Wen trifft man an einem Vormittag im August im Schatten zwischen Cafés und Spielplätzen im Prenzlauer Berg? Es sind Flaneure, junge Eltern, Menschen aus der Kreativbranche in der Mittagspause. Ein kühler Sommertag, die Markisen sind herausgefahren.
Die Menschen in Berlins bevölkerungsreichstem Bezirk spazieren durch einen Stadtteil, wo die Probleme Berlins ganz fern wirken. Doch zwischen Kollwitzplatz und Helmholtzplatz kommen heute auch Herausforderungen zur Sprache, die den Bezirk drei Wochen vor der Wahl bewegen.
Es ist nicht nur der Bezirk mit den meisten Einwohnern Berlins, er hat auch das höchste prognostizierte Wachstum bis 2040. Allein in den südlichen Stadtteilen Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee wohnen über zwei Drittel der Bevölkerung des Bezirks. Insgesamt leben rund 427.000 Menschen hier, mehr als in Freiburg und Potsdam zusammen.
„Dann kam das Kapital reingeströmt“
Pankow wächst immer weiter. Einer, der erzählen kann, wie sich der Bezirk entwickelt hat, ist Mathias K. Er nutzt seine Mittagspause für einen kleinen Spaziergang. „Ein ganz anderer Kiez“ sei es früher gewesen – dann „kam das Kapital reingeströmt.“
Eigentlich habe er gar nicht so viel Zeit, schließlich aber kommt er ins Erzählen. Rund 30 Jahre Berlin sprudeln da heraus, mehr als 20 davon im Prenzlauer Berg. Er erinnert sich an Einschusslöcher in den Fassaden, an Geigenbauer, die hier ihre Läden hatten. Kurz vor der Jahrtausendwende sei hier eine schöne Zeit gewesen, da sei der Ortsteil „ein weißes Blatt“ gewesen. Die Entwicklung schmerzt den 61-Jährigen sichtbar.
Pankow wächst – die einen wollen bezahlbar mieten, die anderen eben kaufen.
© Kate Schultze für Berliner Zeitung
„Hier können kaum normale Leute wohnen“
Dabei hört man bei Mathias K. keinen Konservatismus heraus, im Gegenteil. Er wünscht sich mehr Radwege und Grünflächen für seine Stadt, die Autos „unfair viel Platz“ widme. Es scheint mehr ein Bedauern darüber zu sein, wie stark das Gehalt der Zugezogenen den Bezirk präge. „Kapitalismus ist der Motor“, sagt er mehrmals.
Internationale junge Menschen, Akademikerpaare mit Kindern, Touristen – das ist das Straßenbild, das man vom Prenzlauer Berg mittlerweile gewohnt ist. Wer sich die Gegend nicht mehr leisten konnte, habe wegziehen müssen, sagt K. Dadurch sei diese neue Mischung entstanden.
Die Statistik liefert den Beleg: Die Einwohner Pankows verdienen mit 4926 Euro berlinweit das zweithöchste Mediangehalt. Nur Friedrichshain-Kreuzberg verdient mehr. Zum Vergleich: Der Berliner Durchschnitt liegt bei 4424 Euro, der Median im Schlusslicht Marzahn-Hellersdorf beträgt 3740 Euro. Jedoch: In dieser Statistik sind nur die sozialversicherungspflichtig Arbeitenden in Vollzeit erfasst.
„Hier können kaum normale oder durchschnittliche Leute wohnen“, fasst es Mathias K. zusammen. Daher fordert er „drastische Maßnahmen zur Deckelung von Mieten“. Selbst eine linke Bürgermeisterin müsse dafür aber Kompromisse finden, sagt er.
Prenzlauer Berg, Weißensee – es geht weder rein noch raus
Eine andere Perspektive auf das gleiche Thema findet sich einige Straßen weiter. Dort spielt Ignacio P. mit seiner Tochter auf dem Helmholtzplatz Tischtennis. Der 38-Jährige wohnt seit neun Jahren mit seiner Familie ganz in der Nähe, in Weißensee. „Wir kommen hier nicht mehr raus“, sagt er.
