Lässt sich das Leiden der Menschen an und in der Geschichte auf eine einzige Ursache zurückführen? Genau das tut der Regisseur Raoul Peck in dem kürzlich von Arte ausgestrahlten Film „Rottet die Bestien aus“, der tausend Jahre Geschichte, von den Kreuzzügen bis zum Afghanistan-Krieg, monokausal auf eine Ursache namens Kolonialismus, sprich: Rassismus reduziert. Stellvertretend für andere böse weiße Männer stolpert ein an einen Italowestern erinnernder Schurke durch die Sequenzen der vierstündigen Dokumentation und knallt dunkelhäutige Personen, die ihm begegnen, gnadenlos ab nach der Devise: Leichen pflastern seinen Weg. Ein Wiedergänger des Kongo-Despoten Kurtz in Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ oder des „Kolonialpioniers“ Carl Peters, der seine afrikanische Konkubine und den „Boy“, der sie schwängerte, aufhängen ließ als Richter und Henker in einer Person.
Raoul Peck macht die Gegenrechnung auf
Dass der arabische Sklavenhandel, der dem europäischen vorausging, im Film nicht vorkommt – geschenkt! Der Siegeszug des Islam, der die halbe Welt eroberte, bleibt ebenso unterbelichtet wie die Reiterhorden von Dschingis Khan, Stalins Gulag oder Maos Kulturrevolution, die Millionen Tote forderte. Raoul Peck macht die Gegenrechnung auf: Es geht um Völkermorde, begangen von Europäern und Amerikanern im Namen des Christentums, des Fortschritts oder der Zivilisation, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das nie verjährt. Zwar wird der Dominikaner Las Casas gewürdigt, der bei Karl V. intervenierte zum Schutz der von Konquistadoren massakrierten Indios. Doch unerwähnt bleibt, dass der Schießbefehl des Generals von Trotha gegen aufständische Hereros ebenso heftige Proteste auslöste wie die „Schlacht von Wounded Knee“, ein Massenmord an wehrlosen Frauen, Kindern und Greisen. Dass der Film übers Ziel hinausschießt dort, wo gerechter Zorn über die westliche Doppelmoral umschlägt in grobkörnige Klischees, ist verständlich. Aber wenn schon Wahrheit, dann doch bitte die ganze Wahrheit: Dazu gehört, dass die Kritik am Kolonialismus diesen von Anfang an begleitete, weil, wie Humboldt schrieb, die Idee der Kolonie selbst unmoralisch war. Nicht nur die Kirchen, auch die Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts, Voltaire, Diderot und andere verdammten den Sklavenhandel; auf Betreiben Robespierres wurde die Sklaverei in den französischen Kolonien abgeschafft und erst unter Napoleon wieder eingeführt. Ohne die Revolution von 1789 hätten Haitis Ex-Sklaven nie ihre Freiheit und Unabhängigkeit erkämpft – als gebürtiger Haitianer weiß Raoul Peck das nur zu genau.
All dies ist verzeihlich. Ernster wird es, wenn er Wasser auf die Mühlen der Wokeness- und Cancel-Aktivistinnen gießt und den Antisemitismus einschließlich der Schoah zu Spätfolgen der Kolonialherrschaft erklärt, weil die Nazis anderswo erprobte Methoden des Genozids auf Europa übertragen hätten, wie Aimé Césaire im „Diskurs über den Kolonialismus“ behauptete. Demgegenüber weisen Holocaust-Forscher darauf hin, dass die Judenvernichtung, anders als die Kolonisierung, nicht mit Landnahme, Vertreibung und Raub von Ressourcen einherging. Und Raoul Peck irrt, wenn er behauptet, Joseph Conrad hätte „Herz der Finsternis“ statt in Belgisch-Kongo in jeder anderen Kolonie ansiedeln können. Das Gegenteil ist der Fall: Erst der Augenschein vor Ort, als Angestellter der belgischen „Société Anonyme du Haut Congo“, hat den Autor mit Kolonialgräueln konfrontiert, so wie „Rottet die Bestien aus“ gerade dadurch glaubwürdig wird, dass Raoul Peck seine Herkunft aus Haiti und sein Leben im Exil nicht ausblendet, sondern thematisiert.
Ein Film, der unter die Haut geht
Der Film geht unter die Haut wie ein Einstich in den nackten Oberarm, der derzeit dauernd in Nachrichten aller Kanäle zu sehen ist. Und weil der Regisseur bei der Verdammung des Kolonialismus keine mildernden Umstände gelten lässt, verdient es der Film, genau unter die Lupe genommen zu werden. Die Szene zum Beispiel, in der ein Fotograf Kongolesen mit abgehackten Händen posieren lässt, weil sie zu wenig Kautschuk gesammelt haben, stellt die Dinge auf den Kopf: Die Kodak-Kamera habe ihm mehr geschadet als Proteste von Moralaposteln, sinniert Belgiens König Leopold, dem Bismarck den Kongo als Privatbesitz zuschanzte, in einem Text von Mark Twain. Zu Recht, denn die von Missionaren gemachten Fotos mobilisierten die Weltöffentlichkeit gegen die Kolonialherrschaft.
„Rottet die Bestien aus“ ist mehr als ein Dokudrama, das Europas Kolonialgeschichte auf abrufbare Thesen reduziert. Es ist die Quintessenz des Schaffens von Raoul Peck, eines Cineasten, der mit Filmen über Patrice Lumumba, Haitis König Christophe und den Schriftsteller James Baldwin hervortrat: „I Am Not Your Negro“ – hier ist das N-Wort ausnahmsweise erlaubt.
Hans Christoph Buch lebt in Berlin. Sein Buch „Nächtliche Geräusche im Dschungel – postkoloniale Notizen“ erscheint Mitte Februar im Transit Verlag.
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