Sie graben den Glienicker Park um, benutzen Vorgärten als Futterplätze. In der vergangenen Woche haben sie sich sogar auf den Mittelstreifen der Argentinischen Allee getraut: Wildschweine mitten in der Stadt. Immer häufiger wagen sie sich in Wohngebiete. Besonders beliebt bei den Tieren ist die Wohnsiedlung am Marinesteig direkt am Schlachtensee. "Ich wage kaum noch, meine Kinder morgens zur Schule zu schicken", sagt die Anwohnerin Katharina Radlanski. "Hier haben sich zwei Rotten angesiedelt und laufen täglich über die Straße." Es gibt keine Nacht, in der sie nicht das Grunzen im Garten hört, und auch vor Terrasse und Spielplatz machen die Schweine nicht halt. "So schlimm wie jetzt war es noch nie", sagt Radlanski, alle Vorgärten seien verwüstet: "Besonders lieben sie Tulpenknollen." Das Schwarzwild kommt aus dem Grunewald oder über die Havel schwimmend aus Brandenburg. "Die Schäden sind groß", sagt Friedrich Dannenberg, Leiter des Grünflächenamtes. Unerlaubtes Füttern ist nach Ansicht von Hubert Wehner von der Jagdbehörde in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ein Grund für die Plage. Die Anwohner halten das für eine Ausrede: "Hier füttert jedenfalls keiner die Tiere", sagt Marlies Krüger. "Es ist ärgerlich, daß niemand etwas unternimmt." Um ihrem Ärger Luft zu machen, haben die Bewohner des Marinesteigs jetzt gemeinsam einen Protestbrief an verschiedene Behörden geschrieben. Die Zuständigkeit für Wildschweine im Wohngebiet ist nämlich bislang nicht geklärt. Die Förster dürfen außerhalb der Wälder nichts unternehmen, und die Polizei könne kaum ohne Risiko schießen, sagt Wehner. "Wir verhandeln mit den Berliner Forsten, damit der Bestand dezimiert wird", sagt Dannenberg. "Es gibt eindeutig zu viele Wildschweine." Auch mit dem Land Brandenburg gebe es Gespräche, sagt Wehner. Wegen des ständigen Wechselns der Tiere zwischen den Ländergrenzen liegen keine zuverlässigen Zahlen über die tatsächliche Anzahl der Tiere vor. Richtig gefährlich sind sie nur bis zu sechs Wochen nach dem Wurf von Frischlingen, die im November/Dezember gezeugt werden und genau drei Monate, drei Wochen und drei Tage später zur Welt kommen. "Aber wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen, können auch Keiler schon mal in die menschliche Wade beißen", warnt Wehner. Das gefährlichere Tier sei aber die Bache, also die Wildsau. Bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Am Köllnischen Park 3, ist die Broschüre "Wildtiere im Stadtgebiet" erhältlich, die auch über Wildschweine informiert. Weitere Auskünfte erteilt Hubert Wehner unter der Nummer 90 25 13 85. Eine Internetseite über den richtigen Umgang mit Wildschweinen wird laut Senatsverwaltung in etwa zwei Wochen ins Netz gestellt. Den Leuten am Marinesteig reicht das nicht. "Einige haben schon Menschenhaare vom Friseur geholt und in die Böden gepflanzt", erzählt Radlanski. "Das mögen Wildschweine ebensowenig wie ,fleißige Lieschen ."
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