Millimeter für Millimeter kratzen die Archäologen die Erde ab. Die kleine Fläche in der Baugrube für die neue Tiefgarage am Alexanderplatz ist genau abgesteckt. Erst kommen schwarze Holzreste von alten Särgen zum Vorschein, dann gelblich-braun schimmernde Knochen, die mit Pinseln freigebürstet werden. 50 Gräber haben die Archäologen und Grabungshelfer bereits in eineinhalb bis zwei Meter Tiefe gefunden. An dieser Stelle befand sich einst ein 1713 angelegter Friedhof der Georgen-Gemeinde. Die Gräber stammen alle aus dem 18. Jahrhundert. Davon zeugen auch die barocken Sargbeschläge, sagt Archäologe Michael Hofmann vom Landesdenkmalamt.Die Baugrube am Alex zählt derzeit neben dem Petriplatz zu den größten Ausgrabungsstätten in Berlin. Dass an beiden Orten jetzt innerhalb weniger Wochen spektakuläre Grabanlagen freigelegt wurden, ist nicht zufällig. "Auf jeder Parzelle im alten Stadtgebiet, die jetzt noch frei liegt, werden Grabungen stattfinden, sobald dort gebaut wird", sagt Karin Wagner vom Landesdenkmalamt. Um darauf vorbereitet zu sein, werten die Archäologen historische Bauakten und Fotos aus, die aus den vergangenen zwei Jahrhunderten nahezu lückenlos vorliegen. Für drei Gebiete am Molkenmarkt, den südlichen Bereich der Fischerinsel und den Garten am Staatsratsgebäude wurden umfangreiche Katasterunterlagen angelegt.Zehn bis 15 große Grabungen gibt es jedes Jahr in Berlin. Vor allem von den Untersuchungen in Biesdorf und in Buch erhoffen sich die Archäologen Erkenntnisse darüber, warum weit vor der Stadtgründung Dörfer angelegt und später wieder aufgegeben wurden. "Es geht nicht um sensationelle Funde, wir wollen vielmehr erkunden, wie die Leute gelebt haben", sagt Hofmann. Spuren von Häusern oder auch die Analyse von Tierknochen aus Abfallgruben geben darüber Aufschluss.Natürlich sind die Archäologen begeistert, wenn sie ein historisch wertvolles Stück aus der Erde holen. Am Petriplatz etwa konnten sie mit einem alten Eichenbalken von 1212 nachweisen, dass es auch hier schon vor der ersten urkundlichen Erwähnung Cöllns (1237) eine Besiedlung gab. Hinweise darauf hatte man schon an der Breiten Straße gefunden, dort konnten Holzreste auf das Jahr 1171 datiert werden.Die Skelette vom Alex werden nun ins Landesdenkmalamt geschafft, gesäubert und inventarisiert. Anthropologen interessieren sich schon für diese Funde, denn bislang konnten nur wenige vollständig erhaltene Skelette aus der frühen Neuzeit geborgen werden. Doch es gibt nicht viele Spezialisten in Berlin, die derartige Untersuchungen vornehmen könnten, sagt Hofmann. Anschließend werden die Skelette wieder bestattet - auf dem heutigen Georgen-Nikolai-Friedhof an der Greifswalder Straße.------------------------------Gewölbe, Knochen und HolzbalkenHackescher Markt: Südlich des S-Bahnhofs beginnen Grabungen, dort vermuten Archäologen Hausreste aus dem 18. Jahrhundert.Petriplatz: 700 Skelette (13.-18. Jh.) und ein Eichenbalken von 1212 wurden gefunden.Alexanderplatz: 50 Armengräber fanden sich auf dem ehemaligen Georgenfriedhof.Schlossplatz: Die Fundamente des Münzturms von 1450 wurden ausgegraben. 1997 waren Keller des Stadtschlosses freigelegt worden.Friedrichswerder: Vor dem Bau der Townhouses wurden 13 Brunnenanlagen aus dem 17. Jh. gefunden.Marienkirche: In einer zuvor unbekannten Gruft wurden gut 200 Jahre alte Knochen von 50 Menschen entdeckt.Werderscher Markt: Fundamente und Keller der früheren Bebauung aus dem 17./18. Jh. wurden ausgegraben.Heiliggeistkapelle: Etwa 500 Gebeine (13. bis 18. Jh.) wurden entdeckt.Haus der Wirtschaft: Große Kellergewölbe sowie ein Eichenbalken von 1171 wurden gefunden.Grabungsgebiete gibt es in Köpenicks Altstadt und am Spandauer Burgwall, Siedlungen slawischen Ursprungs (8.-12. Jh.) werden erforscht. In Biesdorf und Buch laufen Grabungen zur römischen Kaiserzeit (1.-4. Jh.) und vorrömischen Eisenzeit (bis 7. Jh. v. Chr.).------------------------------Grafik: Ausgrabungsstätten in Mitte------------------------------Foto: Ein Grab am Alex in zwei Meter Tiefe: Archäologe Manuel Escobedo legt es frei.
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