Willi Moegles "Sachfotos" in der Staatsbibliothek

Die gute Form im rechten Licht

Carmen Böker
3 Min

Weintrauben in einem weiß emaillierten Seiher; das schemenhafte Abbild des Fotografen auf der Innenseite eines Esslöffels - das muss bei Willi Moegle (1897-1989) schon als subjektives Wagnis aufgefasst werden. Denn hier treten unverhofft das wahre Leben und die Anwendungen des Alltäglichen ein in die Feier der guten Form - hinein in das Credo, nichts als die Ehrlichkeit der Oberflächen zu zelebrieren, die Entwürfe der Designer in Optik und Haptik "objektiv" abzubilden.Willi Moegle - von dem nun rund 90 Schwarzweiß-Aufnahmen in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße präsentiert werden - gilt als bedeutendster deutscher Vertreter der Sachfotografie in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten. Dass sein Name nicht sonderlich bekannt ist, liegt daran, dass die Produktfotografie damals ein anonymes Geschäft war, ihre Abzüge wurden meist als "Werkfoto" deklariert. Genauso zurückgenommen agierte in den 50er- und 60er-Jahren jene Richtung der Werbefotografie, deren Prinzipien sich herleiteten aus der Neuen Sachlichkeit seit den 20ern und ihrer Moral der Dinge: Kein Zeitgeist wurde gefeiert, kein Lebensgefühl zum Verkaufsargument erhoben, wie es heute üblich ist. Der Fetisch war das schnörkellose Objekt, seine Aura wurde kreiert, indem man es auf eine illuminierte Bühne hob, Licht und Schatten formten seine formale Anmut.Für Firmen, die sich der Ästhetik und der Wertigkeit des Sachlichen verpflichtet fühlten, war Moegle tätig: Walter Knoll, Schott/Zwiesel, Hugo Pott, Kahla, Arzberg, Jenaer Glas. Gastronomieporzellan türmte er dutzendfach zur Wolkenkratzerkulisse en miniature - so sollte dessen serieller Charakter demonstriert werden. Ein Küchenmixer, bis ins kleinste technische Detail ausgeleuchtet, feiert - dem nüchternen Ansatz zum Trotz - die Errungenschaften der modernen Zeit. Zwei Stühle von Knoll leuchtete Moegle so drastisch aus, dass sie wie Reliquien des Funktionalen erscheinen."Ich bin vom Einfachen begeistert, das am schwersten herzustellen, aber am schönsten ist", hat Moegle einmal gesagt. Ein Studium an der Kunstgewerbeschule Stuttgart hatte er 1922 aus finanziellen Gründen abbrechen müssen. Was er über Grafik und Typografie gelernt hatte, spiegelt sich jedoch klar wider in seinen wohlkomponierten Aufnahmen. Etwa bei jener Teekanne aus Jenaer Glas: Über hellem Grund scheint sie körperlos zu schweben. Nur die Kanten, an denen das Licht sich bricht, geben ihr wie zeichnerische Striche Kontur. Das Ergebnis ist die Essenz einer Teekanne: reduziert auf eine wesentliche Form, die alle Zeiten überdauern kann.------------------------------Ausstellung bis zum 26. August in der Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Str. 33, Mo-Sa 11-18 Uhr.------------------------------Foto: Willi Moegle: zwei Vasen von Arzberg, Entwurf Hermann Gretsch.

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