nicht annähernd erfasst.Als Hillary Clinton am 31. Dezember 1999 zur Silvesterfeier ins Weiße Haus rief, wen lud sie als erstes ein? Quincy Jones, natürlich - neben Steven Spielberg. Mit Will Smith, dessen Frau Jada Pinkett Smith und dem kalifornischen Politiker Willie Brown wurde Jones zu Clinton-Zeiten immer wieder ins Weiße Haus eingeladen. Bei den Vorwahlen 2008 stand er zunächst auf der Seite von Hillary - doch brauchte es dann bloß einen kleinen Schwenk, um ganz hinter Obama zu stehen. "Als Obama sich entschlossen hatte, zu kandidieren, brachte Oprah Winfrey ihn und Michelle zu mir nach Hause", sagte Jones im November zu Newsweek. "Wir saßen in meiner Küche und sprachen über seine Pläne. Ich mochte ihn sehr. Ich kenne Hillary schon länger. Aber ich bin absolut mit ihm überein - er ist eine cool cat, und ich hätte niemals zu hoffen gewagt, einen Schwarzen als Präsidenten zu sehen; da ist es wohl klar, dass ich verdammt glücklich bin."Mini-Etat für KulturJones will Obama nun darum "bitten", einen Kulturminister zu installieren - oder zumindest einen hochrangigen Regierungsbeamten, der für die Förderung der Künste zuständig ist. Es gibt durchaus Vorbilder dafür: zum Beispiel Leonard Garment, der als Saxofonist einst mit Billie Holiday spielte. Während der Präsidentschaft von Richard Nixon gelang es ihm, den Etat des nationalen Kulturförderungs-Fonds - des National Endowment of the Arts (NEA) - von 9 auf 80 Millionen Dollar aufzustocken. Zum Vergleich: In der Amtszeit von George W. Bush ist der Etat von 176 auf 145 Millionen Dollar gefallen. Zumindest im innenpolitischen Ausschuss des Weißen Hauses wird Obama einen Beamten abstellen, um die Kulturförderung wieder zu verbessern.Für Quincy Jones und seine Unterstützer ist das aber nicht genug. Wenn man - sagen sie - echten Wandel erringen will, braucht man einen vollwertigen Kulturminister. Sicher: Die Vertreter der politischen Rechten stehen schon in den Startlöchern. Die gleichen Leute, die vor Jahren gegen die NEA schossen, weil sie missliebige Künstler wie den "Piss Christ"-Fotografen Andres Serrano förderte, werden auch diesmal jeden Versuch einer staatlichen Kulturpolitik torpedieren. Na und? Die Mehrheit der amerikanischen Wähler wünscht Obama Erfolg; er hat genug Rückhalt, um auch ungewohnte Wege zu gehen. Dass er auch noch ein viel bewunderter, viel gelesener Buch-Autor ist, kann zusätzlich nützen. Auch die US-amerikanischen Verleger sind ja von der allgemeinen Krisenstimmung erfasst; man überbietet sich in Katastrophenszenarien vom Verschwinden des Buchs im digitalen Zeitalter. Auf der anderen Seite zeigen aktuelle Umfragen, dass die Amerikaner mehr lesen als früher.Der Historiker Douglas Brinkley hat gerade dafür plädiert, die Literatur-Beilagen der großen Tageszeitungen mit staatlicher Hilfe am Leben zu halten - und wurde allgemein gescholten. Aber nachdem, wie Anfang dieser Woche bekannt wurde, auch die Washington Post ihre sonntägliche "Book World" einstellt, finden sich nur noch im San Francisco Chronicle und in der New York Times eigenständige Beilagen.Subventionen für bedrohte Kulturgüter sind wichtig. Ebenso wichtig ist es jedoch, überhaupt wieder eine größere Öffentlichkeit für die Kultur zu gewinnen. Ja, Präsident Obama sollte durch die Grundschulen gehen und dort Vorlese-Stunden abhalten - so dass die Kinder das Gefühl bekommen: Lesen ist cool. Aber er sollte auch dem Vorbild von Präsident Clinton folgen und regelmäßig prominente Kulturschaffende ins Weiße Haus einladen - Künstler und Wissenschaftler, Schriftsteller und Journalisten -, um das gewaltige Bildungsproblem anzugehen, das die USA haben. Ein Kulturminister könnte dabei eine wichtige Rolle spielen.Keine Frage: Eine solche Idee hat es schwer. Aber es werden immer mehr Menschen, die Obama zum Handeln drängen. Eine Online-Petition für die Ernennung eines Kulturministers zählte gestern mehr als 226 000 Unterstützer. Wenn auch Sie dabei sein wollen - im Internet können Sie unter www.petitiononline.com das entsprechende Ansuchen unterschreiben."Barack Obama ist ein Mann der Künste - wahrscheinlich mehr als jeder andere Präsident vor ihm", schrieb Chris Campbell gerade in dem einflussreichen Blog Huffington Post. "Er hat sich von den Romanen von Melville und Morrison inspirieren lassen und von Filmen wie ,Der Pate' und ,Einer flog über das Kuckucksnest'. Gerade jetzt, wo die Künste sich derart im Zustand der Krise und der Auflösung befinden, könnte Quincy Jones der richtige Mann für ihn sein. Wenn wir uns nicht gemeinsam darum bemühen, die Künste wieder aufzupäppeln und zu unterstützen, setzt sich die Abwärtsspirale der vergangenen Jahre fort. Es ist wie mit all diesen anderen drängenden Fragen zur Zeit: Wenn wir jetzt nicht endlich handeln, werden die Konsequenzen entsetzlich sein."Übersetzt von Jens Balzer.------------------------------Foto: Der "kulturelle Gigant" Quincy Jones will Einfluss auf Obama nehmen.
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