Gerade hatte der Winter Urlaub genommen, der Kreatur ein Plusgradintermezzo gegönnt, und die Meisenhähne auf den Zweigen brüsteten sich fiepend in der Illusion, es gehe nun wieder los mit der Liebe. Normalerweise merkt der Städter das nicht so genau, jedenfalls nicht in Mitte. Aber in Dahlem. Dahlem ist anders. Und Studenten, die hier, an der Freien Universität, studieren, erzählen gern, wie sie das genießen: Urlaub vom Moloch, in eine andere Welt fahren, Tag für Tag neu. Der Fremde glaubt das ebenso gern, besonders wenn er ein eichendorffsches Gemüt hat, eine "deutsche Naturseele", wie das in einem amerikanischen Germanistikseminar ("Kulturpessimismus und seine Wurzeln") hieße. Und dann stößt der Fremde, deutsch naturbeseelt, mitten in Dahlem auf ein Stück Amerika. Die Freie Universität ist immer schon das Sorgen- und Lieblingskind der Amerikaner in Berlin gewesen, willkommenes Bollwerk gegen den Kommunismus, bewusste Gegengründung zur alten Universität in Ostberlin. Bis die deutsche Einheit kam. Die habe, so sagt man, der Freien Universität den Gründungssinn genommen. Was ist sie jetzt noch, ohne den Feind von damals und ohne den eigenen "roten Sturm der späten sechziger Jahre", den man, so der gegenwärtige FU-Präsident Peter Gaethgens, "hinter sich gebracht habe"? Sie ist immer noch amerikanisch, vermerkt der fremde Blick. Amerikanisch nämlich in der Inszenierung ihrer eigenen, kurzen Geschichte. Geschichte ist etwas, was alle gebildeten Amerikaner großartig finden an Europa; sie wird umso kostbarer, je weniger man davon hat, auch für die Freie Universität. Vor der Rost- und Silberlaube (dem eigentlichen FU-Hauptgebäude) stößt man auf einen recht neuen Straßennamen: Otto-von-Simson-Straße. Sie geht über in den Rudi-Dutschke-Weg (bis 1999 übrigens Kiebitzweg, Geschichte statt Vögel also). Hier wurde zweierlei auf einen Streich erledigt: die eigene, rare Geschichte präsentiert und der "rote Sturm der späten Sechziger" um die Ecke gebracht. Während der Name des Kunsthistorikers und FU-Professors Simson hin zur Hauptstraße prangt, ist der Dutschke-Weg (direkt vor der Mensa), also das Andenken an den "roten Studentenführer", nur für den inneruniversitären Gebrauch begehbar. Die Rost- und Silberlaube gilt als Zentrum, das kein Zentrum ist. Bindungen entwickeln die Studenten zu den kleinen Villeninstituten von Dahlem oder Lankwitz, aber nicht zu diesem Stahlkasten, dessen Gänge im Innern mit rotem Noppen-Linoleum ausgelegt sind. "Hier bin ich nur hingegangen, wenn ich unbedingt musste", erzählt eine Doktorandin. Im Innenhof stehen bunte Skulpturen aus Fahrrädern, Schubkarren und anderen Rollenträgern herum, so hilflos wie Klettergerüste in einer Plattenbausiedlung. Eine Mischung aus Ganztagshort und Reha-Klinik ist dieser Bau, funktional, geräumig, hell. Gut benutzbar, aber eben auch nicht mehr. Warum studiert man hier? "Weil es die Fächerkombination woanders nicht gibt, weil man sowieso in Zehlendorf wohnt und mit Papis Porsche zur Uni fahren kann, oder weil man zu dumm war und sie einen an der Humboldt nicht genommen haben", sagt die Doktorandin (Wirtschaftswissenschaftlerin übrigens). "An der Humboldt", sagt sie, nicht "an der HU". Man studiert in Berlin nicht an der HU, sondern "an der Humboldt", aber eben nicht an der Freien Universität, sondern immer nur an der FU. Bevor die FU als Kürzungs-Uni in die Schlagzeilen geriet, war sie im Sprach-Alltag längst schon zur Abkürzungs-Uni geworden. Das Kürzel HU wird dagegen nur ausnahmsweise benutzt, von Studenten der FU etwa, mit bösen Absichten. Es stehe für "Hochstapler-Uni", rächt man sich für die Demütigung aus Mitte, wo man "FU" längst mit neuem Inhalt gefüllt hat: "Fuckhead United" (Vereinigte Versager). Man lacht über diese Scherze auf beiden Seiten; die Zeit der Grabenkämpfe ist eigentlich vorbei. Aber im Scherz darf man sogar die