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„Wir haben einfach verkackt“: Julia Klöckner über die CDU

Beim Politik-Talk in Marzahn sprechen Arche-Gründer Bernd Siggelkow und CDU-Politikerin Julia Klöckner über Migration, Demokratie und den Vertrauensverlust in die eigene Partei.

Anna Schütz
5 Min
Julia Klöckner (r., CDU), Bundestagspräsidentin, und Bernd Siggelkow, Gründer der Arche und CDU-Direktkandidat für Marzahn

Julia Klöckner (r., CDU), Bundestagspräsidentin, und Bernd Siggelkow, Gründer der Arche und CDU-Direktkandidat für Marzahn

© Carsten Koall/dpa

Es ist ein Wahlkampfabend, der sich ausdrücklich als Gespräch mit den Bürgern versteht. In der Aula der Lomonossow-Schule in Marzahn diskutieren Bernd Siggelkow und Julia Klöckner über Migration, innere Sicherheit, Wirtschaft, Demokratie und die Frage, wie Politik wieder näher an die Menschen kommen kann. Siggelkow tritt bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September als CDU-Direktkandidat für Marzahn-Mitte an. Klöckner sitzt für die CDU im Bundestag und gehört dem Präsidium der Partei an.

Siggelkow ist dabei eine ungewöhnliche Figur innerhalb der Berliner CDU. Der Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerks Die Arche ist erst seit 2024 CDU-Mitglied und hat keine klassische Politikerkarriere hinter sich. Sein politisches Profil speist sich vor allem aus seiner jahrzehntelangen Arbeit mit Kindern und Familien. Die CDU Wuhletal hatte seine Kandidatur bereits 2025 ausdrücklich unterstützt und ihn als jemanden beschrieben, der im Bezirk verwurzelt sei und die Sorgen der Menschen kenne.

„Wir sind die Staatsdiener“

Auch beim Talk stellt Siggelkow diesen Unterschied heraus. Er bezeichnet sich selbst als „Quereinsteiger in der Politik“ und fordert von Politikern mehr Ehrlichkeit gegenüber den Bürgern. Es gehe nicht darum, jedes Problem mit einem politischen Versprechen lösen zu wollen. „Wenn wir Politiker anfangen, wieder ehrlich zu sein und sagen: ‚Wir können gar kein Problem lösen, sondern wir können Rahmenbedingungen schaffen‘, dann schafft das Glaubwürdigkeit“, sagt Siggelkow.

Er verbindet diese Forderung mit einer deutlichen Kritik an der politischen Selbstwahrnehmung: „Wir müssen auch als Politiker lernen, Selbstkritik zu hören. Wir sind nicht die Götter und können alles.“ Stattdessen müsse Politik versuchen, die eigenen Versprechen tatsächlich umzusetzen. Sein Selbstverständnis fasst Siggelkow so zusammen: „Wir sind nicht die Staatsoberhäupter, sondern wir sind die Staatsdiener.“

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Das ist zugleich eine bemerkenswerte Position für einen Kandidaten, der für eine Partei ins Parlament einziehen will, die selbst Teil des politischen Establishments ist. Siggelkow versucht, seine Außenseiterrolle nicht abzulegen, sondern politisch zu nutzen. Schon vor dem Talk hatte er erklärt, sich als jemand zu verstehen, der innerhalb der CDU Veränderungen anstoßen wolle.

Seine Position innerhalb der Partei ist allerdings nicht völlig widerspruchsfrei. Siggelkow kandidiert für die CDU und wird vom CDU-Kreisverband Wuhletal unterstützt, tritt aber mit einem Selbstverständnis auf, das sich bewusst von einer klassischen Politikerkarriere absetzt. Bei einem früheren Wahlkampfauftritt sagte er, er wolle sich „nicht leise stellen lassen“. Die Berliner Zeitung berichtete Mitte August zudem über seine Kritik an der eigenen Partei.

