Die deutsche Wirtschaft wächst stärker als gedacht. Das erklären mehrere Wirtschaftsforschungsinstitute unisono und heben ihre Prognosen für das laufende Jahr an. Nicht auf vier oder fünf Prozent, sondern von 0,6 auf immerhin 1,3 Prozent. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ruft daraufhin das Ende der Rezession aus und verkündet, das Tal sei durchschritten.
Das sieht man aber keineswegs überall so. Thüringen vermeldet für das erste Halbjahr 2026 ein Minuswachstum von 0,8 Prozent und ist damit Schlusslicht in Deutschland. Dr. Cornelia Haase-Lerch schlägt deshalb Alarm. „Der Rückgang der Thüringer Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent ist ein deutliches Warnsignal – insbesondere, weil die deutsche Wirtschaft im gleichen Zeitraum um 0,9 Prozent gewachsen ist und Thüringen im Ländervergleich das schwächste Ergebnis verzeichnet“, sagt die Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Erfurt.
Hohe Kosten, Investitionszurückhaltung, Fachkräfteengpässe und strukturelle Belastungen träfen den industriell geprägten Mittelstand in Thüringen besonders hart, so Haase-Lerch weiter. Während andernorts die wirtschaftliche Erholung einsetze, komme sie bei vielen Thüringer Unternehmen noch nicht an.
Bund und Land müssten deshalb jetzt die Standortbedingungen spürbar verbessern, indem sie Energie- und Arbeitskosten auf ein wettbewerbsfähiges Niveau senken, Bürokratie reduzieren, Genehmigungsverfahren beschleunigen und notwendige Reformen konsequent verfolgen, so heißt es im Forderungskatalog aus Erfurt.
Mecklenburg-Vorpommern legte in den ersten sechs Monaten um ein Prozent zu. Die konjunkturelle Erholung wurde maßgeblich vom Tourismusgeschäft und Dienstleistungen getragen. Brandenburg steigerte das Bruttoinlandsprodukt um 1,4 Prozent und profitierte dabei unter anderem von Großansiedlungen, die mit staatlicher Unterstützung entstehen und die Folgen des Kohleausstiegs abfedern sollen.
Im leichten Plus ist mit 0,6 Prozent auch Sachsen-Anhalt, dort verzeichnet die verarbeitende Industrie wieder Umsatzzuwächse. Doch auch Sachsen schwächelt, trotz Großinvestitionen wie der Chipfabrik des taiwanesischen Herstellers TSMC. Der Grund ist der Mittelstand, den vor allem die Energiekosten belasten.
Dass es der Osten in Krisenzeiten schwerer hat als der Westen, liegt an der Wirtschaftsstruktur. Die ostdeutsche Wirtschaft unterscheidet sich in ihrer DNA fundamental von der in den alten Bundesländern. Es gibt keine großen Unternehmenszentralen. Die Wirtschaft ist extrem kleinteilig geprägt. Wertschöpfungsintensive Bereiche wie Forschung, Entwicklung und Verwaltung verbleiben meist im Westen oder Ausland. Zudem sind viele ostdeutsche Betriebe Zulieferer. Sie hängen also stark von den Entscheidungen und der Konjunktur westdeutscher oder internationaler Mutterkonzerne ab.
Eine weitere Herausforderung ist die dünne Kapitaldecke. Ostdeutsche Unternehmen verfügen historisch bedingt über deutlich weniger Eigenkapital als westdeutsche Familienunternehmen. In Zeiten hoher Zinsen und nötiger Transformationsinvestitionen sind sie dadurch stark benachteiligt und weniger widerstandsfähig.
Staatlich subventionierter Aufschwung
Bleibt die Frage, woher das Wachstum in Deutschland überhaupt kommt. Die Antwort ist ernüchternd: Der gegenwärtige Aufschwung wird massiv von staatlichen Mehrausgaben für Verteidigung, Infrastruktur und Strukturwandel getrieben. Das Geld fließt in Bundesbehörden, Rüstungskonzerne oder Bauprojekte. Das erhöht das mathematische BIP Deutschlands, verbessert aber nicht die Wettbewerbsfähigkeit eines Mittelständlers in Thüringen oder Sachsen. Doch auch die deutschen Exporte legten überraschend stark zu, weil Konkurrenten aus der Golfregion aufgrund des Nahostkonflikts Produktionsprobleme haben. Deutsche Firmen füllen im Ausland vorübergehend Lücken. Wie dauerhaft diese Geschäfte sind, wird sich zeigen.
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Um die Situation der ostdeutschen Wirtschaft zu verbessern, gibt es Forderungen der Kammern, Verbände und auch der Wirtschaftsminister. Neben einem schnellen Bürokratieabbau und der Beschleunigung von Infrastrukturprojekten, die relevant sind für Ansiedlungen, geht es um bezahlbare Energie, eine faire Umlage der Netzentgelte und eine Einbeziehung in die Forschungs-, Innovations- und Beschaffungsstrategien des Bundesministeriums der Verteidigung.
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