Die Mietpreise seien so stark gestiegen, dass sie gar keine andere Wohnung mehr finden könnten. Also bleiben sie hier. Er glaubt jedoch, dass diese Entwicklung in Schüben komme. „Wir sind genau die Generation, die die ganzen Probleme hatte: keine Kitaplätze, dann keine Schulplätze.“ In zehn Jahren, so glaubt er, werden die Kindergärten und Schulen wieder zu wenige Kinder haben. Es kämen ja keine neuen Familien mehr „rein“.
Prenzlauer Berg, Weißensee, Pankow – wer es sich leisten konnte, ist im letzten Jahrzehnt „reingekommen“, oder man hat einen Mietvertrag aus den Neunzigern. Jetzt scheint die Tür in beide Richtungen verriegelt.
Ignacio P. (38) mit seiner Tochter auf dem Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg.
© Kate Schultze für Berliner Zeitung
Dass es hier ein wenig „wie unter einer Glaskuppel“ ist, findet auch Maija F. Die 25-jährige Erzieherin empfindet den Kiez wie „eine eigene Sphäre“. Sie verbringt eine kurze Pause am Hintereingang ihres Kindergartens. Von angenehmer Atmosphäre im Kiez berichtet sie, am Wochenende sei der Markt nahezu familiär. Das bekomme sie auch von den Eltern auf der Arbeit mit.
Diese Stimmung mag aus den gesitteten Lebensverhältnissen kommen, die in Pankow vorherrschen: Im Gesundheits- und Sozialstruktur-Ranking des Berliner Sozialatlas liegt der Bezirk auf dem zweiten Platz. Nur Steglitz-Zehlendorf schneidet besser ab, wenn es um die Belastungen im Erwerbsleben, die Wohnlage, das Armutsrisiko oder die Gesundheit seiner Bürger geht.
Doch Maija F. kann auch eine andere Geschichte erzählen: wie viel die Erzieherinnen und Erzieher aufzufangen hätten. Integration und Förderbedarfe blieben an ihnen hängen, ohne dass sie in großem Maße geschult würden. Dafür wünsche sie sich mehr Aufmerksamkeit. Der soziale Bereich falle oft unter den Tisch, findet sie.
Ein neues Verantwortungsgefühl für Jugendliche
Wie stark Pankow zwischen Wohlstand und sozialen Problemen schwankt, zeigt sich nicht nur bei den Erwachsenen. Auch die jüngste Generation der Wahlberechtigten blickt mit gemischten Gefühlen auf ihren Kiez. Der Wohnungsmarkt ist natürlich auch bei denen Thema, die von zuhause ausziehen wollen. Doch Maya K. und Lena D. treiben noch andere Probleme um. Sie sitzen in der Kulturbrauerei und diskutieren schon über Politik, bevor wir sie ansprechen.
Die 17-jährige Maya K. ist eine der rund 50.000 Berliner Jugendlichen, die durch die Wahlreform von 2023 erstmals bei der Abgeordnetenhauswahl stimmberechtigt sind. Ihre Freundin Lena D. ist schon volljährig und wäre ohnehin im September Erstwählerin.
Als überfordernd, aber auch als erhebend beschreiben sie das Verantwortungsgefühl, das sie jetzt empfinden. Druck und Stolz scheinen nah beieinander zu liegen, denn nicht zu wählen sei keine Option. Doch sie wissen: „Man kann eben von einer Wahl nicht alles haben, was man sich jemals gewünscht hat.“
Das, was sie dann über ihre Lebensrealität erzählen, ist geprägt von zwei Themen: sogenannten „Third Places“, die fehlen, und der Sorge um Radikalisierung im Internet.
„Politik wird nur für alte Leute gemacht“
Ein „Third Place“ ist ein dritter Ort neben der Schule (oder Arbeitsstelle) und dem Zuhause. Ein Ort zum Austausch mit Gleichaltrigen, zum Ausüben von Hobbys – im Idealfall kostenfrei, ohne Konsumdruck. Davon wünschen sich die beiden Freundinnen mehr in Pankow, insbesondere für ihre Generation, zwischen Kindheit und Erwachsenenalter.
