JHAMU VAS. 65 Jahre alt ist der Bauer, und man sieht es ihm an. Die indische Sonne hat tiefe Falten in das Gesicht von D. S. Yadav gezogen. Seine Handflächen sind so zerfurcht wie die Äcker, auf denen er in dem Dorf Jhamu Vas Weizen angebaut hat. Es war ein Leben bestimmt vom Monsun, der manchmal zu viel, häufig zu wenig Regen brachte. Gerade kehrt Yadav vom Feld zurück. Auf dem Rücken schleppt er Heu, Futter für seine Büffel. Der Bauer wischt den Schweiß von der Stirn und schüttelt unwillig den Kopf. "Nein", sagt er und schaut verächtlich auf die knallrote Solarlampe, die ihm ein junger Mann anpreist. "Was sollen wir mit dem Zeug? Meine Frau ist um fünf Uhr abends mit dem Kochen fertig. Wenn wir essen, zünden wir eine Kerosinlampe an."Zwei Söhne hat der Mann großgezogen, die beiden Enkelkinder sind fast erwachsen. Nun will ausgerechnet der 19-jährige Ravi Lampa etwas an seinem Leben ändern. Der arbeitet für Indiens Institut für Ressourcen und Energie, TERI genannt, dessen Generaldirektor Rajendra Pachauri für seine Bemühungen um das Weltklima 2008 gemeinsam mit dem früheren US-Vizepräsidenten Al Gore den Friedensnobelpreis erhielt. "Eine Milliarde Leben erleuchten!", lautet der griffige Slogan der Kampagne, mit der TERI "Träume erfüllen" will.Ein Viertel der weltweit 1,6 Milliarden Menschen, die ohne Stromanschluss leben, wohnen in Indien. Jedes dritte der über 600 000 indischen Dörfer hat keine Elektrizität. Teri verteilt dort nun Lampen, deren Akkus tagsüber mit Hilfe von Solarzellen aufgeladen werden. Ravi ist von der Sache überzeugt: 40 bis 60 Liter Kerosin könne eine Bauernfamilie pro Jahr mit den Lampen sparen, erklärt er.Bauer Yadav kennt die Geschichte schon und hat eine Antwort parat, auf die der junge Umweltschützer keine Entgegnung weiß. "Was ist, wenn mir die Lampe kaputtgeht?", fragt Yadav. "Dann muss ich bezahlen." Er packt sein Heu und zieht weiter. Ravi Lampa bleibt frustriert zurück. Er weiß schon, wie ablehnend die Bauern reagieren. 1 900 Bewohner zählt das Dorf 70 Kilometer von Indiens Hauptstadt Neu Delhi entfernt. Ravis Vater, Besitzer des einzigen Fernsehers in dem Weiler, hat sich von TERI überreden lassen, die Ladestation für die Lampen zu betreiben. Dort wird die - nach vier Stunden Betrieb - erloschene Lampe abgegeben, eine mit vollem Akku mitgenommen, und die leeren Akkus kommen ans solar betriebene Ladegerät.Für Ravis 17-jährige Kundin Rajni Yadav sind die Solarlampen ein großartiger Erfolg. Die junge Frau geht zwar noch zur Schule, gibt nun aber bis abends um acht Uhr in ihrer Freizeit Nachhilfeunterricht für sieben- bis 15-jährige Kinder. "Ich verdiene jetzt mehr", sagt Rajni. Sie kann in der Dunkelheit unterrichten und anschließend bis Mitternacht für ihr eigenes Examen büffeln. Früher hätte Rajni teure Kerzen gekauft oder im Schein von Diyas gelernt - ölgefüllten Tonlampen, die fürchterlich rußen.Aber die Nachbarn bleiben skeptisch. "Wir vermitteln täglich nur 15 bis 20 Lampen", sagt Ravi, "vielen Leuten ist der einen Kilometer lange Fußmarsch zu uns zu weit." Ravi selbst scheint auch nicht hundertprozentig überzeugt zu sein. Er spart für einen Generator, der die sieben Computer antreiben soll, die der angehende Unternehmer bald in einem Internet-Shop in seinem Heimatdorf aufbauen will. Dort gibt es zwar ein Stromnetz, aber dunkel bleibt es meist doch, weil Stromausfälle die Regel sind.Indien möchte zwar in den kommenden Jahren in den Klub der fünf weltgrößten Wirtschaftsmächte aufsteigen, aber die Energieversorgung hier im Dorf passt nicht zu dem Anspruch. Sie ändert sich für die Kunden im Wochentakt: Sieben Tage lang gibt es - zumindest theoretisch - abends Elektrizität, in der Woche darauf vom frühen Vormittag bis zum späten Nachmittag und in der dritten Woche kommt der Strom am frühen Morgen. Wenn er überhaupt kommt.Die Solarlampen von TERI mögen zwar abends Licht in dunkle Kammern bringen, die Alltagsbedürfnisse des Dorfes decken sie nicht. Das gibt eine Sprecherin im Hauptquartier in Delhi unumwunden zu: "Unsere Solarlampen werden nie eine Alternative zur allgemeinen Stromversorgung sein."So ähnlich denkt das ganze, mehr als eine Milliarde Einwohner zählende Land. Alternative Energien wie Solarstrom und Windkraft werden in Indien zwar gefördert, auch der Bau mehrerer Großstaudämme ist geplant. Den größten Zuwachs an Stromproduktion