Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ließ ihre für den 1. Juni geplante Teilnahme am Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) in Bad Saarow kurzfristig absagen – unter Verweis auf eine Erkrankung. Doch nur wenig später nahm sie an der Personalversammlung ihres Ministeriums teil und führte auf dem Netzwerk- und Lobbyschiff „Pioneer Two“ ein 45-minütiges Bühnengespräch mit zahlenden Gästen. Diese Diskrepanz war Gegenstand der Bundespressekonferenz – und brachte Ministeriumssprecherin Susanne Ungrad sichtbar in argumentative Verlegenheit.
Ungrad griff auf Nachfrage dieser Zeitung zu einer Formulierung, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet: Sie könne den Gesundheitszustand der Ministerin nicht kommentieren, fest stehe aber, dass Reiche bereits vor ihrer China-Reise erkrankt sei und die Veranstaltung am 1. Juni „gesundheitlich an dem Tag leider nicht möglich“ gewesen sei. Eine „relativ kurzfristige Entscheidung“ habe man getroffen, weil sich die Ministerin „am Wochenende bzw. am Montag nicht wohlfühlte“.
So weit das offizielle Narrativ. Es kollidiert allerdings mit einer dokumentarisch gut belegten Realität: Bereits am Vormittag des 2. Juni stand Reiche vor der versammelten Belegschaft ihres Hauses auf der Personalversammlung in der Kantine an der Scharnhorststraße. Das Handelsblatt beschrieb den Termin als „echtes Auswärtsspiel“ für die Ministerin, bei dem es vieles zu bereden gegeben habe. Von einer rekonvaleszenten Politikerin, die sich vor einer öffentlichen Rede schont, kann an diesem Vormittag keine Rede sein.
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Damit nicht genug: Am Abend desselben Tages, ab 18 Uhr, trat Reiche auf der „Pioneer Two“ auf – einem „Medienschiff“ des Medienunternehmens Media Pioneer. Beworben wird das Schiff als „Platz für exklusive Veranstaltungen, Medienproduktion und hochwertigste Business-Networking-Möglichkeiten“. Als „Referenzpartner“ werden unter anderem die Nato, die Quirin-Privatbank, IBM und der Pharmariese Roche aufgeführt.
Die Referenzpartner des Medienschiffes „Pioneer Two“: Militär, Pharma, Privatbanken und IT-Sektor
© Screenshot OAZ
Wer sich das muntere 45-minütige Bühnengespräch mit Pioneer-Chefkorrespondentin Karina Mößbauer anschaut, erkennt eine Ministerin in voller intellektueller und physischer Verfassung – nur 24 Stunden, nachdem die ostdeutschen Wirtschaftsvertreter in Bad Saarow mit der bekannten Begründung vergeblich auf sie gewartet hatten.
Eine Sprecherin, die ausweicht
Auf die Nachfrage dieser Zeitung, ob der Ministerin die Symbolik dieser Priorisierung bewusst sei und ob es einen Versuch gegeben habe, den OWF-Auftritt nachzuholen – schließlich hätte dieser ebenso lange gedauert wie der Pioneer-Termin, wich Ungrad in eine Aufzählung früherer Ostdeutschland-Aktivitäten aus: Sommerbesuche im Vorjahr, ein Termin bei der PCK-Raffinerie in Schwedt, ein Besuch bei der Leag. Die eigentliche Frage – warum die exklusive Lobby- und Netzwerkveranstaltung eines Hauptstadtmediums Vorrang vor dem wichtigsten ostdeutschen Wirtschaftsforum hatte – blieb unbeantwortet.
Auch Regierungssprecher Steffen Meyer sprang der Ministerin bei, vernahm in der Frage einen „gewissen Unterton“ und verwies darauf, dass die Bundesregierung in Bad Saarow durch Bundeskanzler Friedrich Merz, den Digitalminister sowie Staatsministerin Elisabeth Kaiser vertreten gewesen sei. Das mag zutreffen – ersetzt aber nicht die Anwesenheit jener Ressortchefin, deren Politikfeld den thematischen Kern der Veranstaltung bildete. Zumal Reiche selbst aus Brandenburg stammt und ihre Partei in den ostdeutschen Ländern unter erheblichem Druck steht.
