Sie haben sich quasi die Nase plattgedrückt an der Fensterscheibe des Grandhotels Deutschland – die Besucher im ausverkauften Ostflügel des Chemnitzer Spinnbaus. Sie wollten mal schauen, wie sich das Grandhotel Deutschland denn seit dem Wiener Kongress 1815 inhaltlich, seelisch und musikalisch entwickelt hat.
Dabei wirkt das Grandhotel optisch ziemlich verstaubt, der Rezeptionist kommt erst beim dritten Läuten aus seinem Zimmer geschlurft und sogar der Zimmerschlüssel ist (eine) Wurst. Parallelen zur gegenwärtigen Situation in Deutschland sind vermutlich rein zufällig und den Gedanken von Regisseur und Schauspieler Marko Bullack entsprungen.
Bullack und seine beiden Mitspieler Ulrike Euen und Clemens Kersten schauten bei diesem musikalischen Streifzug durch die deutsche Seele ganz schön durchs Schlüssellloch der deutschen Bubbles von heute. Am Piano begleitet vom musikalischen Leiter Benjamin Rietz boten sie gesanglich gute Leistungen, wobei Bullack mit seiner stimmlichen Range besonders zu beeindrucken wusste. In der gewohnten mittelhohen Baritonstimme stets zielsicher unterwegs, brillierte er erstaunlicherweise in countertenorhaften Parts regelrecht.
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Herr Müller in Lacoste-Blouson checkt ein
Die Kostüme, die in vielen Fällen an das alte Berlin erinnerten, hatte sich Pauline Malack mit ihrem Team trefflich erdacht und traf damit den Nerv der Besucher. Maria Kordasch hatte dramaturgisch den Hut auf und choreografierte den Weg durch zwei Jahrhunderte deutscher Befindlichkeiten in einer traumhaften Leichtigkeit.
Der Start der Story: Herr Müller, in einer gelben Bundfaltenhose der 80-er Jahre und einen Lacoste-Blouson gewandet, checkt in das schon ein wenig skurrile Grandhotel Deutschland ein, das als Sinnbild für allerlei geschichtliche und emotionale deutsche Geschichte herhalten muss. Eine sehr lustige Idee, die geschichtlich leider ein wenig zu kurz gehalten wird.
Denn wenn die meisten die meisten mit den Jahreszahlen 1989 (Mauerfall), 1933 (Machtergreifung der Nazis), 1914 (Beginn des Ersten Weltkrieges), 1871 (Reichsgründung) und vielleicht auch 1848 (Bürgerliche Revolution in Deutschland) noch etwas anfangen können, reicht die bloße Erwähnung von 1815 vermutlich nicht aus, um alle mitzunehmen – damals wurde Europa nach den Napoleonischen Kriegen neu geordnet.
Zwischen musikalischer Vielfalt und einem Mahnmal
Zu Gehör kam eine Menge an deutschem Liedgut, das viele kannten – aber sicher nicht alle hätten mitsingen können, wie es Ulrike Euen in einem nachdenklichen Moment richtigerweise erklärte. Damit gab sie einen durchaus nachvollziehbaren Blick in die Gesesellchaft wieder, die heute - wie vielleicht nie zuvor in den vergangenen zwei Jahrhunderten - hinter keiner gemeinsamen musikalischen Idee mehr zu versammeln ist.
Ein bisschen Glamour darf schon sein: Clemens Kersten hatte seinen Auftritt auch im rosa Tütü.
© Nasser Hashemi
Das „Lied der Moorsoldaten“ wies in dunkle Zeiten, ein adaptiertes Siegfried Wagner-Stück drang als aufrüttelnder Chanson gegen den Krieg in die Hörgänge der Besucher. Zwischen „Davon geht die Welt nicht unter“ über Grönemeyers „Halt mich“ bis hin zu einem Lied über ein Bühnenbild zu Capar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ bis hin zum „Erlkönig“ begab man sich auf eine Zeitreise. Auch Loriot wurde als Kulturgut mit „Das Ei ist hart“ erwähnt.
Ein bisschen Ostalgie trieb den Besuchern zudem ein Lächeln aufs Gesicht. Lifts „Nach Süden“ und Karussells „Als ich fortging“ ließen den „Ostflügel“ der Spinnbau–Spielstätte zu einem Stück DDR-Geschichte werden. „Unter der Laterne“ stand eine schicke Dirne im weißen Jäckchen und auch Gerhard Schöne fand mit „Das ist mein Zimmer“ letztlich noch Eingang in das ein wenig ausfasernd daherkommende Stück. Vielleicht ist auch das ein Sinnbild unserer Gesellschaft, die derzeit doch viele lose Enden verknüpfen muss.
Selten bei Theaterstücken: Es gab eine Zugabe - eine auf den Ost-West-Diskurs zugeschnittene Umdichtung „Loreley“ auf Basis von Heinrich Heine.
Derweil entstand außen auf der Bühne eine Art Mahnmal: Ein Modell des geschlossenen Chemnitzer Schauspielhauses, das einer umfangreichen, millionenteuren Sanierung harrt, wurde aus einem Koffer geholt und puzzlegleich zusammengesetzt. Auch deshalb wird momentan im etwas abgelegenen Spinnbau gespielt. Doch wie die Kirche ins Dorf gehört, gehört ein Theater eben ins Stadtzentrum.
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