Wirte fürchten die Konkurrenz der Ost-Bezirke nicht mehr / Nur Restaurants klagen über Flaute

Kneipengänger kehren zurück in ihren Kiez

Petra Ahne
4 Min

Vor einem Jahr ungefähr fiel Jochen Ziegenhals etwas auf an seinen Gästen im "Atlantic" an der Bergmannstraße. Gesichter waren plötzlich darunter, die der Wirt früher oft gesehen hatte und dann auf einmal nicht mehr. Gäste, die sich vor ein paar Jahren verabschiedet hatten, weil sie woanders hinzogen, nach Mitte und Prenzlauer Berg. Jetzt waren sie wieder da, und brachten manche Erkenntnis mit: "So toll ist es da drüben auch wieder nicht", sagten sie. Und: "Es geht doch nichts über einen gewachsenen Kiez."Die Zeiten, in denen die Kreuzberger Kneipenbetreiber Angst hatten, ihre Gäste an die Konkurrenz in den östlichen Bezirken zu verlieren, sind vorbei. Jochen Ziegenhals merkt es an seinem Umsatz. Er hat auf den Aufschwung reagiert und sein Eck-Café renovieren lassen. "Der Prenzlauer Berg hat sein Pulver schnell verschossen. Die Leute fühlen sich nicht mehr wohl in der künstlich hochgezogenen Kneipenszene dort." Mitte müsse man allerdings ernster nehmen. Claus Labonté, bei der Industrie- und Handelskammer für Gastronomie zuständig, bestätigt Ziegenhals Eindruck: "Zumindest bei den Kneipen in Kreuzberg 61 ist die Flaute vorbei." Auch bei einigen Kneipen im ehemaligen Postzustellbezirk Kreuzberg 36 läuft das Geschäft wieder besser. Bei Jürgen Wilb, Besitzer des "Madonna" an der Wiener Straße ist seit einem Jahr abends wieder mehr Geld in der Kasse. Außerdem tauchen auch bei ihm wieder öfter Gäste von früher auf: Der 31jährige Stefan Wank zum Beispiel. Der "Madonna"-Stammgast ist vor drei Jahren nach Prenzlauer Berg gezogen, in ein besetztes Haus. Ein Jahr später kam er zurück nach Kreuzberg. "Es gab so einen Boom, alle wollten plötzlich in Prenzlauer Berg wohnen. Ich habe mich da aber immer fremd gefühlt." Außerdem ist ihm die "Abzockerei" auf die Nerven gegangen. "Schlechter Service gehört doch in vielen der schnell hochgezogenen Kneipen rund um den Kollwitzplatz dazu."Doch nicht nur die Dreißig- bis Vierzigjährigen, die hofften, in den östlichen Bezirken das Kreuzberg der 80er Jahre wiederbeleben zu können, kehren an vertraute Orte zurück. Auch die jüngere, vor allem nach Friedrichshain abgewanderte linksalternative Szene erinnert sich an ihre Kreuzberger Wurzeln. Eine davon liegt im "Ex" an der Gneisenaustraße. Die einstige Hochburg der Autonomen wurde bis vor sechs Monaten von einem zwölfköpfigen Kollektiv betrieben. Neuer Mieter ist eine GmbH aus 20 politisch engagierten Gruppen, die das Café abwechselnd bewirtschaften. "Viele, die kommen, wohnen in Friedrichshain", sagt ein Mitglied der Anti-Atomkraft-Gruppe. Seit dort die besetzten Häuser geräumt sind, sei man froh, in Kreuzberg einen Ort gefunden zu haben, an dem die Fäden zusammenlaufen.Es sei doch normal, daß alles in Bewegung ist, meint Jürgen Wilb im "Madonna". Wer weiß, vielleicht sei in fünf Jahren Marzahn der angesagteste Bezirk. Er sieht ein Kreuzberg kommen, das ruhiger und gediegener sein wird als in den achtziger Jahren. Dessen Bewohner gutes Essen schätzen und dafür auch ein bißchen mehr ausgeben. Wenn es soweit ist, haben vielleicht auch Restaurants wie das "Blue Goût" wieder eine Chance. Vor zwei Jahren ist das Lokal von der Görlitzer Straße in Kreuzberg 36 nach Mitte an die Anklamer Straße gezogen. "Seit wir in Mitte sind, geht es uns viel besser", sagt Inhaberin Simone Fischer. "Wir haben nun Gäste aus Schöneberg und Dahlem. Nach Kreuzberg 36 haben die sich wohl nicht getraut." Auch wenn die Kreuzberger ihr Bier wieder öfter in der Kneipe an der Ecke kippen viele Ausgehwilligen aus anderen Teilen der Stadt fahren weiter nach Mitte. Das bekommen vor allem Restaurants der gehobeneren Preisklasse wie das "Abendmahl" zu spüren. "Zum Glück haben wir noch Stammgäste, die extra zum Essen herkommen", sagt Uwe Einenkel, der seit fast zehn Jahren das vegetarische Lokal an der Muskauer Straße betreibt. Die Umsatzeinbußen konnte er nur auffangen, indem er Personal entließ. Auch im österreichischen Restaurant "Jolesch" ein paar Häuser weiter sieht es seit zwei Jahren "ganz schlimm" aus. "Um 30 Prozent ist unser Umsatz zurückgegangen", berichtet die Inhaberin Edith Berlinger. Noch hält die Wirtin Kreuzberg 36 die Treue. Viel Freude macht es nicht mehr.

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