will man aber mit dem Ausbau von Kohle- und Atomkraftwerken decken. Umwelt- und Klimaschutz dürfe nicht zu Lasten des Wirtschaftswachstums gehen, sagen Regierung wie Opposition.30 Prozent seines Energiebedarfs produziert Indien auf der Basis von Erdöl, das zu 60 Prozent importiert wird. Diese Abhängigkeit will die Regierung unbedingt brechen - und massiv Atomkraftwerke ausbauen, obwohl Indien so in die Abhängigkeit von uranexportierenden Ländern gerät. Statt 4 100 Megawatt - etwa drei Prozent der heutigen Gesamtproduktion - sollen Mitte des Jahrhunderts 275 000 Megawatt aus indischen Atomkraftwerken fließen. Die Regierung macht sich nicht einmal die Mühe, die Kernkraft als klimafreundlich, weil emissionsarm, zu preisen.Im Jahr 2025, so verkündete 2006 die Nuclear Power Corporation of India, werden 62 Reaktoren am Ganges stehen. Das Land besitzt heute 17 funktionierende AKW, befinden sich im Bau, zehn weitere sind in Planung. Staaten wie die USA, Kanada, Russland und Frankreich umwerben die zuständigen Regierungsstellen in Delhi. Schweden bietet seine Dienste bei der ungelösten Frage des nuklearen Abfalls an. Alle wollen von einem Markt profitieren, der konservativ auf 40 Milliarden, von Optimisten auf 100 Milliarden Dollar geschätzt wird.Möglich wurde der Run auf die indische Atomkraft dank einer Vereinbarung zwischen den USA und Indien, der auch die internationale Nuclear Supplier Group zustimmte. Danach muss Indien nur 14 seiner Atomkraftwerke unter internationale Aufsicht stellen. Es darf seine zivile Kernkraft ausbauen, ohne den Bau von Atomwaffen unter internationale Kontrolle zu stellen.Doch die hochfliegenden Pläne stoßen an eine Grenze, gesetzt durch die schlechte Qualität der Uranvorkommen. Indien leidet seit Jahren an eklatantem Uran-Mangel, so dass die Reaktoren teilweise heruntergefahren werden mussten. Inzwischen konzentriert sich das Außenministerium auf die sogenannte Uran-Diplomatie: Man hofiert Namibia ebenso wie die Mongolei. Beide Länder haben große Uranvorkommen. Nur Australien lehnt es ab, Uran zu liefern, weil Indien sich nach wie vor weigert, den Atomwaffensperrvertrag zu unterschreibenSolche internationalen Verwicklungen bereiten der Regierung größeres Kopfzerbrechen als Proteste im eigenen Land. In Jadugoda, Meghalaya, Haripur und Jaitapur wehren sich die Anwohner seit Jahren gegen den Uran-Abbau. Sie machen radioaktive Abfälle und Umweltverschmutzung für chronische Gesundheitsprobleme verantwortlich. In Peringome und Kothamangalam stoppten Proteste der Bevölkerung den Bau von zwei Atomkraftwerken. Auch der Widerstand gegen das AKW Koodankulam geht weiter. Erst im Juni formierte sich eine nationale Allianz der Antiatombewegung (NAAM). "Die Sache droht außer Kontrolle zu geraten", warnte S. P. Udayakumar, einer der Organisatoren, vor den indischen Atomkraftplänen.Wie groß die Gefahren sind, wurde Ende September deutlich: Auf der Baustelle eines Kohlekraftwerkes stürzte ein 70 Meter hoher Schornstein ein und begrub Dutzende Menschen unter sich. Verantwortlich war die Firma Balco. Sie gehört zu den Hauptpartnern von Indiens staatlichem Atomkraftwerk-Bauer Nuclear Power Corporation of India.------------------------------Die Position vor KopenhagenAnkündigung: Indien ist bereit, internationale Verpflichtungen einzugehen, lässt sich aber nicht auf rechtlich verbindliche Ziele für die CO2-Minderung ein. Laut Kyoto-Vertrag ist es nicht dazu verpflichtet. Umweltminister Jairam Ramesh sagte Mitte Oktober: "Wir machen nationale Gesetze über Energieeffizienz, schreiben verbindliche Standards für Brennstoffeffizienz vor, werden also letzten Endes unsere Klimagas-Emissionen senken." Indien will, dass Industrieländer Klimaschutz in ärmeren Ländern mitfinanzieren.Ausgangslage: In absoluten Zahlen gemessen, gehört Indien zu den zehn schlimmsten Umweltverschmutzern der Welt. Aber pro Kopf verursachen die Inder nur rund eine Tonne Kohlendioxidausstoß pro Jahr, der Weltdurchschnitt liegt bei vier Tonnen, die USA erreichen 19 Tonnen pro Kopf. Indien holt auf: Es ist drittgrößter Kohleproduzent der Welt, besitzt Reserven für 243 Jahre und will verstärkt Kohlekraftwerke bauen.------------------------------Foto: Aufbau: ein Sicherheitskessel für das indische Atomforschungszentrum "Indira Gandhi" in Kalpakkam.
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