Klöckner: „Wir haben einfach verkackt“

Auch Julia Klöckner spricht an diesem Abend ungewöhnlich deutlich über die Schwierigkeiten der etablierten Parteien. Mit Blick auf Wahlerfolge anderer Parteien sagt sie: „Wir haben einfach verkackt. Das müssen wir uns auch vor Augen halten.“

Klöckner sieht einen Teil des Problems darin, dass die etablierten Parteien Themen nicht ausreichend angesprochen hätten. „Die AfD benennt die Themen, die wir viele Jahre lang verschwiegen haben, weil wir häufig Angst hatten, diesen Stempel aufzudrücken“, sagt sie. Gleichzeitig warnt sie davor, Lautstärke mit Mehrheit zu verwechseln. „Man darf sich nicht einschüchtern lassen über das, was angeblich die Mehrheit und Masse ist. Lautstärke ist nicht automatisch Mehrheit. Und Lautstärke ist auch nicht automatisch Wahrheit.“

Ihre Vorstellung von politischer Auseinandersetzung ist dabei ausdrücklich konfrontativ, aber nicht ausgrenzend: Sie wolle sich mit AfD-Politikern ebenso wie mit Linken „ins Argument“ begeben. Demokratie bedeute auch, Widerspruch auszuhalten.

Migration und Kinderschutz als Streitpunkte

Besonders deutlich wird Klöckner beim Thema Integration und Frauenrechte. Sie kritisiert einen aus ihrer Sicht zu vorsichtigen Umgang mit kulturell begründeten Konflikten. „Mir platzt der Kragen, wenn ich vom Jugendamt höre: Wir brauchen einen kultursensiblen Kinderschutz. Entweder gibt es einen Kinderschutz oder nicht“, sagt sie. Entscheidend sei für sie, ob Frauen und Mädchen unabhängig von ihrer Herkunft selbstbestimmt leben könnten. „Entscheidend ist doch, ob ein Mädchen anziehen kann, was es will, eine Frau lieben, heiraten und einen Beruf ergreifen kann, ohne dass ein Mann entscheidet, was sie machen soll.“

Siggelkow setzt beim Thema Migration stärker bei der sozialen Integration an. Er beschreibt, dass viele Menschen mit Migrationsgeschichte in den Randlagen der Stadt lebten und dort schwer erreicht würden. In der Arche beobachte er, dass Kinder und Jugendliche bessere Chancen hätten, wenn sie tatsächlich eingebunden und unterstützt würden. Sein Ansatz bleibt dabei eng mit seiner bisherigen Arbeit verbunden. Die Arche ist seit Jahrzehnten sein politisches und gesellschaftliches Kernthema. „Ich habe bei 120.000 Kindern noch nicht ein hoffnungsloses Kind erlebt“, sagt Siggelkow. Kinder könnten die Kurve bekommen, wenn Menschen an sie glaubten.

Zwischen Bürgernähe und Wahlkampf

Der Abend zeigt damit auch die politische Strategie des CDU-Neulings: Siggelkow versucht, seine Bekanntheit aus der Sozialarbeit mit einem Anspruch auf Bürgernähe zu verbinden. Er kündigt an, mit Bürgern über konkrete politische Themen sprechen zu wollen und wirbt für mehr Beteiligung. Ob daraus tatsächlich eine eigenständige politische Position innerhalb der CDU entsteht, ist allerdings noch offen. Siggelkow ist politischer Neuling und kandidiert erstmals für das Abgeordnetenhaus. Sein Profil unterscheidet sich von dem vieler Berufspolitiker. Gleichzeitig muss er sich als CDU-Kandidat an den Entscheidungen und Positionen seiner Partei messen lassen.

Dass er dabei nicht ausschließlich als Parteisoldat auftreten will, macht er selbst deutlich. Sein Anspruch lautet, Politik solle zuhören, ehrlich über ihre Möglichkeiten sprechen und Kritik aushalten. Ob dieser Ansatz im politischen Alltag des Abgeordnetenhauses Bestand hätte, müsste sich erst noch zeigen.

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