Jahrelang sahen die Verantwortlichen tatenlos zu, wie der Checkpoint Charlie zu einer Müllkippe mit Souvenirhandel verkam. Niemanden schien das zu stören. Dann machen sich das Museum Checkpoint Charlie daran, diesen Schandfleck zu beseitigen und plötzlich erheben sie alle ihre Stimme. Senator Flierl (PDS) spricht von einer echten Zumutung und Ausnutzung des Gedenkens, Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer vermutet reine Geschäftemacherei, Senator Böger, Joachim Zeller, Gabriele Camphausen und viele andere, sie alle melden sich plötzlich kritisch zu Wort. Wo waren diese Stimmen in all den Jahren zuvor?Man spricht von "Kommerzialisierung der Erinnerung", von einem Disneyland, das entstehen soll. Nichts sei historisch, die Mauerteile seien von anderen Orten hergebracht worden, hätten damals mitten auf der Straße gestanden. Das ist richtig, aber was ändert das an ihrer Aussage? Was ist denn mit den staatlichen Gedenkstätten? Die heutigen Baracken in der Gedenkstätte Sachsenhausen wurden auch aus mühsam zusammengesuchten Einzelteilen wieder zusammengestellt, aber ändert das irgendetwas an ihrer Aussage? Was ist mit dem als Grotewohl-Express benannten Gefangenentransporter in der Gedenkstätte Hohenschönhausen? Er ist nie in Hohenschönhausen eingesetzt worden, zeigt den Besuchern aber sehr anschaulich, wie der DDR-Staat mit seinen politischen Gefangenen umging. Was ist mit der dort ausgestellten Wasserfolter im Keller, dem so genannten "U-Boot". Mitte der 90er-Jahre nach Angaben eines Häftlings nachgebaut, soll sie die brutalen Verhörmethoden der Sowjets demonstrieren. Viele Museen bedienen sich inzwischen der Nachbildung. Ich kenne keinen Berlin-Touristen, der sich betrogen fühlt, weil das Schloss Charlottenburg zu über 70 Prozent ein Nachkriegsbau ist. Wenn Historiker Geschichte nachgestalten, dann ist das nach Ansicht einiger Kritiker legitim, macht aber ein privates Museum so etwas, dann ist es Disneyland und Kommerz. Das Checkpoint Charlie Museum erhält keine Zuschüsse, wie sie die staatlichen Gedenkstätten erhalten, es belastet den finanzschwachen Berliner Haushalt mit keinem einzigen Euro. Kein einziger Berliner wird gegen seinen Willen über Steuern dafür zur Kasse gebeten. Bezahlt wird es von den vielen Besuchern aus dem In- und Ausland, die hierher kommen, um sich zu informieren.Die jetzt von Frau Hildebrandt geplante Mauer besteht immerhin aus originalen Mauerteilen, die sich äußerlich nicht von den einst vom Senat "entsorgten" Teilen unterscheiden. Sie gibt den unwissenden Berlin-Besuchern einen ungefähren Eindruck, wie es damals an der Grenze in Berlin ausgesehen hat, und nur darauf sollte es ankommen. Und wenn Frau Hildebrandt damit Geld verdient, dann stört mich das überhaupt nicht. Glaubt denn vielleicht irgendjemand, die Direktoren und Mitarbeiter der staatlichen Gedenkstätten arbeiten ehrenamtlich?Alex Latotzky, Kolrep
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]