Wilderer treiben auf vielen Gewässern ihr Unwesen und machen den Fischern das Leben schwer

Das liebste Beutetier ist der Aal

Frank Rothe
4 Min

Sie kommen am liebsten zwischen vier und sechs Uhr morgens, fahren mit einem Kahn an die Reusen, entnehmen die Fische und verschwinden im Nebel. Das liebste Beutetier ist der Aal. Um an ihn heranzukommen, werden alle Regeln der Fairneß gebrochen, zum Nachteil vieler Brandenburger Fischer."Wir haben bis heute noch nicht herausbekommen, über welche Kanäle die gestohlene Ware weitertransportiert und verkauft wird", sagt Ronald Menzel, Vorstandsvorsitzender der Fischereischutzgenossenschaft "Havel". Er unterteilt die Fischwilderer in drei Kategorien: Die erste räubert für den Eigenbedarf. Zur zweiten Gruppe gehören Gelegenheitstäter. Sie stehlen nur sporadisch und sind dabei meistens betrunken. Die dritte Gruppe ist die der Profis. Sie schädigen Brandenburgs Fischer am stärksten. Oftmals kommen sie aus der Nachbarschaft, kennen die Gegend gut und sind deshalb kaum zu fassen. Daß unter ihnen vielleicht auch ansässige Fischer sind, ist nicht ganz auszuschließen. Rivalisierende Kämpfe um Fischereirechte und Reviere bieten genügend Anlaß.Die seit dem letzten Jahr eingesetzten Überwachungskameras halfen bislang wenig bei der Aufklärung der verübten Straftaten. Alle paar Wochen werden die Kameras an neuen Orten - gut versteckt im Geäst der Bäume mit Focus auf die Reusen - am Ufer angebracht. Das größte Problem der Videoüberwachung ist die Stromzufuhr. Die Batteriekästen müssen im Normalfall alle 14 Tage ausgewechselt werden. Geld an FiskusAuffallend ist, daß die überwachten Stellen nie von der Wilderergruppe der Profis aufgesucht werden. Dies erhärtet den Verdacht, daß vielleicht auch Eingeweihte am Diebstahl beteiligt sein könnten. Auch die von der Wasserpolizei eingesetzten Infrarotferngläser und Radargeräte halfen nicht sehr viel. "Es muß noch weiter aufgerüstet werden", klagt Ronald Menzel.Ihm obliegt die Verwaltung von 500 Stellnetzen auf 120 Kilometer Wasserstraße. Das sind etwa 7 000 Hektar Fischereigebiet, auf denen 36 private Fischer ihrer Arbeit nachgehen. 90 freiwillige Fischereiaufseher unterstützen die Schutzgenossenschaft bei der Jagd auf Fischdiebe. Ein Fischereiaufseher hat ähnliche Möglichkeiten wie ein U-Bahn-Kontrolleur. Er überprüft Angelscheine, Fanggeräte und die Maße der an Land gezogenen Schuppentiere. Werden die Normen gebrochen, kommt es zu einer Anzeige. Die Fangausrüstung wird konfisziert und im Falle einer Verurteilung versteigert. Das Geld fließt dem Fiskus zu. 53 StrafanzeigenMonika Haag, Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Potsdam, nennt für das vergangene Jahr 174 Fälle von Fischwilderei. Diese Zahl bezieht sich ausschließlich auf den Zuständigkeitsbereich Potsdam, die Stadt Brandenburg, Nauen, Luckenwalde und Zossen. Die Gewässer der Fischereischutzgenossenschaft "Havel" fallen hier mit hinein.In diesem Jahr kam es allein im Verantwortungsbereich der Potsdamer Staatsanwaltschaft bislang zu 53 Strafanzeigen. Daß sich diese Zahl bis zum Einbruch des Winters zumindest verdoppeln wird, ist nicht auszuschließen. So ist der momentane Zustand nach Ronald Menzels Worten "genauso beschissen, wie im Vorjahr". Das Strafmaß für Fischwilderei reicht von einer Geldstrafe bis zu zwei Jahren Freiheitsentzug. In besonders schweren Fällen - beim Fischfang zu Schonzeiten oder mit unerlaubten Hilfsmitteln, wie Sprengkörpern oder Strom - sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vor. Die Hobbyangler sind das kleinere Übel, da sie die Reusen der Fischer unangetastet lassen. Die Profidiebe klauen dagegen nicht nur die Fische. Meist zerstören sie auch noch die Fanggeräte. Da jeder Fischer einen eigenen Spezialknoten zur Sicherung seiner Netze hat und dieser nicht immer leicht zu öffnen ist, zerschneiden die Plünderer die Fanggarne. Bis zu 8 000 Mark kostet eine Reuse.Bislang gibt es noch keine Versicherung, die diesen Schaden übernehmen würde. Der lange Winter dieses Jahres verzögerte den Beginn der Fangsaison. So wirkt der bisherige Schaden gleich doppelt bitter. Ronald Menzel beziffert die Fangausfälle durch Wilderei auf rund zehn Prozent. Wieviel eine Reuse unter optimalen Bedingungen hergibt, will er nicht verraten. "Das animiert ja bloß zum Klauen." Erst kürzlich ist ihm jedoch ein großer Fisch ins Netz gegangen. Eine Gruppe von drei Männern wurde auf frischer Tat ertappt. Nun hofft Menzel, daß die Staatsanwaltschaft Potsdam ein abschreckendes Strafmaß für Fischdiebe erlassen wird. +++

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