Wahrheit sagen, eine Wahrheit, die die Mentalitäten in der Stadt offenbar trennt. "Mentalität ist eine Haut, Ideologie ein Gewand", lautet die berühmt gewordene Formel des Soziologen Theodor Geiger. Mentalitäten sind diffuse Dispositionen von Geist und Seele, ohne das formale Konzept und die begriffliche Systematik einer Ideologie. Für Berlin ist schwer zu sagen, ob alte Gewänder zur neuen Haut geworden sind, oder ob die neue Haut längst da ist, während man auf akademischen Konzilssitzungen (wie am Mittwoch an "der Humboldt") noch an neuen Leitbild-Gewändern strickt. Das Schlagwort der "Exzellenz" jedenfalls, Anfang der neunziger Jahre aufgebracht, bestimmt immer noch das Selbst- und Fremdbild der Humboldt-Universität. Die FU hingegen gerät bei der Suche nach einer neuen "Seele" immer mehr ins Hintertreffen, auch wenn sie bei ihrer Selbstreformierung in den letzten Jahren handfeste Erfolge vorweisen kann."Wenn man in der Kommode so am Fenster sitzt, auf die grünen Dächer der Staatsoper und der Hedwigskathedrale schaut und dann in der Dämmerung der Himmel türkisfarben wird, dann empfindet man das wie ein Geschenk, an diesem Ort zu studieren", schwärmt eine angehende Juristin von "der Humboldt". "Hier ist überall Geschichte. Die Porträts der berühmten Rektoren im Hauptgebäude, die alten Häuser - man hat eine ganz andere Motivation, hierherzukommen und zu lernen." Das geht auch Professoren so. Ulf Göbel, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene an der Charité, glaubt fest an die Symbolkraft seines Institutsgebäudes in der Dorotheenstraße, in dem Robert Koch 1882 seinen berühmten Vortrag über die Entstehung der Tuberkulose gehalten hat. "Ich habe es schon oft erlebt", erzählt er, "dass Studenten ihre Eltern mit ins Haus bringen, um ihnen dieses einmalige Gebäude, diesen unverwechselbaren Hörsaal hier zu zeigen. Dabei geht es gar nicht um ein rationales Erfassen von Geschichte, sondern um deren emotionales Erspüren. Die Studenten sagen, sie kämen viel lieber hierher als in irgendeinen modernen Hörsaal, von denen es so viele gibt. Die sehen alle gleich aus, wunderbar funktional, gewiss, aber austauschbar. Der Robert-Koch-Saal hingegen ist einzigartig. Und nur einzigartige Bauten schaffen Identität." Aber woher kommt dieser neue Trend zurück zur Tradition, zurück zur Geschichte? "Ich vermute, dahinter steckt ein Verlangen nach Entschleunigung", sagt Professor Göbel. "Wenn Sie bedenken, was sich in den letzten Jahren allein in den Biowissenschaften getan hat, da ist dieses Bedürfnis nach Balance verständlich, danach, Luft zu holen, durchzuatmen. Gegenwärtig scheinen so viele Grenzen des Wissens und der Ethik überschritten. Wir holen uns gerade kiloweise die Äpfel vom Baum der Erkenntnis. Die Anziehungskraft von Orten wie diesem hier liegt wohl in der Sehnsucht nach Wurzeln, nach Vergewisserung unserer eigenen Herkunft. Zugleich erzeugen sie ein Gefühl von Bescheidenheit, nämlich die Einsicht, nicht Erfinder der Welt zu sein, sondern Glied in einer Reihe." Als rückwärts gewandt empfindet sich Ulf Göbel nicht, ebenso wenig die junge Jura-Studentin. Sie leben ganz und gar in ihrer eigenen Zeit. Dass in den Bauten, Denkmälern und Porträts auch die deutsche Kulturnation von einst sich selbst verherrlicht hat, ist unwichtig geworden. Vielmehr kommt es darauf an, sich trotz einer immer einförmiger werdenden Welt für bestimmte Inhalte zu begeistern. Ulf Göbel geht es ausdrücklich um ein Wissen, das in den Häusern Stein geworden ist. Bei Studenten klingt es eher nach intellektueller Erlebnis-Gastronomie: Alte Bauten regen schlicht den kreativen Appetit an. "Da muss man bloß mal an Harvard oder Columbia denken", meint die FU-Doktorandin. Womit wir doch wieder bei Amerika wären.Man studiert in Berlin "an der Humboldt" und nicht an der "HU".
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