Sie erzählen, wie sie es an sich selbst beobachten: Es gäbe keine Orte, um Zeit gemeinsam zu verbringen, zu wenige Jugendeinrichtungen. Entsprechend einfach verfalle man der Versuchung, zuhause zu bleiben, am Handy.
Maya K. (17) und Lena D. (18) sitzen auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Nicht zu wählen ist für sie keine Option.
© Kate Schultze für Berliner Zeitung
Von der Politik fühlen sie sich nicht gesehen: „Die Repräsentation für junge Leute fehlt“, meint K. „Und die Lust schwindet, sich mit Politik zu beschäftigen, wenn die eh nur für alte Leute gemacht wird.“ Auch mit der neuen Wählergruppe sind die jungen Leute für Parteien gut vernachlässigbar. Selbst bei 50.000 neuen wahlberechtigten 16- und 17-Jährigen in ganz Berlin leben allein in Pankow über 68.000 Menschen, die älter als 65 sind.
Wie sich Kinder im Internet radikalisieren
Dass das Internet die fehlenden Begegnungsorte für Jugendliche auffängt, sehen sie an einem weiteren Thema: „Social Media ist für viele der erste Kontaktpunkt mit Politik“, sagt Maya K. Dies gelte umso mehr, wenn in der Familie oder Schule nicht wirklich darüber gesprochen werde, ergänzt Lena D.
In den sozialen Medien warteten dann Echokammern, die genau das böten, was es in der Stadt für junge Leute kaum gebe: Gemeinschaftsgefühl und Zugehörigkeit. Außerdem werde dort eine politische Meinung serviert, ohne dass man sich großartig informieren müsse.
Maya K. wird sichtlich betroffen, als sie von einem ehemaligen Freund erzählt, der in einer rechtsextremen Blase im Internet immer aktiver geworden sei. „Ich kenne ihn, seit ich sechs bin. Das ist schon gruselig“, sagt sie. „Man dachte, man hätte eine ähnliche Weltsicht.“ Sie sei extrem erschrocken, als sie die rechten Videos gesehen habe, die er nun hochlädt.
Es gehe um Selbstwirksamkeit, um Verbindung. Deshalb empfinden die beiden sowohl bei sich als auch bei Gleichaltrigen einen riesigen Wunsch danach, mehr in den Austausch zu treten. Sich zu unterhalten, ohne gleich politisch missioniert zu werden oder zu missionieren. Sie wünschen sich untereinander mehr „ehrliches Interesse, ohne dass man zu 100 Prozent zustimmen muss“, sagt Maya K. Sonst seien alle nur in ihren eigenen Blasen.
Dorothea F. sitzt im Schlosspark Pankow am Wasser.
© Kate Schultze für Berliner Zeitung
„Demokratie ist schön“
Das Abrutschen in politische Extreme besorgt auch ältere Menschen, die wir etwas weiter im Norden in Niederschönhausen treffen. Dorothea F. (Name geändert) möchte wegen ihrer persönlichen Geschichte anonym bleiben: Sie sei in der DDR politisch verfolgt worden, ihre Eltern seien sogar in Haft gewesen.
Man merkt schnell, dass die Rehabilitierung bis heute das Lebensthema der 61-Jährigen ist. In dieser Angelegenheit fühle sie sich auch von der Politik massiv vernachlässigt: „Das wirkliche Leid der Opfer wird in der Gesellschaft nicht gesehen“, sagt sie. Das spiegelt sich auch in ihrer politischen Einstellung wider: „Ich möchte kein Links- oder Rechtsaußen. Demokratie ist schön – ich möchte das nicht nochmal erleben.“
So schleichen sich, wenig verwunderlich, immer wieder bundespolitische und ganz grundsätzliche Themen in den Berliner Wahlkampf. Den Kampf gegen die AfD nannte auch Ignacio P., der Vater an der Tischtennisplatte, noch vor den hohen Mieten als seine größte Sorge.
Drei Wochen noch haben die Parteien Zeit, all die Einwohner in Pankow zu überzeugen. Der Bezirk ist reich und verwundbar zugleich, weltoffen und doch abgeschottet hinter seinen eigenen Mietpreisen. Die Bürger suchen Lösungen für die Lokalthemen, aber auch Hoffnung für ihre langfristigen Sorgen.
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