Wenn Matthias Lange aus seinem Bürofenster im Oldenburger Technologiezentrum schaut, interessiert ihn nicht nur, ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Als Geschäftsführer der Firma Energy & Meteo Systems (EMS) gilt das Interesse des Physikers vor allem dem Wind. EMS ist einer von bislang drei Anbietern bundesweit, die sich darauf spezialisiert haben, die Windstärke vorherzusagen.Das kommt nicht von ungefähr. Je größer der Anteil der Windkraft am Energiemix werde, umso wichtiger sei es, sie richtig in das Versorgungssystem zu integrieren, sagt Lange. Das ist nur mit genauen Windprognosen möglich; der Wind weht nun mal, wann er will. Damit wirbelt er zuweilen die Planung der Betreiber von Kohle- und Kernkraftwerken durcheinander, denn sie müssen den Ökostrom vorrangig ins Stromnetz einspeisen. Daher wüssten sie gerne vorher, mit welchen Strommengen sie aus den Windparks rechnen können.Wenn in den nächsten Jahren Offshore-Windparks in der Nordsee in Betrieb genommen werden, dürfte dieses Interesse noch steigen. Denn geplant ist eine Gesamtleistung von mehreren hundert Millionen Kilowattstunden.Die Oldenburger Energiemeteorologen haben ein Programm entwickelt, das aus den aktuellen Wetterdaten berechnet, wie viel Windstrom erzeugt wird. Die Vorhersagen sind zuverlässig - was nicht heißt, dass sie sich nicht noch verbessern ließen. Vor allem bei Extremereignissen, sagt Matthias Lange, sei es denkbar, verschiedene Wettermodelle zu kombinieren: "Wenn man die Stärken und Schwächen der einzelnen Wettermodelle kennt, kann man die Modelle zusammenführen und so für jede Wettersituation das Beste herausholen." EMS arbeitet dazu gerade mit den Anbietern aller großen europäischen Wettermodelle in einem Forschungsprojekt zusammen, das vom Bundesumweltministerium unterstützt wird."Auch international gibt es ein riesiges Interesse der Netzbetreiber", sagt Langes Kompagnon Ulrich Focken und verweist auf das laufende Anemos-Projekt, das von der Europäischen Kommission gefördert wird. Ziel des bis Ende September laufenden Vorhabens ist es, die in Europa führenden Systeme zur Windleistungsvorhersage unter einen Hut zu bekommen. Sie sollen alle mit einem Computerprogramm zu nutzen sein. Mit von der Partie sind beispielsweise die Electricité de France, die Red Eléctrica de España, das Electricity Supply Board aus Irland und Griechenlands führendes Stromunternehmen Public Power Corporation.Einen anderen Weg hat das Institut für Solare Energieversorgungstechnik (Iset) in Kassel gewählt, um insbesondere die Kurzzeitprognosen zu verbessern. Den Clou ihrer Entwicklung beschreibt Kurt Rohrig, der am Iset den Bereich Information und Energiewirtschaft leitet, so: "Wir versuchen, die Daten nicht für die gesamte Regelzone zusammenzustellen, sondern nur für die Netzknoten." Das würde den Netzbetreibern genügen: Sie müssen nur wissen, an welchen Umspannwerken möglicherweise viel Windstrom auf einmal eingespeist wird, um schneller eingreifen zu können.Solche Kurzzeitprognosen liefert das Iset mittlerweile an den Energiekonzern RWE. Ihnen liegen Messungen an verschiedenen Windrädern zugrunde. Um die Zuverlässigkeit der Prognosen zu erhöhen, will das Iset auch die Betriebsdaten der rund 1 500 Anlagen nutzen, die dem Wissenschaftlichen Mess- und Evaluierungsprogramm (WMEP) angeschlossen sind. Dem WMEP mussten Ende der achtziger Jahre alle Windmüller beitreten, die von der Bundesregierung eine erhöhte Vergütung für ihren Strom erhalten wollten. Das damalige Vergütungsprogramm des Bundes läuft in diesem Jahr aus, und anschließend will Iset das Windmessnetz übernehmen.Die Kasseler Forscher haben schon große Pläne. "Damit wollen wir künftig Kurzzeitprognosen von 15 Minuten bis zu acht Stunden in die Zukunft entwickeln", sagt Rohrig. An diesem Angebot seien alle Netzbetreiber interessiert.Diese Daten aus Kassel könnten künftig den Betrieb von Kraftwerken vereinfachen. Und Rohrig wagt noch eine weitere Prognose: "Die Windenergie wird zunehmend zu einem ganz normalen Energieträger, der beherrschbar und planbar sein wird."------------------------------Foto: In der Nähe von Husum zieht ein Gewitter auf. Auf solche Wetterumschwünge wollen Betreiber von Windparks künftig besser vorbereitet sein.
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