Ein Muster, kein Einzelfall
Die Causa Bad Saarow steht nicht für sich allein. Schon im Mai ließ sich Reiche bei der Energieministerkonferenz (EnMK) auf Norderney entschuldigen; der EnMK-Vorsitzende Christian Meyer bedauerte dies öffentlich gegenüber dem ZDF mit dem Hinweis, man habe schließlich „gemeinsame Ziele“. Im Oktober 2025 sagte sie kurzfristig ihren Auftritt beim Branchentreffen der Heizungsindustrie ab – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Branche nach eigener Darlegung dringend auf Signale zur Reform des Gebäudeenergiegesetzes wartete. Einladungen von Naturschutz- und Verbraucherverbänden wie Nabu oder VZBV lehnt das Ministerium seit Amtsantritt regelmäßig ab, ebenso wiederholte Anfragen des Bundesverbands Erneuerbare Energie und des Bundesverbands Windenergie.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Erkrankungserklärung wie ein dünner Vorhang vor einem strukturellen Befund: Reiche meidet jene Foren, in denen kritisches Fachpublikum sitzt, und bevorzugt Settings, in denen Fragen, Themen und Tonalität kalkulierbar bleiben. Die „Pioneer Two“ – ein Medienschiff mit kuratiertem Publikum und einer wohlwollenden Interviewerin – ist exemplarisch für diese Auswahllogik. Das Ostdeutsche Wirtschaftsforum mit seinem heterogenen Plenum aus ostdeutschen Mittelständlern, Gewerkschaftern, Energieversorgern und kommunalen Vertretern hingegen wäre wohl weniger ein Wohlfühltermin für sie gewesen.
Die ostdeutsche Dimension
Brisant ist die Entscheidung vor allem auch deshalb, weil das OWF zum bedeutendsten wirtschaftspolitischen Format östlich der Elbe avanciert ist. Eine Bundeswirtschaftsministerin mit Brandenburger Wurzeln, deren Partei in Sachsen, Thüringen und Brandenburg in Existenzkämpfe gegen die AfD verstrickt ist, hätte hier ein Pflichtsignal zu senden gehabt. Stattdessen vermittelt die Sequenz – Absage in Bad Saarow, Auftritt vor der eigenen Belegschaft, Lobby-Bühne in Berlin-Mitte – eine Hierarchie der Aufmerksamkeit, die in den ostdeutschen Wirtschaftsverbänden mit Sicherheit registriert worden ist.
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Hinzu kommt eine kommunikationsstrategische Dimension: Für 2,2 Millionen Euro jährlich hat das Ministerium die Agenturen Scholz & Friends und FGS Global mandatiert, parallel laufen interne Ausschreibungen für Redenschreiber und Pressereferenten. Die Investition in Image-Architektur kontrastiert eigentümlich mit der Schwäche im klassischen politischen Handwerk – nämlich dort zu erscheinen, wo man erwartet wird.
Was offen bleibt
Die Bundespressekonferenz konnte die zentrale Frage nicht klären: Wie verträgt sich eine Erkrankung, die einen Auftritt am 1. Juni in Bad Saarow unmöglich macht, mit einer Personalversammlung am Morgen des 2. Juni und einem 45-Minuten-Bühnengespräch am Abend desselben Tages? Ungrad verwies sinngemäß auf die Privatsphäre der Ministerin. Wenn eine Ministerin öffentliche Termine selektiv absagt und wahrnimmt, endet das Recht auf Schweigen dort, wo politische Rechenschaftspflicht beginnt. Die ostdeutsche Wirtschaft hat ein Anrecht auf eine ehrlichere Antwort, als sie in der Bundespressekonferenz gegeben wurde.
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