WASHINGTON. Barack Obama wird gewusst haben, worauf er sich einlässt. Innenpolitisch steht der US-Präsident seit Monaten wegen Gesundheitsreform und aktiver Konjunkturpolitik im Kreuzfeuer konservativer Kritiker. Mit der Entscheidung, auf den Langstreckenraketen-Schild in Europa zu verzichten, dem bislang wichtigsten Kurswechsel in der Verteidigungspolitik seiner Amtszeit, hat er der heimischen Opposition nun auch eine außenpolitische Flanke eröffnet. Die Reaktion aus dem republikanischen Lager kam prompt: "Ernsthaft töricht", schimpfte Senator und Ex-Präsidentschaftskandidat John McCain. "Das ermutigt Russland und Iran auf Kosten unserer Alliierten", empört sich der republikanische Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, John Boehner. "Kurzsichtig und schädlich für unsere langfristigen Sicherheitsinteressen", assistiert Senatskollege Mitch McConnell.Ronald Reagens ErbeDoch so vorhersehbar die republikanische Kritik war, so wenig muss Obama sie fürchten. Seit Ronald Reagans Star-Wars-Projekt in den 80er-Jahren haben die Raketenabwehrpläne der US-Republikaner in den USA heftige innenpolitische Debatten ausgelöst. Doch auch als George W. Bush zu Beginn des Jahrzehnts Reagans Traum reaktivierte und den Aufbau einer nationalen Raketenabwehr anging, blieb das Volk skeptisch: Zwei Drittel der US-Bürger gaben in Umfragen an, man solle lieber an dem Thema weiter forschen, statt einen technisch nicht ausgereiften Schutzschirm aufzuspannen. Zwei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges fürchten die meisten US-Bürger weniger anfliegende Raketen feindlicher Länder als neue Terrorakte nichtstaatlicher Gruppen. Im Kongress zögerte zuletzt auch manch Republikaner, immer neue Milliarden für das teure Projekt zu bewilligen.Auch angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise dürfte es der Opposition nun schwerfallen, Obama wegen des Verzichts auf den Langstreckenraketen-Schild in Europa politisch in die Enge zu treiben. Zumal der von Bush übernommene Verteidigungsminister Robert Gates, ein Republikaner, dem Präsidenten Flankenschutz gibt: "Diejenigen, die sagen, wir hätten die Raketenabwehr in Europa verschrottet, sind entweder falsch informiert oder verdrehen die Wahrheit", erklärte der Pentagonchef unter Hinweis auf die neuen Pläne, im Mittelmeerraum Schutzgürtel gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen zu errichten. Der demokratische Senator und Carl Levin nannte die neue Politik eine "gute Entscheidung, die unsere Sicherheit erhöht". Vor allem das war für den Präsidenten eine gute Nachricht: In den US-Medien war das Thema am Freitag schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden.
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